Bewusstsein und Beziehung Manuskript vom 12. März 2023.

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Inhaltsverzeichnis Exposition 1 1 Das Elend des Physikalismus 13 1.1 Über das Lösen von Rätseln . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 13 1.2 Eine kleine Übersicht über metaphysische Positionen . . . . . . . . . . . . 21 1.3 Die Welt als System von Beziehungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 32 1.4 Panpsychismus . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 35 Anmerkungen zu Abschnitt 1 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 44 2 Emergente Semiose 46 2.1 Emergenz . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 46 2.2 Das Gehirn, ein guter Regulator? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 58 2.3 Funktion und Zeichen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 67 Anmerkungen zu Abschnitt 2 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 76 3 Der relationale Aufbau der Gegenstände 83 3.1 Die Theorie vom Ganzen und seinen Teilen . . . . . . . . . . . . . . . . . 83 3.2 Interpretationen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 94 3.3 Projektive Mereologie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 105 3.4 Objektivität . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 111 Anmerkungen zu Abschnitt 3 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 119 4 Wahrnehmung im Kontext 125 4.1 Ding und Prozess . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 125 4.2 Aspekte der Wahrnehmung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 134 4.3 Einheit des Bewusstseins . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 141 4.4 Wie es ist, eine Fledermaus zu sein . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 148 Anmerkungen zu Abschnitt 4 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 155 5 Die Welt des Bewusstseins 157 5.1 Prozessmereologie der Wahrnehmung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 157 i 5.2 Brücken zur Wissenschaft: Phänomenologie, Kognition und Physik . . . . 160 5.3 Brücken zur Philosophie: Husserl, Kant und Whitehead . . . . . . . . . . 171 5.4 Universelles Bewusstsein . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 180 Anmerkungen zu Abschnitt 5 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 184 Zitatnachweise und Siglen 186 Literatur 188 Autorenindex 221 ii Exposition

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Exposition Bewusstsein der Wirklichkeit Bewusstsein äußert sich als System von Beziehungen. Unsere Welt entspricht einem Netzwerk von Akteuren und deren Verhältnissen. Gleichzeitig können wir Bewusstsein in unserer Wahrnehmung als Verweis auf eine ungeteilte Ganzheit erfahren — etwas, das wir in diesem Buch als Herausbildung eines Zeichens auffassen wollen. Die Aufgabe der Wissenschaften wird dann darin bestehen, dieses doppelte Erscheinen (einmal objektiv als System von Beziehungen, einmal subjektiv als Zeichen) zueinander in Relation zu setzen. Seit Urzeiten wird von der Philosophie die sogenannte Subjekt-Objekt-Spaltung be- klagt und zu überwinden versucht (Jaspers 1950). Dabei gehen heute die meisten Wis- senschaftler davon aus, dass dies am ehesten durch einen physikalischen Naturalismus ge- lingen würde, wonach die Natur als das Gegenstück ihrer Erscheinung anzusehen ist und aus subjekt-unabhängigen, eben rein physikalischen und objektiven Elementen bestünde. Aber vielleicht sollten wir besser beginnen, die alten Begrifflichkeiten sowie deren ver- meintliche Spaltung hinter uns zu lassen. Subjekte und Objekte sind, gemäß der hier vertretenen These, nichts als Pole innerhalb eines Prozesses der Zeichenbildung. Die Aufteilung in Subjektives“ und Objektives“ stellt keine grundlegende Partitionierung ” ” der Wirklichkeit dar (James 1904a). Sie schneidet sie nicht an ihren Gelenken. Wir wer- den als Gegenstück zum vorherrschenden Physikalismus die Ansicht vertreten, dass die Wirklichkeit ein Prozess jenseits der Charakterisierung als physikalisch oder geistig ist. Der Sargnagel des physikalischen Naturalismus ist das Bewusstsein. Aus diesem Grund kommt der Untersuchung des Bewusstseins eine zentrale Rolle zu. Manchmal wird gesagt, dass uns im Bewusstsein die Welt in Erscheinung trete“, oder dass im ” ” Gehirn eine subjektive Realität erschaffen werde“ – als ob es zwei Wirklichkeiten gäbe: die eine (physikalische) außerhalb, die andere (geistige) innerhalb unseres Bewusstseins (eine bifurcation of nature“ wie es bei Whitehead heißt). Wären wir nicht mit dem ” Problem konfrontiert, dass es völlig unverständlich ist, wie sich der Übergang zwischen diesen Wirklichkeiten vollziehen würde, dann wäre der Glaube an einen umfassenden 1 Exposition

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physikalischen Reduktionismus vielleicht besser verdaulich. Aber entzieht sich Bewusst- sein nicht genau einer solchen Beschreibungsweise oder geht dieser sogar voraus? Kann überhaupt sinnvoll von einer Physik des Bewusstseins“ gesprochen werden? ” Da, wo Wissenschaft mit dem Gebrauch von Begriffen und Kalkülen zur Erklärung und Formalisierung empirischer Phänomene gleichgesetzt wird, wird Philosophie oft als das Überdenken eben jener Begrifflichkeiten angesehen. Vergleiche dazu etwa Arno Ros (2005, S. 52): Zur Wissenschaft [. . . ] gehört sowohl die empirische als auch die begrifflich- philosophische Forschung. Beide stehen [. . . ] in einem unauflöslichen syste- matischen Zusammenhang. Leider wird zu oft übersehen, dass es – gerade für Forscher, die sich mit Bewusstsein beschäftigen wollen – fruchtbarer wäre, alte Begrifflichkeiten zu hinterfragen, als es die ein oder andere philosophische Anbiederung an die Neurowissenschaften vermuten ließe. Oft herrscht sogar die Meinung vor, wonach die interpretatorische Tätigkeit der Philo- sophie sowieso wenig relevant sei für die eigentliche“ Forschung. Dies mag vielleicht für ” die spezifische Frage nach dem Mechanismus der Proteinsynthese gerechtfertigt sein, für die Frage, wie und warum uns etwas überhaupt in Erscheinung tritt, ist sie es nicht. Auf der Ebene der Begrifflichkeit herrscht aber noch völlige Unklarheit darüber, wie mit dem Bewusstsein am besten umzugehen sei. Aus diesem Grund ähneln die Ver- suche der gegenwärtigen Philosophie, hier ein materialistisches, panpsychistisches oder doch dualistisches Bild zu entwerfen, den Versuchen aus dem 18. Jahrhundert, ohne die Begriffe DNA“ oder Selektion“ die Phänomene des Lebens zu ergründen. Wir wer- ” ” den daher versuchen, einen Begriff von Bewusstsein vorzustellen, der die Sinnhaftigkeit der Rede von einer Erklärungslücke“ (Levine 1983) zwischen subjektivem Erleben und ” objektivem Naturprozess verneint. Es gibt gute Gründe, einem naiven Objektivitätsbegriff mit Skepsis zu begegnen. Ein oft als selbstverständlich hingenommener Aberglaube meint, dass unsere Theorien die Wirklichkeit zwar selektiv, aber doch unverzerrt (eben wie sie sind“) abbilden würden. ” Theorien beziehen sich dabei auf eine eine objektive (also subjekt-unabhängige) und 2 Exposition

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empirisch zugängliche Wirklichkeit, deren Entschlüsselung als das Ziel von Wissenschaft angesehen werden kann. Eine konzeptionelle Vorstufe zum Aberglauben, dass wir die Wirklichkeit-wie-sie- nun-mal-ist darstellen könnten, ist die Idee, wonach im Bewusstsein eine Spiegelung der (äußeren) Natur vorliegen würde (Rorty 1979). Und auch wenn wir heute nicht mehr daran glauben, dass die Eigenschaften, die wir wahrnehmen – etwa die Farben der Ge- genstände –, wirkliche Eigenschaften der Dinge sind, gehen wir meist davon aus, dass sich unsere Wahrnehmung dennoch auf unabhängig existierende Gegenstände beziehen, die z.B. eine bestimmte Ausdehnung, Lage im Raum oder Masse besitzen. In der Wahr- nehmung erscheinen uns dann diese Gegenstände, wobei wir im Nachhinein zwischen den wahrgenommenen Eigenschaften und ihren tatsächlichen unterscheiden. Whitehead (1920, Kap. 2) spricht etwas spöttisch von der theory of psychic additions“, also von ” einem geistigen Hinzufügungen von Eigenschaften ( im Bewusstsein“), um der Tatsache ” Rechnung zu tragen, dass uns diese Gegenstände immer auf eine bestimmte Art erschei- nen (etwa als gefärbt) und nicht so, wie sie gemäß unseren besten Theorien eigentlich erscheinen müssten. Allerdings ist unserer gewöhnlichen Auffassung von Geist und Subjektivität ebenso wenig zu trauen – so etwa auch der Vorstellung, wonach einige sprachliche Ausdrücke, Abbildungen von (inneren) psychischen Zuständen wären. Auch hier gilt wiederum, dass wir zwar nicht alle diese Ausdrücke wörtlich nehmen – unsere Rede ist zumeist eine metaphorische –, aber dennoch gehen wir in der Regel implizit davon aus, dass sie sich auf einen vorhandenen Gegenstand beziehen, ein introspektiver Bericht scheint ja von einem bestimmten Vorgang zu handelt, der wirklich, wenn auch nur im Kopf“ ” stattfindet. Kritik an dieser Vorstellung wurde z.B. von Feyerabend (1963) geäußert, mit dem Vermerk, dass die Rede über geistige Phänomene immer bereits in einem dualistisch vorbelastetem Vokabular erfolgt. Dieses Vokabular ist jedoch gar nicht so unschuldig, wie es oft erscheint. Der Satz Ich sehe einen roten Apfel“ ist ja selbst bereits eine reflexive ” Bezugnahme auf den Akt der Wahrnehmung. Dabei ist es prinzipiell zu hinterfragen, ob dies überhaupt einem Bild“ eines bewussten Zustandes entspricht. Sofern Sprache also ” auf diese abbildende Weise verstanden wird, bleiben sowohl eine naiv-materialistische 3 Exposition

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als auch eine alltägliche Auffassung des Geistes eher fragwürdig. Anstelle des Versuchs, Bewusstsein auf diese oder ähnliche Weise zu naturalisieren, wollen wir dafür plädieren, zuerst unser Bild von Natur infrage zu stellen. Dies wird zwar Auswirkungen darauf haben, wie wir Bewusstsein verstehen (nämlich nicht mehr als geistigen Gegenstand), aber erst einmal kann es als Überdenken unseres Begriffes von Wirklichkeit angesehen werden. Bevor wir drastische Schritte ergreifen und die Realität des Bewusstseins bestreiten (wie im sogenannten Illusionismus“; Frankish 2017), sollten ” wir vielleicht unsere Vorstellung von Realität hinterfragen. Widerstand kommt dabei von Innen! Einige Interpretationen der Quantenmecha- nik scheinen, trotz gewaltiger inhaltlicher Unterschiede, nicht von den Eigenschaften der Wirklichkeit an sich zu handeln, sondern von den Eigenschaften, wie wir sie an ihr erkennen, also von der Bedingung der Möglichkeit von Erfahrung. Ausgehend von Überlegungen von Bohr, Heisenberg und Pauli tut dies etwa der QBismus (Fuchs & Schack 2014); eine damit verwandte (philosophische) Diskussion des Subjekt-Objekt- ” Zirkels“ in der Quantenmechanik findet sich bei Bitbol (2001). Auf die Ähnlichkeiten mit der philosophischen Phänomenologie, wonach vermeintlich Objektives immer auch subjektiv konstituiert ist, wurde unlängst z.B. durch Bitbol (2021) und de la Trem- blaye & Bitbol (2022) aufmerksam gemacht. Die Wirklichkeit ist reichhaltiger, als es die kategorische Trennung in Geist und Materie vermuten ließe. Unabhängig zur Quantenmechanik scheinen auch die Vertreter der radikaleren Spiel- arten des Konstruktivismus wie Heinz von Foerster, Humberto Maturana und Francisco Varela den Glauben an die Möglichkeit (und Nützlichkeit!) verloren zu haben, objek- tive Realität darzustellen. Kognitiv-biologische Systeme bringen sich selbst hervor und eine jede Theorie eines solchen Systems muss immer auch die Perspektive des Theoreti- kers selbst als Teil des Systems erkennen. Eine ähnliche Vorstellung fand Einzug in die moderne Kognitionsforschung, etwa bei Jan Koenderink (2011) oder Donald Hoffman et al. (2015). Dabei dienen unsere Wahrnehmungen in erster Linie dem Anpassen des Verhaltens eines Organismus und nicht dem ( veridikalen“) Erkennen einer Realität un- ” abhängig vom sie erkennenden Organismus (Prakash et al. 2020, Prakash et al. 2021). In der Wahrnehmung geht es also mehr um das Freilegen von Beziehungen, weniger um 4 Exposition

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ein Darstellen der einen Wirklichkeit. Kritik an der Idee, es gebe die eine Welt unabhängig von unserer Erfahrung, wurde etwa von Mausfeld (2012), Gabriel (2016) oder Hoffman (2019) geäußert. Vorläufer finden sich jedoch bereits bei Kant und im deutschen Idealismus. Wir werden später noch detaillierter auf die Ontologie Bruno Latours eingehen, mit dem Ziel, ein pluralistisches (aber nicht relativistisches!) Wirklichkeitsverständnis zu etablieren. Zu sagen, dass es zwei Welten gäbe – eine innere“ (der Traum) und eine äußere“ (die Hypothese) – ” ” oder dass die Welt als Abbild einer objektiven Wirklichkeit (z.B. einer Ansammlung von Tatsachen) verstanden werden könnte, ist Unsinn. Welt“ ist der Name für ein System ” von Beziehungen, als welches Bewusstsein erscheint. Emergenz und Zeichen Üblicherweise wird versucht, die Pluralität der Wirklichkeit auf eine singuläre Welt zurückzuführen, von der gesagt wird, dass sie durch Subjekte auf mannigfache Weise dargestellt werde. Aber sowohl die äußeren (objektiven) als auch die inneren (subjekti- ven) Bilder scheinen immer nur eine verzerrte Darstellung dieser Wirklichkeit zu liefern. Dabei wird manchmal über das Bewusstsein so gesprochen, als handle es sich um einen Gegenstand einer (äußeren oder inneren) Natur: Bewusstsein als natürliches Phänomen. Aber wenn wir davon sprechen, dass etwas als Phänomen zu begreifen sei, dann stellt sich sofort die Frage, was das denn überhaupt bedeuten soll, dass hier etwas (was und wem?) in Erscheinung (φαινόμενον) tritt? Besonderes Augenmerk richten wir dabei auf diejenigen Modelle, bei denen der Be- griff der Emergenz eine zentrale Rolle spielt. Emergenz bezeichnet das Hervortreten neuartiger Objekte. Ist Emergenz eine Lösung für das Bewusstseinsproblem innerhalb des physikalischen Naturalismus? Dies kann an einigen Beispielen aus den Einzelwissen- schaften untersucht, aber auch auf systematischer Ebene beleuchtet werden. Die vielleicht interessanteste Klasse von Emergenztheorien, wie sie typischerwei- se in Prozessen der Selbstorganisation zu beobachten sind, bilden diejenigen, welche z.B. durch Topologien (Primas 1998, Bishop & Atmanspacher 2006), Musterbildung (Dennett 1991b) oder die diachrone Neuartigkeit von Strukturen (Stephan 1999, Kap. 5 Exposition

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4) näher expliziert werden können. Die (emergenten) Objekte dieser Theorien können nicht als Abbilder unabhängig existierender Gegenstände da draußen“ angesehen wer- ” den. Den Gleitern und Seglern, den Schwärmen oder den klassischen Molekülgestalten – um beliebte Beispiele der jeweiligen Emergenztheorien aufzugreifen – entsprechen keine eigenständigen physikalischen Gegenstände mehr, sondern eben nur noch Muster oder strukturierte Ganzheiten. Sofern sie aber als einfache und selbstgenügsame Objekte auf- gefasst werden, sind sie relativ zu einer Beschreibung zu verstehen, und können von uns als Zeichen“ verstanden werden. Was letztere auszeichnet, ist jedoch nicht willkürlich ” – anders als in einigen mentalistischen Deutungen, in denen ein bezeichnender Geist ei- ner bezeichneten Materie kategorisch gegenübersteht. Emergenz bedingt die Einbettung in einen äußeren Kontext. Doch was könnte solch ein Kontext für Bewusstsein sein? Ein unterscheidendes Bewusstsein stellt vielleicht gar kein Endprodukt in der Komple- xifizierung eines Systems dar, sondern ihren (nicht-geistigen und nicht-physikalischen) Ausgangspunkt? Vor diesem Hintergrund wollen wir ein Exkurs in die biologische Kybernetik machen. Auf den ersten Blick geht es dabei um die Naturalisierung einiger typisch geistiger Be- griffe, paradigmatisch etwa Denken prediction error minimization“ (Hohwy 2013). Wir ” werden eine funktionalistischen Interpretation, sofern sie auf das phänomenale Bewusst- sein angewendet werden soll, kritisieren und für ein zeichentheoretisches Verständnis argumentieren. Beim Studium geistiger Phänomene geht es weniger darum, bestimmte Arten der Informationsverarbeitung (also Funktionen, wie sie z.B. in unseren Computern realisiert werden können) zu beschreiben, als vielmehr zu zeigen, wie und warum ein Or- ganismus bezeichnend tätig wird: Organismen sind Zeichenverwender. Die Wahrnehmung der Organismen liegt im Akt der Bezeichnung. So wird Wahrnehmung als Herausbildung verweisender Objekte verstanden werden. Zur Wahrnehmung von“ korreliert also die ” Emergenz eines Objektes für“. ” Die biologische Kybernetik gibt ein Beispiel, wie eine solche Zeichenverwendung aus der Selbstorganisation eines komplexen Systems verstanden werden kann. (Zeichen sind also emergente Phänomene!) Lange Zeit galt die Sprache in der Philosophie als das Para- digma eines Zeichen- bzw. Symbolsystems. Im Gegensatz dazu konzentrieren wir uns auf 6 Exposition

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die Wahrnehmung. Dies hat zwei Gründe. Erstens ist Wahrnehmung ein Phänomen, das fundamentaler und weitverbreiteter ist als Sprache. Selbst die einfachste Zelle verfügt über eine Form von Wahrnehmung, nicht jedoch der Sprache (zumindest im wörtlichen Sinn), und kann als semiotisches System jenseits von Sprache verstanden werden. Zwei- tens ist Wahrnehmung, entgegen einer tief sitzenden Auffassung, die in der Philosophie lange Zeit vertreten wurde und welche vielleicht schon auf Descartes zurückgeht (Sprache als Kriterium des bewussten Denkens), näher dran“ am Bewusstsein als Sprache. Spra- ” che ist (neben vielem Anderen) ein Ausdruck unseres Bewusstseins, nicht umgekehrt, auch wenn sie die Grenzen dieses Ausdrucks definiert. Dies lässt sich an folgender Metapher gut veranschaulichen. Das Entstehen von Ob- jekten im Bewusstsein ist ein Aufwachen: Während wir uns müde aus dem Bett erhe- ben, während uns vielleicht der Duft des morgendlichen Kaffees in der Nase liegt oder während die ersten Sonnenstrahlen unsere Augen reizen, formieren sich allmählich die ersten Gedanken in unserem Kopf – seien es die Dinge, die wir wahrnehmen, während wir unsere tägliche Routine starten, oder seien es die Sorgen des letzten Tages, die lang- sam in unser Bewusstsein zurückkehren. Dabei kann höchstens im übertragenen Sinn die Rede davon sein, dass hier unser Bewusstsein entstünde“. Viel eher handelt es sich um ” einen Übergang, der sich in unserem Bewusstsein vollzieht, ähnlich wie unsere Gedanken während des Einschlafens in die nächtlichen Träume abgleiten. Mithilfe von Zeichen beziehen wir uns auf die Wirklichkeit um uns herum. Dabei sind wir der Überzeugung, dass ein präzises, mathematisches Erfassen dieses Prozes- ses von großem Nutzen ist. Eine Tradition, die seit den Anfängen der Philosophie in der Antike einen großen Einfluss auf das wissenschaftliche Denken ausübt, sieht in der Formalisierung eines Gegenstandbereichs einen wichtigen Schritt zum Verständnis des- selben. Wenn Galileo feststellt, dass im Buch der Natur mit mathematischen Zeichen geschrieben wird, so ist dies nicht bloß als rein pragmatische Rechtfertigung für die Ver- wendung von Mathematik zu verstehen, sondern Ausdruck der Überzeugung, dass echtes Naturverständnis erst durch die Klarheit und Systematizität der Mathematik erreicht werden kann. Ein weiteres Argument für das Verwenden von mathematischen Darstellungen ist 7 Exposition

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soziologischer Natur. Mathematisierung dient dabei dem Austausch zwischen der Phi- losophie und den Disziplinen der Wissenschaft. Zwar erscheint uns das Verdikt Kants, wonach etwas nur dann als eigentliche Wissenschaft genannt werden kann, wenn es Ma- thematik enthält, heute als höchst problematisch, allerdings kann es auch als Behauptung über die Bedingung der Kommunikation zwischen den Wissenschaften verstanden wer- den. So müsste eine jede philosophische Grundsicht, wenn sie etwa in der Physik oder der KI-Forschung Einzug halten will, einen gewissen Grad an Mathematik enthalten. Mathematik ist eine Beziehungswissenschaft. Wir wollen daher versuchen, die interne Strukturiertheit von Zeichen präzise darzu- stellen. Dafür richten wir unsere Aufmerksamkeit auf die Analyse der Beziehung von Tei- len und Systemganzen, wie sie auf unterschiedliche Weise etwa von Stanislaw Leśniewski, Edmund Husserl oder Nelson Goodman konzipiert wurde und in einer einheitlichen, ma- thematischen Sprache formuliert und axiomatisiert werden kann. Insbesondere wollen wir die Unterscheidung zwischen kompositionalen und zerlegenden Ansätzen einführen und ein Modell eines zerlegenden Ansatzes ( projektive Mereologie“) entwickeln. Dabei ” wird sich zeigen, dass aus den Bedingungen, die wir an mereologische Systeme stellen, Folgen für unser Verständnis von Wahrnehmung als Zeichensystem, welches aus dem Bewusstsein hervortritt, ableitbar sind. Prozessmereologie der Wahrnehmung In Folge wird dies auf die Darstellung von Wahrnehmungsprozessen in der Phänomenologie Anwendung finden. Angelehnt an eine Interpretation der frühen Arbeiten Husserls, wird Wahrnehmung als Herausbildung verweisender Objekte auf der Basis einer noch nicht differenzierten Ganzheit verstanden. Was bezeichnet denjenigen Prozess, welcher dem Hervortreten bezeichnender Objekte in der subjektiven Wahrnehmung zugrunde liegt? Wahrnehmung ist ein natürliches Phänomen. Aber Natur ist lediglich eine Erschei- nungsweise des Bewusstseins. Daher ergibt sich Wahrnehmung aus dem Bewusstsein, nämlich als Herausbildung eines Zeichensystems. Die in der Bewusstseinsforschung gern gestellte Frage, was denn den Unterschied zwischen bewusster und unbewusster Wahr- nehmung ausmache, wird umgedreht. Unter welchen Umständen bleibt das Bewusstsein 8 Exposition

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blind und unter welchen Umständen erkennt es etwas? Bewusstsein ist dabei weder das subjektive noch das objektive Korrelat eines Naturprozesses. Bewusstsein ist die Ganz- heit, auf die in der Wahrnehmung verwiesen wird. Die einfachste Art auf ein Ganzes zu verweisen, ist es, ein Teil davon zu sein. Objekte bestehen oft aus Teilobjekten, die selbst gar nicht auf Ganzheiten außerhalb eines Zeichensystems verweisen müssen. (Dass Teile von Teilen nicht automatisch selber Teile einer Ganzheit sind, also dass die mereologische Transitivitätsannahme nicht immer erfüllt sein muss, folgt natürlich aus der projektiven Mereologie). Beispiele hierfür sind physikalische Gegenstände, etwa unbelebte Dinge wie Steine. Diese entsprechen zwar nur“ Teilobjekten einer Wahrnehmung, sind jedoch in ein größeres Ganzes eingebettet. ” Steine verweisen auf ein System, welches zwar Teil des Bewusstseins ist, sie sind aber selbst keine ( echten“) Teile des Bewusstseins. ” Wir bezeichnen dieses Modell als Prozessmereologie der Wahrnehmung, um auszu- drücken, dass Wahrnehmungsinhalte zwar als Teile des Bewusstseins angesehen werden können, aber nicht als Pakete oder Zusammenfassungen, sondern als Projektionen des- selben. In der subjektiven Wahrnehmung erscheint das Bewusstsein, aber eben verzerrt, in Form eines einheitlichen Objektes, das darüber hinwegtäuscht, dass es sich beim Be- wusstsein um eine ungeteilte Vielheit handelt. Dies ist eine Art, wie Bewusstsein erfahren werden kann. Eine andere ist die Darstel- lung des Bewusstseins als System von Beziehungen. In diesem Sinne können wir davon sprechen, dass wir Beziehungen in der Wahrnehmung erfahren. Ändern sich die Bezie- hungen, die wir zueinander und zu den Gegenständen um uns herum eingehen, so wird dies Einfluss auf die Art und Weise haben, wie wir die Welt erfahren. Das systematische Studium dieser Korrelation wäre Gegenstand einer zukünftigen Wissenschaft jenseits der Grenze zwischen Natur- und Geisteswissenschaft. System von Beziehungen j Zeichen 4 der Wahrnehmung objektiv subjektiv Bewusstsein Das hier vorgestellte Bild unterscheidet sich von einem falsch verstandenen Panpsy- 9 Exposition

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chismus ( Steine sind bei Bewusstsein“), aber auch von den meisten Bewusstseinstheori- ” ” en“, die in den Neuro- und Kognitionswissenschaften derzeit verhandelt werden ( Steine ” haben nichts mit Bewusstsein zu tun“). Gleichzeitig soll dabei aber nicht behauptet werden, dass es unbedingte Subjekte gäbe, die außerhalb des Naturgeschehens stünden, dieses beobachten und spukhafte Wirkungen darin hervorbringen würden. Subjekte und Objekte folgen beide aus demselben Prozess. Wenn ein bezeichnendes System Objektives hervorbringt, impliziert dies ein Subjekt (und umgekehrt). Allerdings hat die verobjektivierende (also auch die theoretische) Re- deweise Grenzen. Zeichenverwendung ist immer auch sozial bedingt. Es ist zwar nicht die Sprache, die uns zu bewussten Wesen macht, allerdings bestimmt die Sprache die Art und Weise, wie wir über Bewusstsein sprechen. Dessen Darstellungsweise ist potenziell unendlich. Bei der Redeweise von Subjekten“ und Objekten“ geht es also gar nicht ” ” um eine absolute als vielmehr nur um eine relative: Was als Subjekt erscheint, ist selbst wiederum nur Objekt einer (übergeordneten) Bezugnahme; und was als Objekt darge- stellt wird, ist selbst wiederum nur als Resultat einer (zugrundeliegenden) Tätigkeit zu verstehen. Sprache – also sozial erlernte Zeichensysteme – bestimmt, was als Objekt und Subjekt zu gelten hat (Abb. E1). In Tabelle E1 sind überblicksartig zwölf Thesen abgebildet, die in diesem Buch ver- treten werden, gefolgt von dem Kapitel, in welchem die jeweilige These ausführlicher diskutiert wird. 10 Exposition

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em Bewusstsein und t ein ers n ch ei ein ch ko ell ers t als nt tu ex ex und für ein ungeteiltes für ein ungeteiltes tu nt ell ko Subjekt Objekt wi ein d r zu i st Zeichen Abbildung E1: Objekte und Subjekte als Zeichen in der Wahrnehmung. Die wahrgenom- menen Objekte sind Zeichen für ein ungeteiltes Bewusstsein, wie es einem Subjekt erscheint. Doch wenn wir von dem Subjekt“ sprechen, benennen wir damit wiederum nur ein Zeichen ” – das Subjekt wird verobjektiviert. Einem nie endenden Kreislauf lässt sich dadurch entkom- men, dass wir annehmen, dass ein ungeteiltes Bewusstsein, je nach Kontext, als Objekte oder Subjekte innerhalb eines geschlossenen Netzwerkes zu verstehen ist. 11 Exposition

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Tabelle E1: Zwölf Thesen dieses Buches. These Kapitel I Wir erkennen uns als Teil der Natur. Die gegenwärtige Art, Natur zu erfor- 1 schen, scheitert jedoch am Bewusstsein. II Bewusstsein ist objektiv darstellbar als System von Beziehungen. 1 III Bewusstsein ist keine physikalische Größe, sondern liegt diesen zugrunde. Es 1 ist ein ungeteiltes Ganzes, das jenseits der Unterscheidung von Geist und Materie existiert. IV Die Neuartigkeit von Erscheinungen (Emergenz) ist ein natürliches 2 Phänomen. Es benötigt allerdings einen Kontext, um zu erscheinen. V Die Natur bringt ständig neue Zeichen hervor. Zeichenverwendung ist ein 2 emergentes Phänomen (innerhalb eines Kontextes). VI Zeichen sind abstrakte Teile, die sich aus der Projektion einer Ganzheit er- 3 geben. VII Teile können selbstständig sein, dann stehen sie für einen Verweis auf ein 3 konkretes Ganzes. Oder sie können unselbstständig sein, dann stehen sie für keinen Verweis, sind aber in ein System eingebettet, dass selbstständig ist. VII Das Hervorbringen eines Zeichens mündet in Wahrnehmung, falls dessen 4 Verweisungszusammenhang die Bedingungen der Aspekthaftigkeit, der Ein- heitlichkeit und der Phänomenalität erfüllt. IX Wahrnehmung ist subjektiv, Bewusstsein liegt jenseits der Subjekt-Objekt- 4 Dichotomie. X Wahrnehmung ist eine Projektion aus dem Bewusstsein. Es gibt keine unbe- 4,5 wusste Wahrnehmung, dafür jedoch nicht wahrgenommenes Bewusstsein. XI Welt ist sichtbares Bewusstsein. Bewusstsein ist unsichtbare Welt. 5 XII Wir erschließen uns das Bewusstsein immer über ein sozial erlerntes Zeichen- 5 system. 1 Das Elend des Physikalismus

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1 Das Elend des Physikalismus Die Naturwissenschaft beschreibt und erklärt die Natur nicht einfach, so wie sie an ” sich“ ist. Sie ist vielmehr ein Teil des Wechselspiels zwischen der Natur und uns selbst. (Werner Heisenberg: Physik und Philosophie) 1.1 Über das Lösen von Rätseln In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts verfestigte sich die Idee, dass geistige Phäno- mene mithilfe von naturwissenschaftlichen Methoden erklärt werden könnten. Insbeson- dere von der Metapher des Geistes als Computer geleitet, wurden Denken und Wahr- nehmen naturwissenschaftlich untersucht. Dem zuvor gegangen war die Ansicht, dass Sprachfähigkeit als natürliche Veranlagung und nicht mehr als außer-biologisches Cha- rakteristikum des Menschen zu verstehen sei (Chomsky 1995). Heute sind es vor allem die Neurowissenschaften, die uns versichern, alles Geistige sei auf die Aktivität des Gehirns reduzierbar: You’re nothing but a pack of neurons“ (Crick 1994, S. 3). ” Wichtige theoretische Grundlagen stammten dabei aus der Nachrichtentechnik, die den Begriff der Information als quantifizierbare, objektive Größe neu zu fassen versuch- te, und der Kybernetik, die Prozesse der Regelung als automatisierbare, mechanische Abläufe zu verstehen begann. Geist wurde nicht mehr als Gegenstück zur Materie be- griffen, sondern als Gegenstand, über den sich in derselben Weise sprechen ließ, in der die exakten Wissenschaften über andere Phänomene der Natur sprachen, und der nichts anderes darstellte als das Ergebnis komplexer physikalischer Prozesse. Auf die Entstofflichung der Materie durch die moderne Physik folgte eine Mechani- sierung des Geistes und die Hoffnung, dass das, was früher als getrennt gedacht wurde, in einem physikalischen Monismus vereint werden könne. Gegen Ende des Jahrhunderts rückte schließlich das Bewusstsein immer öfter ins Zentrum des Interesses, was viele als Abschluss des Projekts einer allumfassenden Naturalisierung des Geistes ansahen. Doch damit schien plötzlich das naturalistische Weltbild selbst ins Wanken zu geraten. Der Deutsche Physiologe Emil du Bois-Reymond erklärte 1872 in Über die Grenzen des Naturerkennens noch, dass ein naturwissenschaftliches Verständnis von Bewusstsein 13 1 Das Elend des Physikalismus

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unmöglich sei ( ignoramus et ignorabimus“). Auch heute gilt ein mögliches Verständnis ” von Bewusstsein als der umstrittenste und problematischste Aspekt einer Naturwissen- schaft des Geistigen. Gleichzeitig aber führte der Aufschwung in der Hirnforschung – ins- besondere aufgrund der Entwicklung moderner bildgebender Verfahren, zusammen mit einer bis dato unbekannten Rechenkapazität – zur Hoffnung, Bewusstsein könne nun Ob- jekt wissenschaftlicher Forschung werden. Neben der Hirnforschung beanspruchen aber auch noch weitere Einzelwissenschaften, so etwa die Psychiatrie, die Biochemie oder die Physik, notwendige Beiträge zu einem wissenschaftlichen Verständnis von Bewusstsein zu liefern. Über die letzten Jahre entwickelten sich daher ganz unterschiedliche Ansätze, die eine Naturalisierung des Bewusstseins anstrebten. Dabei gehen neurobiologisch, kognitions- wissenschaftlich oder informationstheoretisch ausgerichtete Erklärungsversuche meistens von der Existenz eines komplexen Mechanismus aus, der Bewusstsein verursacht oder identisch zu diesem ist1 . Dennoch herrscht völlige Unklarheit, auf welcher Ebene denn überhaupt nach diesem Mechanismus gesucht werden müsse. Ist es die der Organisation des Nervensystems (des- sen kognitive Architektur)? Sind vielleicht nur bestimmte Hirnareale für das Bewusstsein zuständig? So scheint beispielsweise das Cerebellum am Bewusstsein nicht sonderlich be- teiligt zu sein (Koch 2005). Der obere Hirnstamm hingegen ist Ausgangspunkt für die Verarbeitung instinktiver Affekte (Panksepp 1998, Solms 2021), während die höheren ko- gnitiven Fähigkeiten meist auf Prozesse im Kortex zurückgeführt werden (Fuster 2002); beides scheint jedoch für das Bewusstsein eine große Rolle zu spielen, und es ist daher schwer entscheidbar, inwieweit Bewusstsein als kortikales, subkortikales oder überhaupt globales neuronales Phänomen (Signorelli, Szczotka & Prentner 2021, Baars et al. 2021) verstanden werden muss. Oder geht es gar nur um einzelne Zellverbände, Neurotransmitter, Gerüst-Proteine oder Quantenfluktuation? Funktionale Kriterien wie die Anwesenheit eines global work- ” space“ (Baars 2002) oder Φ“ (Tononi et al. 2016) sind eventuell in ausgezeichneten ” Zellverbänden aller Art realisiert, deren Interaktion den dynamischen Kern“ (Edelman ” & Tononi 2000) bei der Erzeugung des Bewusstseins bilden würde. Auch der Einfluss 14 1 Das Elend des Physikalismus

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von neurochemisch aktiven Substanzen wie Halluzinogenen (Vollenweider 1994, Carhart- Harris et al. 2014), Anästhetika (Hameroff 2001) oder Neurotransmittern (Perry et al. 2002, Kringelbach et al. 2020) darf einigen Forschern zufolge nicht vernachlässigt werden, wenn wir Bewusstsein verstehen wollen. Dies würde vielleicht gegen die Identifizierung des Bewusstseins mit einem rein neuronalen Phänomen sprechen und auf einen mole- kularen Mechanismus hindeuten. Auch Spekulation zur Beziehung von Bewusstsein und Quantenmechanik gab es einige (Atmanspacher 2020a). Noch unklarer ist, wie diese verschiedenen Felder, die allesamt den Anspruch erheben, etwas zum Verständnis des Bewusstseins beizutragen, miteinander in Verbindung stehen. Die obigen Redeweisen lassen vielleicht vermuten, dass man nach dem Bewusstsein suchen könne wie nach seinen verlegten Autoschlüsseln, dass ein bestimmter Mecha- nismus fürs Bewusstsein zuständig wäre wie das Passamt für die Ausstellung von Rei- sepässen oder dass es darum ginge, die Stelle im Kopf zu finden, aus der das Bewusst- sein strömt wie ein Fluss aus seiner Quelle. Doch möglicherweise ist Bewusstsein kein Ding im Kopf“, sondern subjektives Erleben, das sich zwar in den komplexen, bio- ” logischen Strukturen entfaltet, aber nicht von diesen erzeugt wird? Bewusstsein wäre möglicherweise überall anzutreffen, beginnend bei den elementaren Phänomenen von Energieübertragung bis hin zu den komplexen Mechanismen höherer Organisationsfor- men von Materie. Oder sind es die Sprache und das Soziale, die uns erst zu den bewussten Wesen werden lässt, die wir sind? Reden wir uns gar nur ein, es gäbe so etwas wie Bewusstsein? Ist Bewusstsein nichts weiter als eine hartnäckige Fiktion, ähnlich wie die Vorstellung, es gäbe die eine Welt oder die eine Zeit? Schließlich hat noch niemand das Bewusstsein je zu Gesicht bekommen! In Hinblick auf die Philosophie sind diese Überlegungen bemerkenswert. Dort ist Be- wusstsein schon seit langem ein prominentes Thema, welches gerade in der vermeintlich auf Klarheit bedachten Philosophie zum Schauplatz eines Kampfes zwischen verschie- denen metaphysischen Weltauffassungen wurde. Dabei ist es nicht überraschend, dass es einerseits Philosophen gibt, die einem szientistischen Verständnis von Bewusstsein im Rahmen des Physikalismus das Wort reden, und dass andererseits wissenschaftliche 15 1 Das Elend des Physikalismus

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Erklärungsversuche einer fundamentalen Kritik unterzogen werden. In jüngerer Zeit wurde in diesem Zusammenhang häufig vom hard problem of con- ” sciousness“ (Chalmers 1995) gesprochen. Dabei handelt es sich um die These, dass die Existenz von Bewusstsein nicht im Rahmen einer materialistischen Theorie erklärbar sei. Dem zuvor gegangen sind einflussreiche Arbeiten der neueren angelsächsischen Phi- losophie: Die Schwierigkeit, subjektives Erleben durch die objektiven Aussagen der Wis- senschaften verständlich werden zu lassen, wurde bereits durch Thomas Nagel (1974) expliziert; die Feststellung einer Lücke zwischen der Erklärung physikalischer (neurobio- logischer) Vorgänge und dem damit verbundenen Erleben findet sich bei Joseph Levine (1983), um nur zwei Beispiele zu nennen. Das hard problem vollzieht nun eine Synthese von diesen und anderen philosophischen Positionen. Es lässt sich folgendermaßen lesen: • Phänomenales Bewusstsein ist die Art und Weise, wie wir Situationen erleben oder wie es sich anfühlt, eine Erfahrung zu machen. • Es ist nicht verständlich, wie und warum phänomenales Bewusstsein aus einer Anordnung von Materie hervorgeht. Einerseits scheint nun alles, darauf hinzudeuten, dass Bewusstsein als empirisches Phänomen zu verstehen sei. Andererseits scheinen wir aber nicht mit denselben Mitteln über Be- wusstsein sprechen zu können, mit denen wir uns auf alle anderen empirischen Phänomene beziehen. Auf dieses Problem wird üblicherweise auf zwei Arten reagiert. Die erste Strategie leugnet die Existenz von phänomenalen Bewusstsein und erklärt, warum manche Le- bewesen der Illusion eines phänomenalen Bewusstseins erliegen und worin diese Illusion eigentlich besteht. So argumentiert etwa Daniel Dennett (1991a) gegen das phänomenale Bewusstsein wie folgt: Es scheint so, also ob es phänomenales Bewusstsein gäbe. Dar- aus folgt aber nicht, dass es so etwas tatsächlich gibt. Phänomenales Bewusstsein ist möglicherweise nur eine Illusion, die durch kognitive Mechanismen erzeugt wird. Neu- erdings finden solche Ansätze wieder großes Gehör in der Philosophie (Frankish 2017) aber auch in der Wissenschaftsgemeinde (Graziano 2019). 16 1 Das Elend des Physikalismus

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Doch dies ist mit einigen Schwierigkeiten behaftet. Denken wir an eine optische Illu- sion. Zwei Geraden sind parallel, erscheinen uns aber als gebogen. Wir können einsehen, dass es hier eine Illusion gibt, etwa indem wir mithilfe eines Lineals unsere Wahrnehmung mit dem Blatt Papier vergleichen. Die Illusion wird aber durch diese Erkenntnis nicht verschwinden. Wir können vielleicht sogar erklären, warum es zu dieser Illusion kommt, etwa weil unser Gehirn die Gegenstände, die wir wahrnehmen, unbewusst immer mit deren Umgebung abgleicht. Wir können aber dadurch nicht erklären, warum wir überhaupt etwas wahrnehmen, egal ob illusionär oder nicht. Denn anders als bei allen anderen Beispielen von Illusionen geht es bei Dennetts kognitiver Illusion um das Bewusstsein selbst – und nicht etwa um krumme Geraden, Geldstücke hinterm Ohr oder Kaninchen im Hut. Es geht also nicht darum, dass uns ein Gegenstand als ein anderer erscheint, sondern darum, dass uns überhaupt etwas erscheint. Dennetts Vorschlag ist also nur auf den ersten Blick eine handstreichartige Lösung des hard problems. Bei genauem Hinsehen ergeben sich Proble- me der Selbstbezüglichkeit, die mindestens ebenso schwer wiegen: Widerspricht sich die Feststellung, dass das Bewusstsein nichts als eine Ansammlung kognitiver Mechanismen sei ( a bag of ordinary tricks“; Dennett 2003, S. 8), nicht selbst? Vielmehr erscheint ” Bewusstsein doch eine Bedingung dafür, überhaupt einer Illusion erliegen zu können. Falls aber die Möglichkeit einer Illusion auf der Existenz bewusster Wahrnehmung be- ruht, kann diese nicht mit Verweis auf Illusionen wegerklärt“ werden: [T]here must be ” ” experience for there to be appearance.“ (Strawson 2006b, S. 26) Vielleicht meint Dennett aber etwas anderes mit Illusion? Vielleicht meint er, dass wir uns nur so verhalten, als ob wir zwei gebogene Linien sehen würden, wo wir doch in Wahrheit zwei parallele Geraden vor uns haben. Und vielleicht verhalten wir uns so, als ob wir ein Bewusstsein hätten, wo doch aber eigentlich gar kein Bewusstsein existiert. Doch kann die Art und Weise, wie wir einen Gegenstand (bewusst) wahrnehmen, durch das Verhalten, welches wir (oder unsere Gehirne) dabei an den Tag legen, ersetzt wer- den? Das Illusionsargument hinge also davon ab, ob wir Bewusstseinsphänomene durch etwas anderes ersetzen können. Dann aber wäre Bewusstsein nicht erklärt, sondern ver- schwunden! Freilich, so argumentieren, die meisten Illusionisten, existiert etwas (nämlich 17 1 Das Elend des Physikalismus

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biologische Aktivität), aber eben kein Bewusstsein – oder das was wir dafür halten. Die zweite Strategie akzeptiert hingegen, dass Bewusstsein einen sinnvollen Teil einer naturalistischen Ontologie bilden kann, und argumentiert nun für oder gegen dessen prin- zipielle Erklärbarkeit durch die Naturwissenschaften. Kommt man dabei zum Schluss, dass eine Erklärung von Bewusstsein aus diesen oder jenen Gründen unmöglich im Rah- men einer naturwissenschaftlichen Theorie erfolgen könne, dann ist das hard problem nicht nur schwer, sondern unlösbar. Im Folgenden soll dafür argumentiert werden, dass die Redeweise von einem hard problem zuallererst missverständlich ist. Es stellt – anders als die Fragen, wie Radioakti- vität erklärbar ist, was die Träger von Erbinformation sind oder welche Anregungsmuster im Gehirn zu den verschiedenen Phasen des Schlafes korrelieren – kein eigentliches Pro- blem dar, das durch die Wissenschaft zu lösen wäre. Eine solche Redeweise ist vielmehr nur ein Artefakt eines ganz bestimmten Verständnisses von Bewusstsein vor dem Hin- tergrund spezifischer (aber oft impliziter) metaphysischer Annahmen. Bewusstsein stellt die Wissenschaft vor ein Rätsel, dass es noch zu entwirren gibt, bevor mit dem Lösen von Problemen angefangen werden kann. Als Beispiel dafür, wie sich philosophische Grundsatzfragen manchmal als vermeint- liche Probleme für die Wissenschaft ausgeben, sei kurz ein Beispiel aus der Physik dis- kutiert. Die Lehre, die man daraus ziehen sollte, ist, dass wir unsere Auffassung von Natur(wissenschaft) immer kritisch hinterfragen müssen, damit wir nicht Gefahr laufen, bestimmte Phänomene fälschlicherweise als extra-natürliche abzutun oder für prinzipiell unerklärlich halten. In einer einflussreichen Arbeit kritisierten Einstein, Podolsky & Rosen (1935) die damals noch recht junge Quantenmechanik und merkten an, dass im Rahmen eines hypothetischen Szenarios, die Quantenmechanik als wesentlich unvollständige Theorie ausgewiesen werden müsse. Viele Physiker wie Einstein hielten es damals für selbst- verständlich, dass eine fundamentale wissenschaftliche Theorie folgende drei Kriterien erfüllen sollte2 : 1. Sie sollte realistisch sein, d.h. dass die Ergebnisse von Messungen die objektiven Eigenschaften der Dinge darstellen, falls diese ohne Störung des zu messenden 18 1 Das Elend des Physikalismus

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physikalischen Systems vorhergesagt werden können, 2. sie sollte vollständig sein, d.h. dass jedes Element der Wirklichkeit eine Entspre- chung im theoretischen Formalismus findet, und 3. sie sollte lokal sein, d.h. dass ein System nicht durch Messungen instantan beein- flusst wird, die an einem anderen, räumlich getrennten System stattfinden; Da nun von Einstein et al. in ihrem Gedankenexperiment gezeigt wurde, dass die Quan- tenmechanik eine Interpretation als lokal-realistisch und vollständig nicht zulässt, folger- ten sie – entsprechend der impliziten Überzeugung, wonach eine finale wissenschaftliche Theorie dem Realismus und der Lokalität genügen würde –, dass die Quantenmechanik unvollständig sein müsse: Es gebe Elemente der Wirklichkeit, die gerade nicht im For- malismus der Quantenmechanik behandelt würden. Eine vollständige Theorie hingegen würde über verborgene Parameter“ verfügen, welche die Schwierigkeiten der Quanten- ” mechanik auflösen könnten. Erst viele Jahre später konnte von John Bell (1964) theore- tisch und dann von Alain Aspect et al. (1981) auch experimentell gezeigt werden, dass die Existenz solcher verborgener Parameter nur schwer mit der Lokalität in Einklang gebracht werden könne, was die Einstein’sche Überzeugung in schwere Erklärungsnot gebracht hätte. Einen anderen Ansatz verfolgte der Physiker David Bohm3 , der eine Theorie ent- warf, die verborgene Parameter kennt, dabei allerdings auf das Kriterium der Lokalität verzichtete. Es gebe demnach instantane Effekte zwischen räumlich getrennten Teilchen. Auf diese Weise kann an einer realistischen und vollständigen Theorie festgehalten wer- den, jedoch auf Kosten der Lokalität. Die dritte Möglichkeit, auf Einsteins Gedankenexperimente zu reagieren, ist dies- bezüglich zwar sparsamer, lässt die Natur aber gemessen an unserer alltäglichen Erfah- rung als höchst sonderbar erscheinen. Sie wurde etwa von Niels Bohr (1935) im Anschluss an die Kopenhagener Deutung der Quantenmechanik vertreten: Es sei der Realismus, der modifiziert werden müsse. Die Quantenmechanik würde eben nicht mehr der naiven Vorstellung entsprechen, wonach eine vollständige Theorie die objektiven Eigenschaften von Systemen unabhängig von deren Messung widerspiegle. Überspitzt formuliert, wird 19 1 Das Elend des Physikalismus

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die physikalische Wirklichkeit, von dessen objektiver Existenz Einstein so überzeugt war, erst durch die Messung erzeugt 4 . Heute ist die Lage, was die Interpretation der Quantenmechanik angeht, noch einmal komplexer geworden5 , aber es hat sich gezeigt, dass die Effekte, die von Einstein et al. ursprünglich zur Kritik einer Theorie vor dem Hintergrund spezifischer (naturphilosophi- scher) Annahmen herangezogen wurden, experimentell bestens bestätigt sind – genauso wie die Quantentheorie selbst, welche als vielleicht bestbestätigte empirisch-quantitative Theorie aller Zeiten gilt. Man kann nun einwenden, dass die Quantenmechanik ja für eine Erklärung des Ge- hirns (oder des Bewusstseins) gar keine Rolle spielen würde. Unabhängig davon, ob diese Aussage empirisch überhaupt zutreffend ist (siehe etwa Atmanspacher 2020a), ver- kennt dies die eigentliche Moral, die wir aus der Einstein’schen Kritik ziehen sollten. Es wäre wohl kaum jemand auf die Idee gekommen, im Zuge der Arbeiten von Einstein et al. von einem schweren Problem der Nicht-Lokalität“ zu sprechen. Noch weniger ” würde daraus gefolgert werden, dass hier ein metaphysischer Graben zwischen verschie- denen Seinsweisen vorliegen würde, der als Art Grundlagenproblem eines neuartigen philosophisch-naturalistischen Forschungsprogrammes aufzufassen sei. Vielmehr scheint uns die Arbeit von Einstein et al. darauf aufmerksam zu machen, dass die Quantenmechanik Effekte vorhersagt, die uns als völlig widersinnig erscheinen, aber nur, falls wir bestimmte Annahmen über das Wesen der wissenschaftlichen Na- turbeschreibung treffen. Eine Möglichkeit, mit dieser Situation umzugehen, wäre es, die Effekte als spukhafte“ Phänomene auszuweisen, die auf eine Unstimmigkeit der Theo- ” rie deuten würden. Das Beispiel der Quantenmechanik zeigt jedoch, dass es in einigen Fällen fruchtbarer ist, unsere wissenschaftlichen Grundannahmen zu ändern, was nicht dazu führen würde, dass die Phänomene verschwinden“, sondern im Gegenteil erst als ” bedeutsame Effekte erkannt werden. Allerdings ist Bewusstsein gar nichts, das so als Objekt in irgendeiner Theorie vor- kommen würde. Wir sprechen nur von neuronalen Zuständen, Strukturen oder Funk- tionen und identifizieren dann diese gegebenenfalls mit Bewusstsein ( dieses x könnte ” Bewusstsein sein“). Vielleicht erscheint es aus diesem Grund als attraktive Option, des- 20 1 Das Elend des Physikalismus

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sen Existenz einfach zu leugnen. Dass dies von einigen mit religiösem Eifer getan wird, lässt allerdings fragen, vor welchem Übel sie uns eigentlich beschützen wollen. Oder geht es ihnen nur um ein besseres, da vermeintlich wertfreies, Weltverständnis? Doch sollten wir dann nicht erst unsere Hintergrundannahmen hinterfragen, bevor wir Bewusstsein als Aberglauben abtun? So könnte das hard problem möglicherweise nur deswegen so aussichtslos erscheinen, weil wir versuchen, es vor dem Hintergrund des Physikalismus – also einer metaphysischen und keiner wissenschaftlichen Position – zu verstehen. 6 1.2 Eine kleine Übersicht über metaphysische Positionen Allerdings geben wir den Illusionisten in einem Punkt recht: Bewusstsein bezeichnet kein Ding, das überhaupt in unserer Welt vorkommt. In diesem Sinne ist es eine Nicht-Entität (James 1904b). Doch bevor wir darauf näher zu sprechen kommen, sollen einige tradi- tionelle metaphysische Positionen kurz diskutiert werden. Es handelt sich hierbei über keine vollständige Übersicht über historisch wichtige Positionen (zum Beispiel werden die zahlreichen Spielarten des Idealismus ausgelassen). Der Zweck dieses Abschnitts ist viel mehr der, einige wichtige Argumente zu betrachten, die für den Diskurs um Bewusstsein relevant sind. Beispielsweise soll aufgezeigt werden, dass bestimmte Voraussetzung für unser Han- deln, wie sie im kartesischen Dualismus ihren Ausdruck finden, nicht einfach abgelegt werden können. So gilt manchen die Annahme eines freien Geistes, der außerhalb der zu beschreibenden Welt steht, vielleicht als fragwürdig oder gar als falsch“, sie bildet aber ” eine implizite Grundvoraussetzung wissenschaftlicher und alltäglicher Praxis. Ein anderes Beispiel betrifft die intrinsische Natur“ materieller Gegenstände. Diese ” bezeichnet alle Eigenschaften der Gegenstände, die ihnen unabhängig von allen Relatio- nen zu anderen Gegenständen zukommen. Der Begriff der Masse, wie er in der klassi- schen Physik verwendet wird, liefert uns hier eine Veranschaulichung: Die Masse eines Teilchens ist unabhängig davon, in welchem Schwerefeld es sich gerade befindet; dies unterscheidet schließlich die Masse eines Teilchens von dessen Gewicht. Es könnte ver- mutet werden, dass es sich bei der Masse eben um eine solche intrinsische Eigenschaft“ ” von Gegenständen handeln würde. Viele Spielarten des Panpsychismus gehen so weit, 21 1 Das Elend des Physikalismus

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zu sagen, Bewusstsein wäre die intrinische Natur“ eines jeden physikalischen Objekts, ” was scheinbar wissenschaftliche Aussagen über das Bewusstsein erschweren oder gar ver- unmöglichen würde (abhängig von der Interpretation). Letztlich geht es in diesem Abschnitt weniger um das Abwägen von Argumenten, die für oder gegen eine bestimmte metaphysische Position sprechen, sondern vielmehr darum, diese als Ausdruck der Art und Weise zu verstehen, wie wir uns reflexiv auf unsere Erfahrung beziehen. Es muss uns also auch darum gehen, die Annahmen, die dabei implizit mitschwingen, wieder explizit werden zu lassen. Materialismus und Physikalismus Die derzeit vielleicht gängigste naturphilosophische Position ist der Physikalismus. Da- bei ist es gar nicht so einfach, festzumachen, was denn damit genau gemeint sein soll (Stoljar 2017). Die stärkste Lesart ist ontologisch und wir wollen diese daher zuerst wiedergeben. Seine Vertreter behaupten, dass alles Seiende entweder (i) diejenigen Ge- genstände bezeichnet, welche die Physik als fundamental denkt, oder (ii) auf diesen superveniert. In diesem Sinne kann gesagt werden, dass alles letztlich physikalisch ist. Mit dieser ontologischen Einstellung sind eine Menge epistemologischer und metho- dologischer Konsequenzen verbunden, etwa die Überzeugung, dass neben allen natur- wissenschaftlichen auch alle kulturellen und gesellschaftlichen Phänomene, sofern wir sie als wirkliche und nicht nur als bloß illusorische betrachten, letztlich auf physikali- sche Wirksamkeit, und nur auf diese, zurückgeführt werden können – selbst wenn dies die kognitiven Fähigkeiten von uns Menschen überschreiten würde. Der Physikalismus lässt keinen Raum für weitere Gesetze als die der modernen Physik: Auch die Evolu- tionstheorie muss, wenn sie nicht nur als Beschreibung einer kontingenten, empirischen Regelmäßigkeit gelten will, als abgeleiteter oder zumindest aus der Physik hervortre- tender Gesetzeszusammenhang verstanden werden können. Genauso müssen psycholo- gische, ökonomische oder soziologische Gesetze und ethische Normen letztlich auf die Physik rückführbar sein. Und auch eine Theorie vom Bewusstsein wird entweder Teil einer neuen Physik“ oder Ergebnis einer auf Physik basierenden Wissenschaft sein. Der ” Physikalismus ist ein universalistisches Projekt. 22 1 Das Elend des Physikalismus

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Auch eine wichtige Strategie zur Immunisierung dieser Doktrin soll kurz erwähnt werden: Alles, was jemals erkannt werden könne, müsse demnach im Prinzip Gegenstand der Physik sein können. Die Beschreibung der Wirklichkeit würde letztlich in einer finalen Physik aufgehen. Wirklich wäre dann genau dasjenige, was Gegenstand einer solchen finalen Wissenschaft ist, und daher wäre – per definitionem – alles Seiende physikalisch. Aber Vorhersagen sind schwierig, besonders da, wo sie die Zukunft betreffen. Diese Strategie ist nun einerseits selbst von der physikalistischen Überzeugung ge- leitet, weswegen sie als Argument für den Physikalismus als zirkulär angesehen werden muss. Andererseits würde sie alles, was sich der derzeitigen physikalischen Beschreibung entzieht, als Gegenstand einer zukünftigen ( finalen“) Physik postulieren. Aus diesem ” Grund kann dem Physikalismus gar kein ernst zunehmendes Phänomen entgegengesetzt werden, was ihn aber zur Trivialität verkommen ließe7 . Es scheint fast so, als ob der Physikalismus mehr mit einem Weltbild gemein hätte, als mit kritischer Wissenschaft. Kaum vom Physikalismus zu unterscheiden, ist eine verkürzende Interpretation des Materialismus, wonach Materialismus und Physikalismus zusammenfallen würden. So- fern angenommen wird, dass Materie einfach dasjenige sei, was exklusiver Gegenstand der Physik ist, so würde jede Erklärung, die auf das Verhalten materieller Gegenstände verweist, letztlich auf Physik verweisen. Dies geschieht aber in der Regel ohne Rücksicht auf historische Bedeutungswech- sel, die der Begriff der Materie durchlaufen hat – man denke z.B. an den frühen Ma- terialismus des Demokrit, die mathematische Naturphilosophie nach Newton oder das Materieverständnis der modernen Naturwissenschaften, ganz zu schweigen von diver- sen Materialsmen außerhalb des naturwissenschaftlichen Diskurses. Insbesondere auch als politische Überzeugung fand der Materialismus weite Verbreitung. Auf den ersten Blick scheint der politische Materialismus wenig mit theoretischer Philosophie zu tun zu haben. Doch dieser Eindruck täuscht (Lenin 1909/1947). Ähnlich wie Marx, dessen Dissertation 1841 von der Differenz der Demokritischen und Epikureischen Naturphilo- ” sophie“ handelte, sah etwa Hilary Putnam (1992) einen engen Zusammenhang zwischen seiner politischen Einstellung, aus der heraus er überhaupt seinen frühen Physikalismus entwickelt hatte. Noch in den berühmt-berüchtigten science wars der 1990er bemängelte 23 1 Das Elend des Physikalismus

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der Physiker Alan Sokal (1996) an der Neuen Amerikanischen Linken“, dass diese den ” Kontakt zu den eigentlich linken Idealen“ der materialistischen Wissenschaft verloren ” hätte. Ein ähnliches Schicksal ist dem Begriff des Naturalismus beschieden. Statt an die vielfältigen Naturvorstellungen zu denken, wie sie sich etwa noch bei den sogenannten Naturvölkern“, den Vorsokratikern oder Goethe fanden, wird der Naturalismus heute ” meist als synonym zum Physikalismus verstanden. Naturalismus reduziert sich oft auf die Vorstellung, dass jegliches Sein physikalisch ist, im Gegensatz zur Idee, dass bestimmte Phänomene auf eine übernatürliche Entität verweisen würden. Als paradigmatisch für übernatürliche Wesenheiten sind die unterschiedlichen Gottesvorstellungen zu nennen, aber auch ein transzendentales Subjekt, das jegliche Erkenntnis letztbegründet, ohne dabei selbst in irgendeiner Weise natürlich bedingt zu sein. Ein Problem für einen so verstandenen Naturalismus ist die Existenz von Bewusst- sein. Wie kann es sein, dass neben den Gegenständen, die von den Naturwissenschaften beschrieben werden, so etwas wie Bewusstsein existiert, das sich einer solchen Beschrei- bung entzieht? Der Physikalist ist versucht, zu sagen: No such things exist! Dualismus Einige, die der letzten Aussage nicht zustimmen wollen, berufen sich stattdessen auf den Dualismus. Als Urheber der neuzeitlichen dualistischen Philosophie gilt gemeinhin René Descartes. Descartes unterscheidet zwischen einer materiellen, ausgedehnten Sub- stanz ( res extensa“) und einer immateriellen, denkenden Substanz ( res cogitans“). Ein ” ” Problem für diese Auffassung ergibt sich aus psychophysischen Wechselwirkungen: Ei- nerseits erscheint es uns als unhintergehbare Tatsache, dass Geistiges einen Einfluss auf Physisches hat (wenn ich etwa den Arm hebe, weil ich das will), gleichzeitig ist auch vom umgekehrten Fall auszugehen (schlucke ich Drogen, üben diese einen Einfluss auf mein Bewusstsein aus). Andererseits wird diese Wechselwirkung nur schwer innerhalb der sub- stanzdualistischen Auffassung verständlich (für eine ausführlichere Diskussion und einen Lösungsversuch vgl. Atmanspacher & Prentner 2022) Mit diesem Vorwurf musste sich schon Descartes auseinandersetzen, als ihn Prin- 24 1 Das Elend des Physikalismus

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zessin Elisabeth von Böhmen dazu aufforderte, begreiflich zu machen, wie denn eine immaterielle Substanz einen kausalen Einfluss auf einen ausgedehnten Körper ausüben könne. Descartes Modell der Kausalität war rein mechanistisch, d.h. jegliche Verursa- chung ist auf Stöße zwischen ausgedehnten Körpern zurückzuführen. Dies scheint jedoch einen kausalen Einfluss zwischen den Substanzen per definitionem zu verunmöglichen. Descartes postulierte zu diesem Zweck eine mögliche Wechselwirkung zwischen der Seele und dem Körper, die primär über die Zirbeldrüse des Gehirns stattfinde. Dabei spielten die Lebensgeister“, ein Fluidum, das Descartes (1649/1996, §10) mit kleinen Körpern ” identifizierte, die sich sehr schnell bewegen, so wie die Teile der Flamme, die einer Fa- ” ckel entsprühen“, eine zentrale Rolle: Diese können in die Muskeln eindringen und sie zur Tätigkeit veranlassen, was einerseits rein reflexartig, andererseits aber auch durch willentliche Drehung der Zirbeldrüse verursacht werden kann. Gleichzeitig führen Be- wegungen der Zirbeldrüse dazu, dass die Seele Sinneseindrücke gewinnt oder von der äußeren Welt beeinflusst werden kann. Allerdings ist dies heute weder physiologisch noch physikalisch sonderlich plausibel. Zwei Alternativen, die ganz ohne einen solchen Wechselwirkungsmechanismus der beiden Substanzen auskommen, sind Malebranches Okkasionalismus, welcher die schein- bare Interaktion zwischen Körper und Geist auf eine ständige göttliche Einwirkung zurückführt, oder Leibnizens Parallelismus von Körper und Geist, der durch die Meta- pher zweier perfekt aufeinander abgestimmter Uhren veranschaulicht werden kann. Alle drei Positionen, psychophysische Interaktion, göttliches Einwirken und prästabilisierte Korrelation, erscheinen vielen Philosophen heute als suspekt, da sie auf vermeintlich widerlegte, unüberprüfbare oder übernatürliche (meist göttliche) Effekte verweisen. Solche Einwände gegen den Dualismus werden in praktisch jedem modernen Lehr- buch zur Philosophie des Geistes erwähnt. Was oft weniger Beachtung findet, ist die Tatsache, dass der Dualismus unser Verständnis von Wissenschaft maßgeblich prägte. Descartes ging es dabei anscheinend vor allem um die Tätigkeiten, welche der immateri- elle Geist ausübt. Die Frage nach der Beschaffenheit des (phänomenalen) Bewusstseins rückt in den Hintergrund und wird nur selten thematisiert, wobei der Begriff Bewusst- ” sein“ selbst sogar erst später bei John Locke auftaucht. (Dies allerdings nur in der 25 1 Das Elend des Physikalismus

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europäischen Literatur. Vermutlich hatte bereits Avicenna ein Konzept des Selbstbe- wusstseins entwickelt; Bewusstsein spielte jedenfalls schon eine Rolle in alten indischen Texten, etwa den Upanishaden.) Es geht also um Tätigkeiten des Geistes, die aber, so Descartes (1641/2009) in der vierten Erwiderung an Arnauld, am ehesten dem entspre- chen, was wir heute als Aktivitäten des Bewusstseins“ oder als Art des Denkaktes“ ” ” (Kemmerling 1996, S. 89) bezeichnen würden. Auf der einen Seite zeigt sich also, dass Descartes der Vorstellung, Geistiges sei kausal unwirksam, höchst abgeneigt gewesen wäre, auf der anderen spielt das, was von Philosophen heute als qualia-Problem der Wahrnehmung verhandelt wird, gar keine große Rolle. Beim Dualismus handelt es sich auch nicht um eine vor-theoretische Form der All- tagspsychologie, auch wenn eine Gleichsetzung des ego cogitans mit dem psychischen Ich dies vielleicht vermuten ließe. Er betrifft allerdings unser Selbstverständnis als hand- lungsfähige Wesen. Versteht man nämlich Wissenschaft in erster Linie als Tätigkeit, die eine Person (oder eine Gruppe von Personen) ausübt, um empirische Phänomene zu erklären, zu manipulieren oder vorhersehbar zu machen, ist ein solcher kartesischer ” Schnitt“ zwischen einem materiellen Objekt, welches Naturgesetzen folgt, und einem immateriellen Subjekt, welches über einen freien Willen verfügt und bestimmte Zwecke verfolgen kann, konzeptuell kaum zu vermeiden. Er ist vielleicht sogar Vorbedingung von Wissenschaft überhaupt (Primas 1994)8 . Sowohl im Labor als auch in der Rechenstube des Theoretikers wird implizit davon ausgegangen, dass ein bewusstes, tätiges Subjekt extern zu den erzeugten Phänomenen existiert: Ohne die prinzipielle Freiheit des Experimentators, seinen Versuchsaufbau so oder anders zu wählen, und ohne die Freiheit des Theoretikers, seine Darstellungen dar- an anzupassen, wäre Wissenschaft, wie wir sie heute verstehen, gar nicht denkbar. Dies macht insbesondere auch die Quantenmechanik und die Rolle, die dabei dem Experimen- tator zukommt, deutlich: Dessen Bewusstsein ist zwar selbst nicht Teil der theoretischen Beschreibung, allerdings muss seine Wahl bestimmter Observablen, d.h. des genauen experimentellen Aufbaus, berücksichtigt werden, um zu einer widerspruchsfreien Be- schreibung zu gelangen. Manche Materialisten schenken dieser dualistischen Voraussetzung der wissenschaft- 26 1 Das Elend des Physikalismus

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lichen Praxis keine Beachtung. Doch wenn ein empirisches Phänomen wissenschaftlich untersucht wird, handelt es sich um ein Objekt, das von jemanden erforscht wird; eine Theorie wird von jemanden dazu benutzt, um eine Beschreibung eines Phänomens zu lie- fern oder eine Vorhersage zu tätigen. Den Dualismus im Rahmen einer materialistischen Metaphysik aufzulösen, kann dann gegebenenfalls so verstanden werden, dass dieser je- mand durch dieselbe Theorie beschrieben wird, mit der auch seine Außenwelt beschrie- ben wird – also etwa durch Physik und Biologie. Dies droht allerdings in einen Regress führen, wie an folgendem Bild veranschaulicht werden soll (angelehnt an Dunne 1934): Nachdem eines Tages ein Insasse einer Anstalt für Geistesgestörte seinem Gefängnis entkommen war, beschloss dieser an einem schönen Sommertag ein Bild der vor ihm liegenden Landschaft zu malen. Das Gemälde zeigte jede Blume und jeden Grashalm, es war voll lebendiger Farben und reich an Texturen. Dennoch fühlte der Verrückte den unwiderstehlichen Drang, die Landschaft nicht nur so abzubilden wie sie sich seinem Auge darstellte, sondern wie sie wirklich und an-sich war, wie ein allwissender Gott sie aus dem Nirgendwo sehen würde. Er begann, sein Werk noch exakter und detailreicher werden zu lassen, aber nach einiger Zeit hatte er das Gefühl, dass etwas fehlte. Plötzlich erkannte er, dass er sich selbst, den Beobachter und Erschaffer dieser Szenerie nicht ab- gebildet hatte. Und so beschloss er, sich selbst zu malen, wie er die sich ihm präsentierte Landschaft auf einer Leinwand festhielt. Er malte einen Maler, der eine Landschaft malt. Und auch damit gab er sich noch nicht zufrieden. Schließlich, so dachte er sich, würde sein Bild zwar ausdrücken, dass dort ein Maler zu sehen sei, der eine schöne Landschaft malt. Allerdings nicht, dass es sich hier um einen Maler bei Bewusstsein handle, welcher von sich selbst weiß und den Wunsch verspürt, die Wirklichkeit so abzubilden, wie sie nun einmal ist. Deswegen malte der Verrückte einen weiteren Maler, der einen Maler malt, der eine Landschaft abbildet (Abbildung 1.1)... Vergleicht man diese Szene mit den beiden metaphysischen Positionen, dem Mate- rialismus und dem Dualismus, so erkennen wir, dass das ursprüngliche Gemälde eine Metapher für eine wissenschaftliche Theorie darstellt, die von einem Wissenschaftler, dessen Bewusstsein selbst nicht Teil der Theorie ist, entworfen wird. Der materialisti- sche eingestellte Metaphysiker gleicht dem verrückten Künstler, der glaubt, er könne 27 ARTIST AND PICTURE pictured world X 2 or in the pictured artist, or in that pictured artist's picture l X But I the real . artist am aware of my own existence, and am 1 Das Elend des Physikalismus

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trying to portray myself as part of the real world. The pictured artistis, thus, an incomplete de- scription of me, and of my relation to the universe. FIGURE 3. Abbildung 1.1: Das Gemälde einesheMalers, So saying, der shifted his einen easel Maler again, seized malt, his wie er eine Landschaft brush and palate, and, with a few masterly strokes, abbildet; nach Dunne (1934, S. 31). expanded his X picture into 3 (FIGURE 3). Of course, he was still dissatisfied. The artist seine eigene Erfahrung durch das Malen eines Malers sichtbar machen. Wie würde der Künstler vorgehen? Er könnte etwa versuchen, seine Freude abzubilden und würde ein Lächeln auf das Gesicht des Malers malen. Und er würde versuchen, die Motive des Künstlers an der Art und Weise, wie dieser vor seiner Leinwand steht und die Natur abbildet, sichtbar zu machen. Und vielleicht würde er sogar der Meinung sein, dass es außer den Gesichtszügen und der Haltung des Künstlers gar nichts anderes gäbe, das man abbilden könnte. Allerdings scheint die Metapher vom irren Maler nur zu verdeutlichen, dass hier der Dualismus vorausgesetzt wird, nicht dass er aufgelöst würde. Beispielsweise wäre sein Wissen, dass er es ist, der die Landschaft abbildet, dadurch noch gar nicht dargestellt. Dunne (1934) lässt seinen Maler aus diesem Grund einen weiteren Maler malen, der den Maler malt, wie er die Landschaft abbildet. Doch kann er sich dem Dualismus auf diese Weise entziehen? Falls nein, dann würde der Versuch, das erschaffende und tätige Subjekt als Abbildung in das bereits abgebildete Objekt zu verschieben, in einen infiniten Regress von Abbildungen führen. Falls doch, dann müsste man zeigen können, wann und warum dieser Regress abbricht. Wir werden diesem Regress dadurch entgehen, dass wir das Bewusstsein nicht in ir- gendwelchen Bildern verorten. Bewusstsein ist im Bild, das wir uns von der Welt machen, 28 1 Das Elend des Physikalismus

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gar nicht vorhanden! Stattdessen zeigt es sich in der Art und Weise, wie wir Bilder ent- werfen. Dies hat aber auch zur Folge, dass es sich bei unseren Bildern eben nur um Bilder handelt – und nicht, wie der verrückte Maler dachte: um wahrheitsgetreue Abbilder der Landschaft, wie sie wirklich ist. Pluralismus ohne Substanz Der umgekehrte Weg, nämlich die Anzahl der Substanzen zu erhöhen, wurde seltener beschritten, etwa durch Karl Popper (1978). Hier wird neben einer materiellen und geis- tigen Welt ein weiteres Reich von Gedankeninhalten (Theorien oder Ideen) postuliert. Laut Popper (1978) gibt es drei Welten: eine Welt der empirischen Dinge (die Außen- ” welt“), eine Welt des Bewusstseins und, davon unabhängig, eine Welt der Ideen, wie sie etwa in Theorien, Bauplänen, Gedichten oder Mythen ausgedrückt werden. Somit be- ziehen sich Subjekte (Gegenstände aus Welt 2) auf physikalische Objekte (Gegenstände aus Welt 1) mithilfe von Ideen (Gegenständen aus Welt 3) und umgekehrt werden Ideen durch physikalische Gegenstände für Subjekte ausgedrückt. Für viele ist Poppers 3-Welten-Lehre ein Kuriosum seiner Spätphilosophie, doch es ist an dieser Stelle instruktiv, Poppers Argumente kurz zu diskutieren. Für Popper ist die Realität und Existenz eines Gegenstandes, gleich welcher Welt er entstammt, an des- sen Wirksamkeit geknüpft. Theorien, aber auch Symphonien, Erzählungen oder Pläne (alles Gegenstände, die Popper in Welt 3 verortet) bewirken, dass sich Menschen nach Ihnen richten: Eine Erzählung beeinflusst uns in unseren Wertvorstellungen und Hand- lungen; ein Bauplan wird die Art und Weise bestimmen, wie jemand sein Haus baut und darin lebt; und die Aufführung einer Symphonie führt dazu, dass Leute ihr Geld für Eintrittskarten ausgeben. Poppers Drei-Welten-Lehre wird üblicherweise so gelesen, dass es drei Substanzen benötigt, eine konkrete physische, eine konkrete psychische und eine abstrakte ideale, um die (dann nur scheinbare) Pluralität der Phänomene zu erklären, und die bis zu einem gewissen Grad unabhängig voneinander sind. Ein Argument, welches Popper für die Notwendigkeit anführt, die abstrakten Ideen (aus Welt 3) von konkreten Bewusst- seinsprozessen (aus Welt 2) zu unterscheiden, ist, dass jene oft Beziehungen unterein- 29 1 Das Elend des Physikalismus

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ander aufweisen, die nicht Teil des Bewusstseins sind, welches sie hervorgebracht hat: Theorien haben z.B. logische Konsequenzen, die sich aus ihrer mathematischen Formulie- rung ergeben, die aber nicht bereits im Bewusstsein, welches sie entwickelt hat, angelegt waren. Einsteins Formulierung der speziellen Relativitätstheorie hat die Äquivalenz von Masse und Energie zur Folge. Dieser Relation war sich Einstein bei der Formulierung der speziellen Relativitätstheorie vermutlich gar nicht bewusst (Popper 1978, S. 158). Ein ähnliches Argument lässt sich aber nicht nur für Ideen und Theorien anführen, sondern für alle möglichen Objekte. So wurde etwa die Dampfmaschine erfunden, um Wasser in einem Bergwerk zu heben. Dass jene letztlich im großindustriellen Maßstab Verbreitung fand, war nicht bereits Teil der Intentionen des Erfinders Thomas Newcomen, sondern hat vielmehr mit den Kontingenzen von Infrastruktur, Wartungs- und Produktionskos- ten zu tun. Umgekehrt scheint es jedoch genauso unplausibel zu sein, die Ideen von Newcomen lediglich als Ergebnis der materiellen Bedingtheiten des 19. Jahrhunderts zu betrachten. Es scheint daher nahezuliegen, Poppers 3-Welten-Lehre zu radikalisieren. Warum sollten wir uns mit drei Welten begnügen? Alles, was eine Wirkung ausüben kann, müsste als real existierendes Seiendes bezeichnet werden. Vergleiche dazu Markus Gabriel (2018), der schreibt: Jede Aktualisierung des Newstickers eines Onlineportals kostet Geld, Zeit und Energie. Jede Nachricht, die Sie lesen und mit der Sie sich geistig beschäftigen, verändert die Situation, in der Sie sich faktisch befinden. Sie schauen niemals durch ein unwirkliches Guckloch von außen ins Universum, sondern finden sich im Wirklichen vor. Es gibt kein Entrinnen. Ein ähnliches Daseinsprinzip wurde von Bruno Latour in seiner frühen metaphysischen Schrift formuliert (übersetzt als Irreduction in Latour (1988), S. 158): [n]othing is, by ” itself, reducible or irreducble to anything else.“ Gleichzeitig wäre nichts als Substanz zu bezeichnen – verstünde man unter einer Substanz dasjenige, was unabhängig von allem anderen existieren kann, das, was in sich ist und durch sich begriffen wird“ ” (Spinoza 1677/1999)[I Def. 3]. Denn wenn Existenz an Wirkung gebunden ist, exis- 30 1 Das Elend des Physikalismus

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tiert nichts unabhängig von den Dingen, die es bewirken. Gebrauchsanweisungen be- wirken, dass Menschen ihnen entsprechend handeln und führen auf diese Weise zu ei- ner Veränderung in der physischen Welt. Somit wäre die physische Welt aber in ihrer tatsächlichen Existenz nicht unabhängig von der Gebrauchsanweisung. Umgekehrt ist je- de Gebrauchsanweisung, damit sie überhaupt wirksam werden kann, auf das Papier, auf dem sie abgedruckt ist, angewiesen. Und so verhält es sich auch mit wissenschaftlichen Artefakten: Wissenschaftler verwenden Laborgeräte, Modelle, Konferenzen, E-Mails und verschiedene andere Mittel, um auf der Grundlage ihrer konkreten Erfahrungen bloße Abstraktionen zu konstruieren und zu verbreiten. Oft wurde dies als postmoderner Konstruktivismus (mis)verstanden, ein Urteil, das durch Latours sozialwissenschaftlichen Arbeiten noch verstärkt wurde (Latour 1987). Auch Zitate wie the principle of reality is other people. The interpretation of the real ” cannot be distinguished from the real itself because the real are gradients of resistance“ (Latour 1988)[S. 166] und we cannot distinguish between those moments when we have ” might and those when we are right“ (Latour 1988)[S. 183] verstärkten diese Interpretation weiter. Latours jüngstes Interesse für Umweltfragen (Latour 2017) und sein allgemeiner An- satz zur Demokratisierung des Verhältnis biotisch/abiotisch in einem Parlament der ” Dinge“ (Latour 2001) lassen diese Interpretation jedoch stark in Zweifel ziehen und ihn eher wie einen radikalen Pluralisten aussehen. (Man könnte allerdings immer noch an der Tragfähigkeit von Latours Lösungsvorschlägen für sozioökonomische Probleme zwei- feln.) Dennoch gibt es aus Latours Sicht überhaupt keine substanziellen Dinge, sondern nur relativ stabile Muster von Macht“. Dass wir hinter diesen Mustern etwas denken, ” ist eine Besonderheit unseres Denkens, weist aber auf gar nichts anderes hin. Allerdings steht uns die logische Möglichkeit offen, wonach wir die Gesamtheit der Dinge als Substanz betrachten könnten, oder vielleicht besser (Spinoza folgend): die Vielheit der Dinge als Erscheinungsweisen einer einzigen, dafür unendlichen Substanz auffassen. Alle Wirkung würde letztlich immer nur von dieser einen Substanz ausgehen. Wir werden einen Mittelweg gehen zwischen dieser Einheitslehre (wie der Spinozisti- schen) und der Vielheitslehre (wie etwa bei Latour). Hinter den Erscheinungen vermuten 31 1 Das Elend des Physikalismus

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wir die eine Wirklichkeit, deren unendliche Tätigkeit wir aber objektiv nur anhand der Beziehungen ihrer Erscheinungsweisen erfahren. Wir wollen aber an der Ansicht festhal- ten, wonach wir selbst (und auch unser Bewusstsein) aufs Engste mit dieser Wirklichkeit verbunden sind. Allerdings weisen wir die physikalistische Lesart zurück und plädieren dafür, die zentrale Einsicht des Dualismus zu berücksichtigen: Wir sind Momente freier, intentionaler Tätigkeit, die eine reflexive Struktur aufweist, welche sich nicht einfach umgehen lässt. Wirklichkeit zeichnet sich nicht dadurch aus, dass eine ontologisch letzte Daseinsebene ergründet werden könnte, sondern dass wir diese anhand von Beziehungen vielleicht indirekt erschließen (z.B. als Natur“), sicher aber direkt erfahren können (in ” der Wahrnehmung. ) 9 1.3 Die Welt als System von Beziehungen Da es anscheinend relationale Phänomene sind, die für ein Verständnis des Bewusstseins entscheidend sind, ist es für viele naheliegend, dass es sich bei der Analyse derselben um eine Art Systemtheorie (von Bertalanffy 1968, Juarrero 1999, Thompson & Varela 2001, Silberstein & Chemero 2012) handeln müsse. Systeme werden hier als sich ändernde Netzwerke von Beziehungen verstanden. (Systeme sind Prozesse, keine Verkettung von Gegenständen). Viele Phänomene, insbesondere da, wo sie Beziehungen ausdrücken, sind so komplex, dass eine detaillierte Beschreibung der Komponenten nicht länger hilfreich ist und somit eine systemische Beschreibungsebene gewählt werden muss. Ein Blick auf Reaktionsnetzwerke, wie sie etwa in der Chemie, den Umwelt- oder den Ingenieurswissenschaften vorgefunden werden, kann dies verdeutlichen: Auch wenn wir in der Lage sind, komplexe Systeme in einfache Teilsysteme zu zerlegen, welche wir im Einzelnen mittels Differentialgleichungen exakt beschreiben können, so ist es möglich, dass das Gesamtsystem ein nicht-lineares Verhalten zeigt, das so sensitiv gegenüber den Anfangsbedingungen ist, dass sich keine genauen, quantitativen Prognosen im Einzelfall machen lassen. Wir können jedoch wissenschaftlich exakte Aussagen über das System- verhalten tätigen, indem wir einen systemischen Standpunkt einnehmen, aus dem dann z.B. die Beschreibung eine Klasse möglicher Dynamiken hin zu einem Attraktor folgt. 32 1 Das Elend des Physikalismus

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Einerseits kann nun dafür argumentiert werden, dass es hier um tatsächliche Ei- genschaften der Natur geht – ein beliebtes Beispiel der 1970er und 1980er war die Selbstähnlichkeit fraktaler Objekte (Mandelbrot 1987). Andererseits kann sich eine sol- che Analyse auch primär nur auf unser epistemisches Unvermögen bei der Analyse eines komplexen Systems beziehen. Beim Nachdenken über Systeme sind wir mit den Strukturen unseres Denkens selbst konfrontiert: Wir erfahren nur dann etwas über ein System, dessen Teil wir sind, wenn wir gleichzeitig etwas darüber erfahren, wie wir überhaupt Erfahrungen machen können. Dies scheint auf den ersten Blick vielleicht zirkulär zu sein, bedeutet aber lediglich, dass der Erkenntnisgegenstand gleichzeitig (Teil der) Bedingung der Möglichkeit von Erkenntnis ist. Die Kybernetik 2. Ordnung (von Foerster 2003a) setzte sich im 20. Jahrhundert mit dieser Art, über Systeme zu denken, auseinander, aber auch Theorien, die beschreiben, wie sich bestimmte Entitäten selbst hervorbringen, sollten hier Erwähnung finden (etwa die Theorie der Autopoiesis von Maturana & Varela 1980), insbesondere wo es diese expli- zit mit dem Thema der Selbstbezüglichkeit zu tun haben (Varela 1975, Kauffman 2003). Das philosophische Erbe einer solchen Denkweise ist allerdings schon viel älter und geht (mindestens!) auf die Identitätsphilosophie Schellings zurück. Auch in der Naturphilo- sophie C.F. von Weizsäckers (Schüz 1986) finden sich ähnliche Gedanken.10 Eine Kritik an der Theorie der Autopoiesis stammt von Alfred Locker (1981) und gilt stellvertretend für alle Ansätze, die Selbstbezüglichkeit als rein physikalisches Phänomen darstellen wollen. Dabei ist eine Unterscheidung von Bedingtheiten und Vorannahmen ( preconditions“ vs. presuppositions“; Locker 1998) zentral, der auf den Unterschied ” ” zwischen empirischen Vorbedingungen, welche im Rahmen eines empirischen Modells dargestellt werden, und den transzendentalen Vorannahmen, die einen metatheoreti- schen Standpunkt erfordern, zielt. Dass die physikalische Natur spontan geschlossene und selbstbezügliche Systeme bilde, sei, so Locker, unerklärlich, ohne dabei eine Form der Selbstbezüglichkeit schon vorauszusetzen; um selbstbezügliche Systeme als solche erkennen zu können, müsste bereits ein (selbstbezügliches) Bewusstsein vorhanden sein. Dies scheint ein Echo Kants zu sein, der in der KdU bereits davon sprach, dass das ” 33 1 Das Elend des Physikalismus

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Prinzip der Zweckmäßigkeit der Natur [. . . ] ein transzendentales Prinzip [sei]“ 11 . Fast alles, was auf einer Ebene als geschlossenes System angesehen werden kann, muss auf einer anderen Ebene als Komponente eines noch größeren Systems behandelt werden. In einer anatomischen Untersuchung der einzelnen Zelle kann das Neuron als Ganzheit betrachtet werden, in einem anderen Kontext muss sein Verhalten als Teil des Nervensystems betrachtet werden. Aber ob wir etwas als Systemganzes oder als Teil be- trachten, ist relativ zu einer Beschreibung, die auf einen intentionalen Kontext verweist. Ähnlich merkte bereits W. Ross Ashby (1962) an, dass der Begriff der Organisation nicht ausschließlich auf die intrinsischen Eigenschaften der Gegenstände verweisen würde, son- dern wesentlich abhängig von der Beziehung zwischen Beobachter und den Gegenständen sei. Dies veranschaulicht ein übergeordnetes Phänomen der Kontextualität, das, wie wir später noch ausführlicher diskutieren werden, in den Theorien der Information, der Emer- genz oder in der Psychologie eine entscheidende Rolle spielt. Oft entscheidet der Kontext, welcher Art ein Gegenstand ist, etwa ob er einen semantischen Gehalt trägt oder nicht, ob er ein emergentes oder fundamentales Phänomen darstellt, respektive, ob er das Subjekt oder das Objekt eines Gedankens bildet. Kontextualität, so könnte vermutet werden, ist aber wesentlich ein Phänomen, welches ein (unterscheidendes) Bewusstsein bereits voraussetzt. Ein ähnliches Argument wurde unlängst von Evan Thompson (2007) vor- gebracht, wonach eine Anwendung der Theorie Dynamischer Systeme im Rahmen der neuroscience of consciousness bereits ein verkörpertes Bewusstsein voraussetze. Sys- temtheorie stellt also weniger eine abstrakte theory of everything“ dar, als vielmehr ein ” punktuell nützliches Werkzeug, um eine Reihe von Phänomenen überhaupt erst sicht- bar zu machen. Systemtheorie eröffnet uns eine neue Sichtweise auf ein Netzwerk von Beziehungen. Die Eigenschaften des Systems sind immer relativ zu der Art, wie wir es wahr- nehmen und nicht absolut gegeben. Andernfalls müssten wir uns auf einen absoluten Standpunkt begeben können, den Blick vom nirgendwo“ (Nagel 1986) einnehmen und ” das System so erkennen, wie es nun einmal ist. Wir erkennen es jedoch immer nur so, wie es uns erscheint. Dies bedeutet jedoch nicht, dass es keine Wahrheiten geben könnte 34 1 Das Elend des Physikalismus

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oder dass die Welt drohen würde, im Relativismus zu versinken. [D]ie sogenannten tie- ” ’ fen Wahrheiten‘, sind [. . .] Behauptungen, deren Gegenteil auch tiefe Wahrheit enthält.“ (Bohr 1964)[S. 66] Wir wollen den Kybernetikern 2. Ordnung folgen und die Perspektive aufs System als Teil eines größeren Systems verstehen. Letztlich stell sich dann die Frage, wie ein solches System sich selbst erfahren kann. Unsere vorläufige Antwort soll lauten, dass dies durch die Entstehung von unvorhersagbar Neuartigem ermöglicht wird. Der Glaube an eine grundsätzliche Produktivität in der Welt ist kein Anthropomorphismus; es ist die Vorstellung ihrer Untätigkeit, welche die Folge unseres endlichen Denkens ist. 1.4 Panpsychismus Der Panpsychismus besagt, dass alle Dinge, die in der Welt vorkommen, beseelt sind. Eine solche Position wurde in Abwandlungen von zahlreichen Forschern und Gelehrten über die Jahrhunderte vertreten (Skrbina 2005). Allerdings gibt es auch einige Unterschiede zwischen den verschiedenen Spielarten des Panpsychismus und verwandter Philosophien. Im Allgemeinen ist es daher ratsam, die Pluralität der Auffassungen im Auge zu behalten. So lässt sich mindestens zwischen einem Aspekte-Monismus, der geistige und physikalische als gleichberechtigte, fundamen- tale Eigenschaften der einen Substanz betrachtet, und dem neutralen Monismus unter- scheiden, der geistige und physikalische Eigenschaften als abgeleitete Erscheinungsweisen einer zugrunde liegenden psychophysisch-neutralen Wirklichkeit ansieht (Atmanspacher & Rickles 2022)12 . Die erste Auffassung erweckt manchmal den Verdacht, dass es sich hier nur um eine getarnte Form des Dualismus handelt (Prentner 2021) – ehrlicher da die Selbstbe- zeichnung als naturalistischer Dualist“ von David Chalmers (1996, Kap. 4). Die zweite ” erweckt manchmal Zweifel, inwiefern die als psychophysisch-neutral postulierte Sub- stanz von ihren Vertretern tatsächlich weder als psychisch noch als physisch angesehen wird. So verwendeten etwa Ernst Mach (1886/2008) und William James (2006) psy- chologisch aufgeladenes Vokabular ( Empfindungen“ bzw. reine Erfahrung“) zur Be- ” ” schreibung der (vermeintlich?) neutralen Ebene. Diese Zweifel wurden schon von Lenin 35 1 Das Elend des Physikalismus

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(1909/1947) geäußert, allerdings finden sie sich auch bei einigen zeitgenössischen Autoren (Stubenberg 2018). Vermutlich waren Mach und James diese Schwierigkeiten allerdings bekannt. Zu- dem waren sie bekanntlich ( radikale“; James 2006) Empiristen. Wir können also davon ” ausgehen, dass z.B. Empfindungen“ zwar keine geistigen Ausdrücke bezeichnen, aber ” der Tatsache Rechnung tragen sollen, dass wir in der Erfahrung mit diesen innig ver- traut werden. Wenn wir in dieser Arbeit vom Bewusstsein sprechen, zielen wir auf etwas Ähnliches ab: Bewusstsein referiert auf unsere Erfahrung eines Prozesses, der in uns aktiv ist, stellt aber selbst nichts rein Geistiges dar. (Bewusstsein liegt jenseits der kartesischen Trennung in Geist-Materie.) Dies soll differenziert werden an der vielleicht prägnantesten Form des Panpsychis- mus, der in der zeitgenössischen analytischen Philosophie, die sonst mit eindeutigen Positionierungen eher zurückhaltend ist, von Galen Strawson vertreten wird. In mehre- ren Veröffentlichungen beschreibt er diese als Real Materialism“, Realistic Monism“ ” ” oder als Real Physicalism“ (Strawson 2008). Darin argumentiert er wie folgt: ” 1. Alles Seiende ist physikalisch. (Physikalismus) 2. Es gibt zwei mögliche Weisen des Seins: experientielles und nicht-experientielles. 2.1. Nur von der Existenz des experientiellen Seins kann ich mir sicher sein. ∴ Bewusstsein ist physikalisch ⇔ Zumindest einige physikalische Gegenstände sind experientielle. 3. Es gibt gar keine wissenschaftlichen Gründe, die dafür sprechen, dass es überhaupt nicht-experientielles (rein extrinsches) Sein gäbe. 4. Es ist unmöglich, dass experientiell Seiendes aus nicht-experientiell Seienden her- vorgeht. 5. Unsere Ontologie sollte möglichst sparsam sein. ∴ Alle Gegenstände sind physikalisch und verfügen über experientielle Eigenschaften; der ( wahre“) Physikalismus fällt mit einer Form von Panpsychismus zusammen. ” 36 1 Das Elend des Physikalismus

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Die letzte Substanz ist experientiell. Die Ansicht, gemäß derer Bewusstsein einen physikalischen Gegenstand bezeichnen würde, wird auch von vielen Physikalisten geteilt, die ebenfalls die beiden ersten Prämissen an- erkennen. Da wir den Physikalismus aber ablehnen, nehmen wir natürlich Abstand von der Idee, Bewusstsein bezeichne einen physikalischen Gegenstand. Dies ermöglicht uns auch anzunehmen, physikalische Phänomene als abgeleitete zu betrachten. Prämisse 2.1 legt zudem nahe, die experientielle Seinsweise bevorzugt zu behandeln. Nun soll näher auf die Prämissen 3-5 eingegangen werden. In Strawson & Freeman (2006) sind eine Reihe von Kommentaren abgedruckt, welche sich mit einigen problema- tischen Annahmen oder Konsequenzen von Strawsons Argumentation auseinandersetzen: • Intrinsische Naturen: Die 3. Prämisse, nämlich der Zweifel an der Existenz nicht-experientieller Ge- genstände, kann laut Strawson darauf zurückgeführt werden, dass physikalisches Wissen von Gegenständen immer nur relativ zu anderen Gegenständen, also etwa relativ zu den Zeigern von Messinstrumenten, erlangt wird. Dies entspricht einer ganz bestimmten Auffassung von Naturwissenschaft, wonach diese gar nicht von den intrinsischen Eigenschaften“ der Dinge handelte, sondern immer nur Aussa- ” gen relativ zu anderen mache. Neben Arthur Eddington (1928) wird diese Ansicht primär Bertrand Russell (1927) zugeschrieben und scheint aus einer Beobachtung der naturwissenschaftlichen Erkenntnisweise zu folgen und metaphysisch erst ein- mal unschuldig zu sein. Um nun von dort zu einem Argument für den Panpsychismus zu gelangen – letztlich sollen alle messbaren (äußerlichen) Eigenschaften auf psychische (inne- re) zurückgeführt werden –, müssen zuerst intrinsische von relationalen Eigen- schaften näher unterschieden werden (Seager 2006). Intuitiv sind die intrinsischen Eigenschaften eines Gegenstandes all jene, die auch in Abwesenheit aller anderen Gegenstände vorhanden wären, im Gegensatz zu den relationalen Eigenschaften. Beispielsweise könnte vermutet werden, die Masse eines Teilchens wäre eine intrin- sische Eigenschaft eines Teilchens, im Gegensatz zu dessen Gewicht. Allerdings ist 37 1 Das Elend des Physikalismus

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die Rede von intrinsischen Eigenschaften mit grundsätzlichen Schwierigkeiten kon- frontiert, denn unter der Masse eines Objekts sei immer nur dasjenige zu verstehen, was die Rolle des Ausdrucks Masse“ spielt, wie er in physikalischen Theorien vor- ” kommt. Wenn wir etwa sagen, ein Teilchen habe diese oder jene Masse, bedeutet dies nicht viel mehr, als dass es dasjenige ist, was in bestimmten Relationen (etwa dem Gravitationsgesetz) auf eine ganz bestimmte Art und Weise vorkommt (z.B. als radial anziehend; als äquivalent zur Trägheit oder dem Krümmungsverhalten der Raumzeit etc.).13 ) Was Masse darüber hinaus ist – z.B. wie es sich für das Teil- ” chen anfühlt, eine Masse zu haben“ –, darüber geben uns physikalische Theorien keine Auskunft. Folgt man der Eddington-Strawson’schen Auffassung, dass nicht nur Masse, son- dern alle Eigenschaften, die in physikalischen Theorien vorkommen, rein relational sind, woher dann überhaupt die Annahme, dass es neben diesen noch intrinsische Eigenschaften gäbe? Zum einen, falls die Rede von Relationen notwendig auf Indivi- duen verweisen würde, welche diese Relationen eingehen (Goff 2017). Zum anderen, falls die Existenz von Bewusstsein selbst darauf hinweisen würde, dass es neben den relationalen Eigenschaften noch andere gibt (Seager 2006, S. 143f.): Immerhin ist es doch vorstellbar, dass ich über Bewusstsein selbst dann noch verfüge, wenn alle Gegenstände der Außenwelt verschwunden wären – ein Echo des kartesischen Zweifels. Ersteres scheint eine spekulative Annahme zu sein (für eine kritische Diskussion siehe etwa Esfeld 2003). Letzteres eine zumindest anzweifelbare Intuition, die im Verdacht steht, dasjenige schon vorauszusetzen, wofür argumentiert werden soll. Eine weitere Konsequenz, die vielleicht wenig erwünscht ist, wenn eine wissen- schaftliche Theorie des Bewusstseins angestrebt werden soll, muss hier kurz erwähnt werden: Wenn sich jegliche Form von Wissenschaft darin erschöpft, Aussagen über relationale Eigenschaften zu machen, Bewusstsein aber eine intrinsische Eigen- schaft ist, liegt es nahe, von vornherein zu bezweifeln, dass so etwas wie eine Wis- senschaft vom Bewusstsein überhaupt möglich ist. 38 1 Das Elend des Physikalismus

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Da wir jedoch nicht daran glauben, dass dem Physikalischen fundamentale Wirk- lichkeit zukommt, sind wir weniger daran interessiert, wie sich seine vermeintlich bloß relationale Existenz auf soliden Boden stellen ließe. Im Gegenteil wäre es er- staunlich, wenn Natur etwas anderes wäre als ein Netzwerk von Relationen – oder ein System von Beziehung. • Emergenz: Es gibt mehrere Möglichkeiten, für die 4. Prämisse zu argumentieren. Zum Bei- spiel können zuerst einige paradigmatische Fälle von Emergenz diskutiert werden. Ein häufig verwendetes Beispiel ist dasjenige des Entstehens einer Flüssigkeit aus einer Ansammlung von Molekülen. Strawson argumentiert nun dafür, dass dieses Beispiel prinzipiell unzureichend sei, um die Entstehung des Bewusstseins zu ver- anschaulichen. Es sei keine Analogie der rechten Größe“; bei der Emergenz des ” Bewusstseins würde es sich nämlich um einen begrifflich heterogenen“ Übergang ” handeln und nicht, wie etwa bei der Emergenz von Wasser, um einen begrifflich ” homogenen“ (Strawson 2006b, S. 15). Flüssigkeiten haben zwar andere Eigenschaf- ten als (unstrukturierte) Ansammlungen von Molekülen, jedoch ist die Flüssigkeit selbst ein gleichartiger physikalischer Gegenstand, der z.B. über eine Masse oder eine Lage im Raum verfügt. Eigenschaften wie Transparenz oder Viskosität folgen aus den (elektromagnetischen und mechanischen) Eigenschaften der Moleküle und sind in diesem Sinne nichts fundamental Neuartiges (oder Irreduzibles). Anders sieht es beim Bewusstsein aus: Dort wäre die Emergenz einer völlig andersarti- gen Eigenschaft (Experientialität) postuliert, die nicht in den bereits vorhandenen (nicht-experientiellen) Eigenschaften angelegt ist. Godehard Brüntrup (2011) drückt dies dadurch aus, dass er intra-attributive“ ” von inter-attributiver“ Emergenz unterscheidet. Im ersten Fall handelt es sich um ” Übergänge innerhalb derselben ontologischen Kategorie (Moleküle → Flüssigkeit), im zweiten Fall jedoch um problematische Übergänge zwischen verschiedenen (on- tologischen) Kategorien (Nicht-Experientielles → Experientielles).14 Ein anderes Argument ergibt sich aus der 3. Prämisse: Laut Seager (2006) folgt 39 1 Das Elend des Physikalismus

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nämlich die 4. Prämisse von der Nicht-Emergenz des Bewusstseins aus dem Argu- ment intrinsischer Naturen, aber nur, falls zusätzlich eine Position vertreten wird, die Seager (2006, S. 131) als Prinzip der Reduzierbarkeit relationaler Eigenschaf- ” ten“ bezeichnet. Demnach sind alle relationalen Eigenschaften eines Gegenstan- des auf intrinsische Eigenschaften reduzierbar (starke Version) oder supervenieren zumindest auf diesen (schwache Version) – und nicht umgekehrt. Wenn nun Be- wusstsein eine solche intrinsische Eigenschaft darstellt, und alle gewöhnlichen phy- sikalischen Eigenschaften relationale sind, so ist nicht ersichtlich, wie Bewusstsein als emergentes Phänomen betrachtet werden könnte; im Gegenteil wäre es ja der Urgrund“ aller physikalischen Eigenschaften schlechthin. Etwas wird hier deut- ” lich, was vielleicht im normalen Anti-Emergenz-Argument weniger explizit ist: Be- wusstsein sind fundamentaler als alle physikalischen Eigenschaften, was die Gleich- wertigkeit physikalischer und bewusster Eigenschaften zugunsten des Bewusstseins aufhebt.15 • Mikropsychismus: Glaubt man, dass alle physikalischen Gegenstände aus kleinen, fundamentalen Bau- steinen (Atomen, Elementarteilchen, Strings...) zusammengesetzt sind, dann folgt mit Prämisse 4, dass zumindest einige, dieser Bausteine über experientielle Eigen- schaften verfügen ( micropsychism“; Strawson 2006b, S. 25). Aus der 5. Prämisse ” folgt, dass die sparsamste Ontologie diejenige ist, die nicht zwischen experientiel- len und nicht-experientiellen Teilchen unterscheidet – was sollte denn auch zeigen können, dass z.B. Elektronen experientiell sind, Quarks hingegen nicht? –, dass also alle physikalischen Bausteine (eine primitive Form von) Bewusstsein haben, genauso, wie sie auch alle eine Masse haben. In einer Ontologie, wie Strawson sie fordert, sollen letztlich die Dinge als iden- tisch zur Summe ihrer Eigenschaften angesehen werden (Strawson 2006a). Dies führt dann dazu, dass qualia, allein oder in Bündeln mit anderen Eigenschaften, die letzten Bestandteile der Wirklichkeit bilden. Ein Vorwurf, der sich hier auf- drängt, lautet, dass Strawson (recht unkreativ) die experientiellen Eigenschaften 40 1 Das Elend des Physikalismus

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zu den Elementen der fundamentalen Physik hinzuaddieren“ würde (Smart 2006, ” S. 158). Ein Grund, dabei besonders skeptisch zu sein, ist methodologisch: Die Darstellung von Erlebnissen folge aus introspektiver Betrachtung, während wir über die Eigenschaften der physikalischen Elementarteilchen durch mathematische Theorie und Experimente informiert werden. Diese beiden Arten des Wissenser- werbs, so Smart, scheinen diametral entgegengesetzt zu sein und darum bleibt der Strawson’sche Physikalismus suspekt. Auch Goff (2006) sieht Schwierigkeiten darin, die unmittelbare Erkenntnis der Introspektion sinnvoll in das Gebäude der Mikrophysik einzugliedern: Gerade weil wir meinen, unmittelbar die Natur des Bewusstseins zu erfahren, schließen wir, ähnlich wie schon Descartes, auf eine me- taphysische Kluft, die experientielle von nicht-experientiellen Eigenschaften trennt, und begnügen uns nicht mit der Feststellung einer bloß epistemologischen Diskre- panz zwischen deren Beschreibungsweisen. Aber eine ähnliche Kluft würde auch zwischen den mikropsychischen Eigenschaften und der Psyche eines Organismus bestehen. Dann wäre aber auch die Entstehung des Bewusstseins eines Lebewe- sens ausgehend vom Mikropsychismus letztlich unverständlich, so Goff. Die obigen Ausführungen führt potenziell auf eine Schwierigkeit, die beim sog. Kom- ” binationsproblem“ (Seager 1995) des Panpsychismus beginnt und eventuell auf eine unschöne Verdoppelung der Wirklichkeit führt. Glaubt man an den Mikropsychismus ist man geneigt, die These zu akzeptieren, wo- nach sich Erlebnisinhalte, speziell die Inhalte von Wahrnehmungen, aus vielen atomaren qualia zusammensetzen, ähnlich wie sich ein impressionistisches Gemälde aus distinkten Pinselstrichen zusammensetzt. Die Einheit des zusammengesetzten Bewusstseins ergibt sich dann vielleicht ähnlich der einheitlichen Szene, wenn das impressionistische Gemälde aus etwas Entfernung betrachtet wird. Und genau hier kommt das Kombinationsproblem ins Spiel. Das Kombinationsproblem geht bereits auf William James zurück. Betrachtet man Bewusstsein als zusammengesetzt aus Elementen, mit je eigener Subjektivität und phäno- menalen Charakter, bleibt unklar, wie aus dieser Summe phänomenaler Einzelereignis- se ein einziges, sich selbst als Einheit wahrnehmendes Bewusstsein entstehen soll. Das 41 1 Das Elend des Physikalismus

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Kombinationsproblem umfasst sowohl die Schwierigkeit, mehrere Subjekte zu einem ein- zigen zusammenzufassen (was ist der Unterschied zwischen mir und einem Bienenstock?), als auch die Schwierigkeit, zu verstehen, wie einzelne Sinneseindrücke (etwa rot, flach und rau) zu einer Einzelwahrnehmung verschmelzen (eine rote, raue Fläche) bzw wie phänomenale Strukturiertheit (etwa Melodien oder räumliche Distanzen) aus struktur- losen Einzelwahrnehmungen entstehen kann (Chalmers 2016). Dass es sich bei den Beispielen, welche das Kombinationsproblem veranschaulichen sollen, primär um Sinneswahrnehmungen handelt, ist dabei kein Zufall. Ginge man zusätzlich davon aus, dass alle geistigen Prozesse, die introspektiv zugänglich sind, über einen je eigenen phänomenalen Charakter verfügen, würden sich die Schwierigkeiten noch vervielfachen. Das Kombinationsproblem ist dabei nicht auf den Panpsychismus beschränkt. Es stellt sich für alle Positionen in der Philosophie des Geistes, die versuchen, Bewusst- sein als Summe mehrerer Teilaspekte zu verstehen (Mendelovici 2019). Es betrifft so- mit nicht nur den Panpsychismus, sondern auch den Physikalismus, wenn dieser z.B. versucht, die Einheit des Bewusstseins durch synchrone Anregung verschiedener, loka- lisierter Hirnfunktionen zu erklären. Das Kombinationsproblem, auch wenn es erst im Panpsychismus zu einem offensichtlich metaphysischen Problem wird, verdeutlicht eine strukturelle Schwierigkeit, mit der wir konfrontiert sind, wenn wir versuchen, ein ein- heitliches Bewusstsein aus einer Vielheit von Einzelerfahrungen oder Teilzuständen zu verstehen. Kann das Kombinationsproblem nicht gelöst werden, führt dies ungewollt zu einer Verdopplung der Wirklichkeit. Einerseits existieren experientielle Eigenschaften auf der Mikroebene, andererseits existiert ein Bewusstsein, dass sich aber nicht als Kombina- tion der mikropsychischen Eigenschaften erklären lässt. Eine Möglichkeit wäre es nun zu sagen, dass dessen Erlebnisinhalt für eine (objektive?) Eigenschaft der Wirklichkeit stünde, die schließlich (subjektiv?) wahrgenommen wird. Doch ein wichtiges Ziel wäre dadurch unterlaufen, nämlich die Kluft zwischen zwei Wirklichkeiten, einer wahrgenommenen (subjektiven) und einer real existierenden (ob- jektiven), zu überwinden. Wie beim Kombinationsproblem sind sowohl der Materialis- 42 1 Das Elend des Physikalismus

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mus als auch der Mikropsychismus wieder mit den (strukturell) selben Schwierigkeiten konfrontiert. Die Ironie dabei ist, dass beide Positionen vorgeben, metaphysische Pro- bleme der jeweils anderen aus dem Weg zu räumen. Daher erscheint es als höchst problematisch, Bewusstsein als (Kombination aus ei- ner) Ansammlung von Einzelerfahrungen zu verstehen. Eine nähere Untersuchung der einzelnen Teilaspekte des Kombinationsproblems würde vielleicht darauf führen, die- ses als begriffliche Verwirrungen zurückzuweisen (Fields et al. 2021, Harris 2021). Das Grundübel bliebe jedoch bestehen, falls Bewusstsein als Objekt unter vielen angesehen werden würde und nicht als die ganzheitliche Quelle, aus denen die Objekte erst hervor- gehen. Der Panpsychismus in der hier vorgestellten Variante ist mit einigen Schwierigkeiten behaftet, die sich umgehen ließen, wenn man sich von der Idee verabschieden würde, dass (i) der Physikalismus in einer finalen Form wahr wäre, (ii) Bewusstsein ein ausschließlich geistiges und dem Physikalischen gleichrangiges Prinzip darstellte, das (iii) als aus vielen Teilen zusammengesetzt und nicht als ungeteiltes Ganzes zu betrachten wäre. 43 Anmerkungen zu Abschnitt 1

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Anmerkungen zu Abschnitt 1 1 Für rein neurobiologische Erklärungsansätze siehe die Arbeiten von Crick & Koch (2003) und Koch (2005); ein kognitionswissenschaftliches Bewusstseinsmodell ist die Global Workspace- Theorie von Baars (1988) und deren neuropsychologische Ausarbeitung durch Dehaene & Nacca- che (2001), Mashour et al. (2020) und Baars et al. (2021). Ursprünglich rein informationstheore- tisch formuliert ist die Integrated Information Theory of Consciousness von Tononi (2008), welche Bewusstsein mit einer höherrangigen Form von Information in (kortikalen und anderen) Netz- werken gleichsetzt. Eine jüngere Entwicklung spricht lieber von kausalen Netzwerken (Oizumi et al. 2014, Tononi et al. 2016). Demgegenüber stehen Versuche, Bewusstsein im Rahmen der Fundamentalphysik erklären zu wollen. Insbesondere geschieht dies etwa bei Hameroff & Penrose (2014). Eine ausführlichere Diskussion über derzeitige Theorien des Bewusstseins findet sich in Signorelli, Szczotka & Prentner (2021). 2 Die ersten beiden Annahmen wurden von Einstein et al. explizit als Kriterien der Realität und der Vollständigkeit erwähnt. Die dritte Annahme bleibt implizit, ist aber zentral für das Verständnis der gesamten Arbeit (Fine 2007) und ist bis heute Gegenstand eingehender experi- menteller Untersuchungen, etwa von Gröblacher et al. (2007) oder Hensen et al. (2015). 3 Siehe (Bohm 1952a, Bohm 1952b). Die Bohm’sche Interpretation der Quantenmechanik ist unter praktizierenden Physikern (zu Recht oder zu Unrecht) nicht mehrheitsfähig, vermutlich da sie Entitäten wie das Quantenpotential postuliert, die vielen als zu ad-hoc erscheinen. 4 Etwas weniger dramatisch ausgedrückt, gilt, dass bestimmte, natürlich erscheinende Annah- men über den wissenschaftlichen Realismus aufgrund der Vorhersagen der Quantenmechanik zurückgewiesen werden müssen. Als Beispiel sei hier etwa die Auffassung von Esfeld (2008) erwähnt, der die Prinzipien der Separabilität, Lokalisiertheit und Individualität von Quanten- objekten zurückweist, die aber unser intuitives Verständnis vom Realismus wesentlich prägen. Zudem ist anzumerken, dass natürlich auch mehrere der obigen Annahmen verletzt sein können; so könnte die Quantentheorie nicht-lokal und unvollständig sein oder es könnte, wie im Falle einer Variante der Kopenhagener Interpretation, sowohl das Kriterium der Realität als auch der Loka- lität (wenn auch nicht das der Unmöglichkeit von Signalübertragung mit Überlichtgeschwindigkeit) verletzt sein. 5 Für einen Überblick siehe z.B. Jaeger (2009). 6 Galen Strawson (2006b, S. 6f.) drückt dies wie folgt aus: They [Dennett und die eliminativen ” Materialisten, Anm. RP] are prepared to deny the existence of experience, more or less (c)overtly, because they are committed to physicalism [. . . ] This particular denial is the strangest thing that 44 Anmerkungen zu Abschnitt 1

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has ever happened in the whole history of human thought [. . . ] Next to this denial every known religious belief is only a little less sensible than the belief that grass is green.“ 7 In einem Aufsatz fragen sich Crane & Mellor (1990), ob Geistiges, wie es die Psychologie be- schreibt, ein Phänomen darstellt, an dem sich der Physikalismus überprüfen ließe. Dabei kommen sie zum Schluss, dass mentale Phänomene aus keinem guten Grund als unphysikalisch betrachtet werden können. Somit existiert aber auch nichts, an dem sich der Physikalismus überhaupt mes- sen lassen könnte. Der Physikalismus sei die falsche Antwort auf eine simple Frage: [S]aying that ” minds are all physical no more helps to explain how some physical things can think than saying that all flesh is grass helps to explain the difference between carnivores and vegetarians“(Crane & Mellor 1990, S. 206). 8 In der Quantenmechanik kommt, je nach Interpretation, eine weitere begriffliche Trennung hinzu, und zwar diejenige zwischen System, Umgebung und Messapparatur (der sog. Heisenberg ” Schnitt“). Hierbei handelt es sich um einen weiteren Schnitt, zusätzlich zum kartesischen. Selbst wenn eine Theorie vorläge, die den Heisenbergschnitt wegerklären könnte, wie das etwa Ziel der Dekohärenztheorie ist, wäre damit der kartesische Schnitt noch nicht aufgehoben (Primas 1994). Dies zeigt sich zum Beispiel darin, dass eine Dekohärenztheorie immer noch auf zusätzliche Interpretationen, etwa die Viele-Welten-Theorie Everetts oder Zureks Quantendarwinismus, an- gewiesen ist, um das Messproblem zu lösen (vergleiche auch Schlosshauer 2008, Wallace 2012). 9 Wir stimmen hier mit Whitehead in einer unpopulären Meinung überein, wonach wir Relatio- nen erfahren können und nicht nur Hume’sche Sinneseindrücke (vgl. CN, Kap. 4 und Whiteheads Theorie der prehensions in PR). 10 Für das Schelling’sche Erbe bei Weizsäcker siehe z.B. Sieroka (2009). 11 KdU, B XXIX/ A XXVII; vgl. auch §75 der KdU, B 333 - 338/A 329 - 335. 12 Weitere Kriterien, die mehr auf die strukturellen Unterschiede monistischer Theorien einge- hen, finden sich z.B. in (Atmanspacher 2014, Atmanspacher 2020b). 13 Und dass ein Teilchen neben einer Masse noch andere relationale Eigenschaften oder Dispo- sitionen hat, unterscheidet es wiederum von anderen Teilchen, welche zufällig über die gleiche Masse verfügen. Genau da, wo eine solche Charakterisierung nicht mehr möglich ist, endet dann auch Individuierbarkeit. 14 Allerdings wird dieser Emergenzkonservatismus auch bezweifelt, z.B. in der Physik bei Rovelli (2020), der versucht, Räumliches aus dem Nicht-räumlichen im Rahmen der Loop Quantum Gravity hervortreten zu lassen. 15 Philip Goff (2019)[S. 135 ff.] spricht davon, dass alle physikalische Eigenschaften nur Formen des Bewusstseins wären, was man eventuell sogar als Keller-Idealismus“ interpretieren könnte. ” 45 2 Emergente Semiose

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2 Emergente Semiose Früher habe ich einmal gesagt, der Satz sei ein Bild der Wirklichkeit. Damit könnte man zwar eine sehr nützliche Betrachtungsweise der Sprache ins Bild bringen, aber es besagt nicht mehr als ’Ich will den Satz als Bild der Welt betrachten’. (Ludwig Wittgenstein: Vorlesungen 1930-1935) 2.1 Emergenz Starke und schwache Ausprägung Sowohl in der Naturphilosophie als auch der Systemtheorie wird oft vom Begriff der Emergenz gesprochen. Damit ist gemeint, dass neuartige Eigenschaften einer Ganzheit (eines Systems) aus den Eigenschaften ihrer Teile hervorgehen können, ohne dass dabei die Dynamik der Ganzheit auf die der Teile reduzierbar wäre. So ließe sich etwa vermuten, dass bewusste Erlebnisse, die Interaktion von Geist und Materie oder das Handeln nach Gründen als emergente Phänomene“ beschrieben ” werden können. Gerade auch da, wo es um Bewusstsein als explanandum einer natu- ralistischen Theorie geht, ist der Verweis auf Emergenz schon beinahe Teil der Ortho- doxie einer nicht-reduktiven physikalistischen Auffassung vom Geist (Crane 2001) und der Emergentismus wird oft als vielversprechende Erklärungsstrategie zur Lösung des Geist-Materie-Problems betrachtet. Das Gehirn, dieser Denkweise zufolge, ist als materielles System anzusehen, das aus Millionen informationsverarbeitenden Subsystemen, den Neuronen, besteht und eine Vielzahl an komplexen Funktionen hervorbringt, die das Verhalten des Gesamtorganis- mus steuern. Wenn zusätzlich davon die Rede ist, dass einige dieser Prozesse bewusst sind, bedeutet dies nichts weiter, als dass Bewusstsein auf eine physikalische Eigenschaft verweist, die aus der Dynamik der interagierenden Nervenzellen hervorgeht. Die Re- deweise von Emergenz impliziert dabei auch, dass Bewusstsein im Gesamtorganismus vorliegen würde, nicht schon in den Nervenzellen selbst, und distanziert sich damit von panpsychistischen Überlegungen. Bewusstsein als emergentes Phänomen zu betrachten, ist ein Versuch, an dessen 46 2 Emergente Semiose

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Wirklichkeit und Irreduzibilität festzuhalten und gleichzeitig nicht davon ausgehen zu müssen, dass es überhaupt etwas Nicht-physikalisches gäbe. Viele versprechen sich daher von Emergenztheorien, den Graben zwischen dem Physikalismus und dem Dualismus zu überbrücken und dabei das beste beider Welten zu vereinen. Gleichzeitig macht dies aber auch die Schwäche von Emergenztheorien aus: Eine große konzeptionelle Änderung gegenüber den bisher vorgestellten metaphysischen Positionen zum Thema gibt es ei- gentlich nicht und daher sind Emergenztheorien im Großen und Ganzen mit denselben Schwierigkeiten konfrontiert (vgl. z.B. Strawsons Anti-Emergenz-Argument). Die Befürworter von Emergenztheorien sehen sich hingegen dadurch bestätigt, dass eine Vielzahl an Beispielen für emergente Eigenschaften aus den Naturwissenschaften bekannt sind, so etwa der Magnetismus, die thermischen Eigenschaften makroskopischer Systeme und viele weitere komplexe Phänomene, die in Chemie oder Biologie (z.B. in der Chemie: Luisi 2002, Boogerd et al. 2005) vorgefunden werden. Wenn die vermutete Emer- genz des Bewusstseins analog zu den Emergenzphänomenen in den Einzelwissenschaften verstanden werden könne, würde das vielleicht dafür sprechen, dass Bewusstsein als ein gewöhnlicher wissenschaftlicher Gegenstand unter vielen aufzufassen sei: Bewusstsein würde aus dem Gehirn hervorgehen wie Flüssigkeit aus Molekülen. Doch kann die Frage nach der Angemessenheit des Emergenzbegriffs gar nicht so einfach beantwortet werden. Betrachtet man die Literatur – sowohl die philosophische als auch die populärwissenschaftliche – zum Begriff der Emergenz etwas genauer, zeigt sich schnell, dass sich hinter diesem Schlagwort eine Vielzahl verschiedener Definitionen und Verständnisse verbirgt. Dabei lässt sich grob zwischen zwei Ausprägungen von Emergenz unterscheiden (Stephan 1999, Kap. 4). Eine schwache Form von Emergenz kann durch folgende drei Eigenschaften näher charakterisiert werden: (i) Alles, was existiert, ist physikalisch, d.h. aus rein physikalischen Bausteinen zu- sammengesetzt. (ii) Es gibt systemische Eigenschaften, die nicht bereits als Eigenschaften der Teile vorliegen. (iii) Die Eigenschaften des Systems stehen mit den Eigenschaften der Teile in einer na- 47 2 Emergente Semiose

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turgesetzlichen Beziehung; die Systemeigenschaften sind durch diese determiniert. Schwache Emergenz bildet hier nur einen sehr allgemeinen begrifflichen Rahmen. Achim Stephan (2006, S. 150) spricht sogar davon, dass der Begriff der schwachen Emergenz die Natur zwar an ihren Scharnieren‘ [schneide], doch diese zu zahlreich sind“, um ” ’ hier vielsagende Konsequenzen aus der Tatsache zu ziehen, dass einige Eigenschaften im schwachen Sinne emergent sind. Ontologisch bedeutsamer wäre die starke (und synchro- ne) Form von Emergenz, welche manchmal auch als radikale Emergenz bezeichnet wird. Diese erfordert zusätzlich zu den Bedingungen (i) - (iii) noch: (iv) Die Systemeigenschaften sind irreduzibel bezüglich der Teileigenschaften, entweder weil die üblichen wissenschaftlichen Methoden der Analyse versagen, oder weil die Teileigenschaften selbst irreduzibel sind. Sind die Teileigenschaften eines Systems irreduzibel, hat dies zwei mögliche Ursachen: Entweder sie sind ihrerseits bereits als systemisch-emergent zu betrachten, oder es liegt eine Form von abwärtsgerichteter Kausalität vor, d.h. dass das System einen kausalen Einfluss auf seine Bestandteile ausübt. Dies impliziert umgekehrt, dass eine kategori- sche Trennung in System- und Komponentenverhalten nicht mehr durchgeführt werden kann. Wegen der Supervenienzanforderung (iii) gilt, dass eine Änderung im Systemver- halten Änderungen im Verhalten der Bestandteile implizieren. Gleichzeitig gilt aber auch beim Vorhandensein einer abwärtsgerichteten Ursächlichkeit, dass sich das Verhalten der Komponenten in einem System mitunter stark vom Verhalten der isoliert vorliegenden Komponenten unterscheiden kann. Wenn nun gesagt würde, Geistiges wäre ein emergentes Phänomen, ist es wichtig, klarzumachen, von welcher Art von Emergenz hier die Rede ist. Ist damit eine starke Form von Emergenz gemeint? Dann handelt es sich bei der Emergenz des Bewusstseins aber um einen fundamental anderen Prozess als in den Beispielen aus den Einzelwis- senschaften, bei welchen es sich anscheinend nur um Formen von schwacher Emergenz handelt. Emergentisten könnten dann nicht mehr behaupten, dass der Mechanismus, der das Entstehen von Bewusstsein verständlich machen würde, analog wäre zum Mechanis- mus, der die Ausbildung magnetischer Phänomene erklärt. 48 2 Emergente Semiose

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Gleichzeitig legen metaphysische Überlegungen nahe, dass starke Emergenz überhaupt nicht intelligibel sei. Es würde vielleicht seltsam anmuten, falls in einem System Bewusst- sein entstünde, ohne dass eine Basis für Bewusstsein in der Materie selbst vorhanden wäre (vgl. die Diskussion zum Panpsychismus im letzten Abschnitt). Auch die Irreduzi- bilitätsthese (iv) scheint methodisch nicht recht zum üblichen Vorgehen in den Wissen- schaften zu passen. Emergenz hätte etwas Magisches an sich. Geht man aber nur von der schwachen Form von Emergenz aus, so scheint dies im Wi- derspruch zu vielen Annahmen über das Bewusstsein zu stehen, etwa dass Bewusstsein einen kausalen Einfluss auf den Körper haben kann (eine Form der abwärtsgerichteten Kausalität?), dass es sich bei Bewusstsein um etwas anderes handle als ein Produkt raum- zeitlich lokalisierbarer Eigenschaften materieller Gegenstände, oder dass sich (phänomenales) Erleben unmöglich aus der Dynamik von Nervenzellen ergeben könnte, egal wie komplex diese angeordnet wären. Das Dilemma der Emergenz lässt sich wie folgt umschreiben: Entweder Emergenz ist zu schwach, um tatsächlich über Bewusstsein etwas auszusa- gen, oder sie ist zu stark und verstößt dabei gegen grundsätzliche wissenschaftliche oder ontologische Grundwerte (Prentner 2017a). Komplexität, Information und Selbstorganisation Einige Wissenschaftler versuchen nun, den oft als schwammig empfundenen Begriff der Emergenz auf andere, besser verstandene und (manchmal nur vermeintlich) exakte Kon- zepte aus den jeweiligen Einzelwissenschaften zurückzuführen. Vielleicht reiche eine schwache Form der Emergenz ja doch aus, um Bewusstsein zu erklären (Grindrod 2018)? Dabei ist öfters von Begriffen wie Selbstorganisation, der Entstehung von Ordnungs- phänomenen, Protektoraten oder der Brechung von Symmetrien die Rede. Insbesonde- re soll dadurch die Irreduzibilitätsthese vermieden werden, die als bedrohlich für das wissenschaftliche Unternehmen angesehen wird. Im Folgenden wird auf drei Strategien eingegangen, die den Begriff der schwachen Emergenz (oder davon abgeleitete) durch (i) Komplexität und Information, (ii) Symmetrie oder (iii) die Selbstorganisation materieller Systeme plausibel machen wollen. Der Begriff der Emergenz wird in den Wissenschaften immer auch da angetroffen, 49 2 Emergente Semiose

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wo von Komplexität die Rede ist. Den Vertretern der Komplexitäts- und Systemwis- senschaften zufolge, führen komplexe Systeme aufgrund ihrer inneren Strukturiertheit oder Organisation zur Emergenz von neuen Eigenschaften. Trotz jahrelanger Forschungs- anstrengung ist bis heute jedoch nicht geklärt, wie der Begriff der Komplexität genau zu fassen ist. Es gibt eine Unzahl an Maßen von Komplexität, wobei jedes auf unter- schiedliche Intuitionen verweist, was Komplexität eigentlich sei (siehe z.B. die Arbeit von Wackerbauer et al. 1994). Ohne weitere Einschränkung, entstünde hier das Gefühl, ein schlecht gefasstes ex- planandum (Emergenz) würde durch ein schlecht verstandenes explanans (Komplexität) ersetzt werden. Fragen, die eine Theorie der Komplexität beantworten müsste, bevor sie eine tragende Rolle in einer Theorie von Bewusstsein spielen könnte, sind beispielswei- se: Wie lässt sich der diffuse Begriff der Komplexität quantitativ fassen? Wie skaliert Komplexität mit der Größe eines Systems bzw. dem Größenverhältnis des Systems und seiner Teilsysteme? Wann kann ein System als einfach betrachtet werden, wann muss es als komplex angesehen werden? Wie verhält sich die Komplexität eines Teilsystems zur Komplexität des Ganzen? Wie lassen sich die Komplexitätsmerkmale, die eventuell im Gehirn realisiert sind, mit den evolutionären Bedingungen, unter denen diese entstanden sind, in Verbindung bringen? U.a.m. In der Literatur wurde vorgeschlagen, den Informationsgehalt oder damit zusam- menhängende Größen als Maß der Komplexität, und davon abgeleitet: des Bewusst- seins (Tononi & Edelman 1998, Balduzzi & Tononi 2008, Seth 2021), zu verwenden. Es muss allerdings beachtet werden, dass Information“ mehrere Bedeutungen hat und es ” völlig unklar ist, ob es überhaupt einen einheitlichen Informationsbegriff geben kann. Die Möglichkeit eines einheitlichen Informationsbegriffs ist dabei sehr umstritten und wurde etwa vom Vater der Informationstheorie selbst, Claude Shannon (1993, S. 180), bezweifelt, findet aber auch Fürsprecher. Fruchtbarer als der Versuch, dies abschließend beurteilen zu wollen, ist es, auf die Vielfalt von Informationsbegriffen und -konzepten hin- zuweisen: Was wir unter Information im Alltag verstehen, unterscheidet sich von dem, was als Information in der Nachrichtentechnik verstanden wird, und auch von dessen Generalisierungen in Physik oder Biologie. 50 2 Emergente Semiose

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Dabei lässt sich prinzipiell zwischen drei Aspekten von Information unterscheiden: dem syntaktischen, dem semantischen und schließlich dem pragmatischen (Küppers 1990, Burgin 2010). Syntaktische Auffassungen betrachten Information als Funktion der re- lativen Häufigkeit von (im Grunde bedeutungslosen) Zeichenketten. Ein semantischer Informationsbegriff hingegen ordnet den Zeichen (oder den aus ihnen geformten Nach- ” richten“) eine Bedeutung innerhalb eines Kontextes zu. Die meisten Versuche, Bedeutung zu naturalisieren, bringen die Bedeutung eines Zustandes mit dessen kausaler Rolle in Zusammenhang: In der Biologie, ein Feld, in dem der syntaktische Informationsbegriff mit großem Erfolg mit dem Begriff der Erbinformation“ verschmolzen wurde, folgen ” 6 aus den nur 4 Nukleotidpaaren der DNA nahezu unendlich viele (≈ 44×10 ) mögliche Kombinationen, die das Genom eines E.coli Bakteriums spezifizieren (Küppers 1990). Allerdings sind nur einige dieser möglichen Kombinationen relevant für den Organismus und tragen in diesem Sinne Bedeutung innerhalb eines Kontextes. Dabei muss beachtet werden, dass hier oft von einer Bedeutung für den Organismus gesprochen wird. Kritiker wie Searle (1992) werfen solchen und ähnlichen Ansätzen an dieser Stelle vor, dass diese, anstatt eine echte Naturalisierung von Bedeutung liefern zu können, immer nur von Bedeutung relativ zu einem sinnverstehenden Wesen sprechen können. Folglich müssten wir bereits über eine Theorie des Bewusstseins verfügen, um über Bedeutung in der Natur“ Aussagen machen zu können. Eine solche müsste aber ” erst entwickelt werden. Die zentrale Herausforderung naturalisierter Bedeutungstheorien besteht also darin, diesen impliziten Rückverweis auf ein verstehendes Bewusstsein durch die Angabe eines Kontextes zu ersetzen. Auf dieses Problem wurde in der Literatur bereits reagiert, am prominentesten viel- leicht in der Integrated Information Theory von Oizumi et al. (2014) und Tononi et al. (2016). Hier wird versucht, Bedeutung im Rahmen einer probabilistischen Theorie zu verstehen, die allen prinzipiell möglichen Zuständen eines gegebenen Systems Wahr- scheinlichkeitswerte zuordnet. Dabei schränkt der aktuelle Zustand eines Systems die Wahrscheinlichkeit vergangener und zukünftiger Zustände ein. Auf diese Weise kann da- von gesprochen werden, dass der Zustand eines Systems Bedeutung für sich selbst (und keine nur abgeleitete) habe. 51 2 Emergente Semiose

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Auf der konzeptuellen Ebene wird Tononis (2008) ursprüngliche Operationalisierung der Komplexität (als Information + Integration) durch die Übersetzung sog. phänomeno- ” logischer Axiome“ in die Sprache von kausalen Interaktionen in Netzwerken ersetzt. Ge- nau hier setzt aber auch Kritik an dieser Theorie an, nämlich sowohl an den Axiomen selbst (Cerullo 2015, Bayne 2018, Mørch 2019, Merker et al. 2022) als auch an deren Übersetzung (Hanson & Walker 2021, Negro 2022). Eine fundamentalere Kritik wurde von Herzog et al. (2022) und Atmanspacher & Rickles (2022) geäußert. Unabhängig da- von, auf welche Seite man sich in dieser Diskussion schlägt, scheint die Engführung von Bewusstsein, Kausalität und Information den Stein des Anstoßes auszumachen. Der Informationsbegriff, der uns aus dem Alltag bekannt ist, enthält zudem eine pragmatische Komponente. Dabei führt Information zu einem spezifischen, zielgerich- teten Verhalten. Pragmatische Information beschreibt, wie Bedeutung zu Handlungen führt. Eine Information, die mir zuvor telefonisch mitgeteilt wurde, führt vielleicht dazu, dass ich mich zufrieden in den Sessel lehne oder dass ich plötzlich ins nächste Kranken- haus stürme (Information induziert eine neuartige Handlung). Der Soldat, der einen Befehl erhält, führt eine Geste aus, die seinem Vorgesetzten vermitteln soll, dass der Befehl verstanden wurde und vom Soldaten entsprechend ausgeführt wird (Information induziert Bestätigung; von Weizsäcker 1974). Weder der syntaktische noch der semantische Aspekt von Information scheint die pragmatische Komponente von Information zu bestimmten; stattdessen verweisen wir üblicherweise auf Gründe, um uns solche und ähnliche Handlungsabläufe verständlich zu machen. Zwar könnte vermutet werden, dass der syntaktische und semantische Infor- mationsbegriff die Randbedingungen für das Auftreten von pragmatischer Informationen definieren, indem sie das (physikalische) Vehikel strukturieren, mit dem pragmatische In- formation übertragen wird (Pattee 2013). Die Übermittlung pragmatischer Information folgt dann in diesem Sinne den Gesetzen semantischer Informationsübermittlung (deren Träger wiederum den Gesetzen syntaktischer Informationsübermittlung folgen). Aller- dings folgt daraus keine Erklärung von Bedeutungen, Entscheidungen oder Handlungen. Besser als eine Theorie von Bedeutung auf der Basis syntaktischer Information zu formulieren, ist es daher umgekehrt, Bedeutung indirekt zu erschließen, ausgehend von 52 2 Emergente Semiose

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(prinzipiell messbaren) Handlungsweisen und Zeichenverwendungen (. Atmanspacher & Rickles 2022) Auf den ersten Blick erscheint es vielleicht eine vielversprechende Idee zu sein, Be- wusstsein als emergentes Phänomen auf der Basis von Komplexität und Information zu erklären. Allerdings wird meist mit einem rein syntaktischen Informationsbegriff gear- beitet, der zwar genau definiert ist, aber ohne semantischen oder pragmatischen Gehalt verstanden wird, oder es wird umgekehrt stillschweigend von einem sehr reichhaltigen Begriff von Information ausgegangen, der aber üblicherweise gar nicht klar definiert ist (Pockett 2014). Dies betrifft die auch die Fragen, ob Computer – also Systeme, die syntaktische In- formation verarbeiten – über Bewusstsein (oder Intentionalität) verfügen können. Es ist jedoch unklar, inwieweit mathematische Formulierungen von Information überhaupt dazu beitragen, Begriffe wie Sinn, Bedeutung oder Absicht zu fassen (Gabriel 2020). Trotz der Hoffnung (und impliziten Annahmen), die sich hier im Laufe des Informati- onszeitalters ergeben haben, ist und bleibt sich die Wissensgemeinde dabei uneins1 . Auch die Redeweise von information spaces“ bei Chalmers (1996, Kap. 8) oder den infor- ” ” mational relations“ bei Tononi (2008) ist Zeuge einer anscheinend noch ungebrochenen Faszination mit dem Begriff der Information. Alternativ zum Versuch, Emergenz durch das Anwachsen von Komplexität in infor- mationsverarbeitenden Netzwerken zu formalisieren, kann versucht werden, Emergenz auf die Erhaltung oder Brechung von Symmetrien zurückzuführen. In diese Richtung argumentieren die Physiker Philip Anderson (1972) und Robert Laughlin (2007). Beson- ders in der Physik spielen Symmetriebrüche eine besondere Rolle in der theoretischen Beschreibung materieller Phänomene. Der eingangs erwähnte Magnetismus, das Higgs- teilchen, oder das Phänomen der Supraleitung sind gern genannte Beispiele, aber auch in den Nachbardisziplinen spielt das Konzept der Symmetrie eine Rolle. Mit dem Bruch einer Symmetrie sind jeweils neue Observablen verbunden. Symmetri- en führen dazu, dass wir bestimmte Unterscheidungen an Systemen nicht treffen können. Erst der Bruch dieser Symmetrien ermöglicht uns beispielsweise, zwischen rechts- und linkshändigen Naturprozessen zu unterscheiden. Diejenigen Eigenschaften der Materie, 53 2 Emergente Semiose

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die auf einer grundlegenden Ebene zwar nicht beobachtbar sind, aber dann relativ zu einem Symmetriebruch beobachtbar werden, können dann als emergent bezeichnet wer- den. Der Physik hinreichend großer und gekoppelter Systeme, etwa der Festkörperphysik oder der Synergetik (Haken 1983), entstammt die Idee, wonach die Brechung von Sym- metrien eng mit dem Phänomen der Selbstorganisation zusammenhängt, aber auch in den Bereichen der Biologie und den Neurowissenschaften findet die Engführung von Sym- metriebrüchen und Selbstorganisation (und Emergenz) immer mehr Verbreitung, wenn auch vieles spekulativ bleibt. Dies wird gern mit der Theorie von Phasenübergängen oder Extremalprinzipien in Verbindung gebracht. Ein Vorteil dieser Lesart von Emergenz ist es, dass informationstheoretische und physikalisch-mechanische Ansätze unter ein Prinzip subsumiert werden können. Dabei handelt es sich primär um Darstellungen im Rahmen dynamischer oder komplexer Sys- teme. Daraus leitet sich auch die Spekulation ab, die – aus Sicht der Physik – einfachen und fundamentalen Gesetze ergeben sich erst aus der Selbstorganisation komplexer und zusammengesetzter Systeme (Laughlin 2007). Bei deren Dynamik kommt es (in man- chen Fällen sogar notwendigerweise) zur Ausbildung bestimmter, unvorhersagbarer Re- gularitäten, welche dann als emergente Muster oder Eigenschaften identifiziert werden können. Insbesondere für das Gehirn, wenn es als offenes System fern des thermodyna- mischen Gleichgewichts verstanden wird, verspricht ein solcher Ansatz zu erklären, wie aus der neuronalen Dynamik emergente Makroeigenschaften des Gehirns hervortreten. Ein derzeit prominenter Vertreter einer solchen Auffassung ist etwa Karl Friston (2010). In eine ähnliche Richtung gehen aber auch die Theorien von Stuart Kauffman (1995) zur Selbstorganisation in biologischen Systemen oder von György Buzsáki (2006) zu den selbstorganisierenden Oszillationen des Nervensystems. Die drei erwähnten Strategien, den Begriff der Emergenz anhand des Verhaltens natürlicher Systeme zu beleuchten, sind in der Lage, die Rede von der schwachen Emer- genz zu plausibilisieren und zu spezifizieren. Dennoch bleibt unklar, inwieweit der Ver- weis auf Bewusstsein wirklich ersetzt werden kann, wie gerade am Beispiel der Informa- tion deutlich wird. 54 2 Emergente Semiose

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Topologien, Kontexte und Muster Vielleicht hindert uns aber auch die kategorische Unterscheidung von starker und schwa- cher Emergenz daran, den Begriff der Emergenz sinnvoll bei der Naturalisierung des Bewusstseins anzuwenden? Bis jetzt wurde Emergenz immer mit Bezug auf die Eigen- schaften zusammengesetzter Systeme diskutiert, was man vorschnell für eine ontologi- sche Aussage halten könnte. Vielleicht sollte es aber gar nicht darum gehen, emergente Eigenschaften von Systemen zu erklären, sondern darum, die Gesetze zu betrachten, mit denen ihr Verhalten beschrieben wird. Emergenz wäre dann eine Relation zwischen Theorien oder Modellen und handelte nicht so sehr von Gegenständen respektive deren Eigenschaften. Emergenz wäre epistemologisch zu verstehen: Relativ zur Theorie T1 erscheinen uns bestimmte Phänomene, die uns nur in Anbetracht einer anderen Theorie T2 erklärlich sind als emergent. Zum Beispiel erschiene uns Bewusstsein zwar als emergent bezüglich unserer derzeitigen neurophysiologischen Theorien, aber daraus ist noch kein metaphysi- sches Argument zu stricken, welches auf die Unergründbarkeit des Bewusstseins schließt. Besondere Bedeutung kommt dabei der Unterscheidung zwischen hinreichenden und notwendigen Bedingungen zu: Eine Ableitung der Systemeigenschaften aus den Teileigen- schaften erfordert das Vorliegen sowohl hinreichender als auch notwendiger Bedingungen für die Ausbildung der Systemeigenschaften. Falls jedoch die Eigenschaften der Teile nur notwendige, aber nicht hinreichende Bedingungen für die Existenz systemischer Eigenschaften liefern, müssen Annahmen wie Randbedingungen oder Kontexte zusätzlich berücksichtigt werden, um die Heraus- bildung systemischer Eigenschaften zu verstehen. Emergenz ist dann ein kontextuel- ” les“ (Bishop & Atmanspacher 2006, Atmanspacher & Primas 2009, Bishop et al. 2022) Phänomen und wird nicht als Gegenbegriff zur Reduktion, sondern als komplementär verstanden. Ein Beispiel liefern etwa die thermodynamischen Zustandsgrößen: Die messbare Größe der Temperatur folgt aus einer statistischen Beschreibung eines Systems, wenn neben den notwendigen Bedingungen, die durch die mechanischen Bewegungsgleichungen gegeben 55 2 Emergente Semiose

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sind, zugleich eine Gleichgewichtsbeziehung (der 0te Hauptsatz der Thermodynamik“) ” zwischen Referenzzuständen realisiert ist2 . Im Unterschied zu vielen anderen Theorien von Emergenz wird hier davon ausgegan- gen, dass ein externes experimentelles Verfahren oder ein Instrument zur Mustererken- nung eine zentrale Rolle spielt und dabei den Kontext einer Untersuchung spezifiziert, was sich etwa in der Wahl einer geeigneten Topologie T einer Theorie T = (T, T ) widerspiegelt. 3 Die Struktur einer Theorie wird dabei so modifiziert, dass neuartige theoretische Beschreibungen erst möglich werden. Wir können nun zwei Theorien, die vom selben Gegenstandsbereich handeln, anhand ihrer Topologien T1 und T2 vergleichen. Für T1 ⊃ T2 bezeichnen wir die erste als feinere“ ” und die zweite als gröbere“ Topologie. Die feinste Topologie ist die Potenzmenge T = ” P(T ), da diese alle möglichen Teilmengen von T als Elemente enthält, die gröbste besteht nur aus der leeren Menge und der Menge selbst, T = {∅, T }, welche per definitionem als Teilmenge in jeder Topologie vorkommen muss. Nicht immer lassen sich Topologien auf diese Weise ordnen: {∅, {1}, {1, 2}} und {∅, {2}, {1, 2}} sind je inkommensurable“ Topologien der Menge {1, 2}. Im Allgemeinen ” wird es daher möglich sein, mehrere solche Topologien zu betrachten, die untereinander geordnet werden können, aber nicht in einer totalen Ordnungsrelation stehen, d.h. keiner strikten Hierarchie“ von topologischen Strukturen entsprechen (was gegen die Vorstel- ” lung einer strikten Hierarchie von Beschreibungsweisen spricht). Extern zur fundamentalen Theorie vorzugebende Kontexte können nun als gröbere Topologien bezeichnet werden. Das technische Verfahren, welches geeignete kontextuelle Topologien erzeugt, ist jedoch nicht trivial. Für die neue Theorie T2 = (T, T2 ) mit der kontextuellen Topologie gilt, dass in ihr Aussagen gemacht werden können, die im Rah- men der ursprünglichen Theorie nicht gemacht werden können, d.h. dass diese relativ zu T1 als emergent angesehen werden müssten. Gleichzeitig gilt, dass sich T2 aus der fundamentaleren Theorie T1 ableiten lässt, aber nur unter Berücksichtigung des entspre- chenden Kontexts, der jedoch nicht bereits in T1 selbst enthalten ist (Primas 1998). Eine wichtige Eigenschaft der Theorie der kontextuellen Emergenz betrifft nun die Tatsache, dass der spezifische Kontext, der aus der (kontingenten) Wahl einer Funk- 56 2 Emergente Semiose

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tion oder eines Referenzzustandes folgt, letztlich gewissen objektiven Bedingungen – sogenannten Robustheitskriterien“ (Atmanspacher & Bishop 2007) – genügen muss. ” Emergente Eigenschaften sind somit als (objektive) Eigenschaften von (physikalischen) Gesamtheiten anzusehen, auch wenn ihr Hervortreten ursprünglich auf die Wahl eines theorie-externen Kriteriums zurückzuführen ist. Die Maximierung von effektiver Information“ von Mustern, wie sie von Bedau (2008) ” oder Ladyman & Ross (2007) als Kriterium der objektiven Realität meso- und makro- skopischer Phänomene vorgeschlagen wurde, kann als Analogon zu solch einem Robust- heitskriterium verstanden werden. (vgl. auch Dennett 1991b). Anstelle von Kontexten ist es manchmal adäquater von unvorhersagbaren Struktu- ren zu sprechen, die sich spontan in dynamischen (z.B. chaotischen oder komplexen) Systemen ausbilden. Die neuartigen Eigenschaften, die sich dann zeigen, sind Ergebnisse der Neuartigkeit relativ zu solchen Strukturen, welche die Funktion der kontextuellen Topologien übernehmen. Im Gegensatz zu synchronen“ Emergenzvorstellungen, spielt ” hier der Faktor Zeit eine große Rolle, weshalb manchmal auch von einer diachronen ” Strukturemergenz“ (Stephan 1999, S. 69f.) gesprochen wird. Beide Ansätze, kontextuelle- synchrone sowie strukturrelative-diachrone, können als Alternativen zur Dichotomie von starker/schwacher Emergenz verstanden werden und scheinen daher die erfolgverspre- chendste Position für weitere Überlegungen darzustellen. Was sich überhaupt beobachten lässt oder als Objekt in unseren Theorien vorkommt, hängt also sowohl von der Beschaffenheit der Gegenstände selbst ab, als auch von un- serer Fähigkeit, stabiler Muster zu erkennen. Emergente Eigenschaften sind solche, die nicht als Summe der Eigenschaften der (isolierten) Teile zu betrachten sind, aber den- noch objektiven und zugleich kontextsensitiven Mustern im Verhalten von (natürlichen) Systemen entsprechen. Dabei können die jeweiligen Muster nicht aufeinander abbildbar sein und müssen nicht Teile einer allumfassenden Hierarchie von Beschreibungen sein, wie es die klassi- schen Theorien des Reduktionismus oftmals postuliert haben. Ein weiterer Vorteil dieser Lesart von Emergenz besteht darin, dass sie neben der Analyse vorhandener Beispiele auch Kriterien zum Auffinden (ev. noch unbekannter) emergenter Eigenschaften liefert4 . 57 2 Emergente Semiose

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Letztlich lösen sich die Objekte selbst im Rahmen kontextueller Emergenztheorien in Muster auf, die zwar objektiv und als Zeichen in einer übergeordneten Beschreibung vorkommen, aber immer je relativ zu unseren (theoretischen) An- und (explanatorischen) Absichten sind. Ohne dass wir Rahmenbedingungen angeben können, die oft relativ zu einer hierarchisch höheren Beschreibungsebene sind, bringt uns Emergenz nicht weiter (vgl. dazu z.B. die Rede von ontological commitments“; Quine 1948, Putnam 1987, ” Atmanspacher & Kronz 1999, Prentner 2017a). Man könnte nun vermuten, dass viele physikalische Größen selbst nur kontextuelle Phänomene sind. Existiert dann jenseits der verschiedenen Beschreibungsweisen ein on- tologisch primitiver Bereich, auf den die verschiedenen Beschreibungen gegründet sind? Und falls ja, können wir ihm dann überhaupt bestimmte Eigenschaften zusprechen, oder haben wir es hier mit einer Form von negativer Ontologie zu tun: Wir wissen, dass hier etwas existiert, aber wir können darüber letztlich nichts aussagen? Dem Ganzen ließe sich aber auch eine positive Wendung geben: Was wir als Objekt identifizieren können, ist nicht einfach gegeben, sondern erst Ergebnis eines Prozesses, der zwischen Kontingenz und Regelmäßigkeit vermittelt. Emergenz bezeichnet das Her- vortreten neuartiger Objekten und verdeutlicht die je-relative Existenz solcher Objek- te bezüglich eines Kontextes. Unter welchen Bedingungen lassen sich dann überhaupt Regelmäßigkeiten identifizieren und welche Rolle spielt dabei Bewusstsein? Was führt überhaupt dazu, dass wir bestimmten Objekten eine gegenständliche Existenz zuspre- chen und anderen nicht? Was ist der Unterschied zwischen den Kobolden in meiner Phantasie und den echten“ Unruhestiftern da draußen? ” 2.2 Das Gehirn, ein guter Regulator? Im Folgenden soll an einem konkreten Beispiel untersucht werden, wie Emergenz als Folge der Dynamik biologischer Systeme verstanden werden kann und wie dabei Sub- jektivität und Intentionalität naturalisiert werden können. Letztlich soll dadurch auch eine begriffliche Unterscheidung zwischen Bewusstsein und subjektiver Wahrnehmung vorbereitet werden, die üblicherweise stillschweigend unter den Tisch gekehrt wird. Die Untersuchung selbst-organisierender Systeme scheint in erster Linie nur auf einen natura- 58 2 Emergente Semiose

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listisch interpretierbaren Begriff der Wahrnehmung (als Prozess der Inferenz) zu führen, bei dem noch unklar ist, wie sich dies zum Begriff des Bewusstseins (als Erleben) verhält. Ein konkreter Vorschlag, jene zueinander in Beziehung zusetzen, soll im Anschluss vorgestellt werden, wobei für ein zeichentheoretisches Verständnis geworben wird. Sub- jektive Wahrnehmung soll als die Herausbildung (Emergenz!) eines Zeichensystems ver- standen werden. Bewusstsein bezeichnet dann nicht den Zustand des entsprechenden Systems oder das Ergebnis eines solchen Prozesses, sondern den Prozess selbst. Biologische Kybernetik Was ist die Beziehung zwischen Bewusstsein und der gegenständlichen Welt? Immer mehr Neurowissenschaftler und Philosophen betonen, das menschliche Gehirn sei eine Inferenz-Maschine“, die sich aus sensorischen Daten ein Modell der Welt erschaffe, ” ähnlich wie Wissenschaftler (bewusst?) Inferenzen aus experimentellen Daten ableiten. Dieser Gedanke geht bereits auf die sinnesphysiologischen Untersuchungen von Hermann von Helmholtz zurück. Für eine zeitgenössische Rezeption siehe etwa Dayan et al. (1995), Friston et al. (2006), Hohwy (2013), Clark (2016) oder Metzinger & Wiese (2017). Dabei geht es vor allem darum, einen plausiblen Mechanismus zu finden, der klar- macht, wie sich Wahrnehmung als Funktion des Gehirns verstehen lässt, wobei die Re- deweise von Wahrnehmung als Prozess der Inferenz“ andeutet, dass hier bereits eine ” Verschiebung stattgefunden hat von der Auffassung, dass Wahrnehmung eine (wesent- lich neutrale) Beobachtung der Gegenstände darstelle, hin zu einem Verständnis von Wahrnehmung als Form einer (vor)theoretischen Konstruktion. Da zudem Wahrnehmung oft als Paradigma einer mentalen Operation aufgefasst wird, wäre eine Naturalisierung derselben ein Indiz dafür, dass unser mentales Voka- bular durch eine Beschreibung von neurobiologischer Aktivität ersetzbar wäre. Und aus der Struktur einer so naturalisierten Wahrnehmungstheorie, so könnte man im Anschluss vermuten, ließen sich letztlich Schlüsse auf das phänomenale Bewusstsein ziehen. Nun ist es die eine Sache, eine globale, biologisch-mathematische Theorie des Gehirns aufzu- stellen (was schwer genug ist), eine andere Sache ist es jedoch, daraus eine Theorie des Bewusstseins abzuleiten. 59 2 Emergente Semiose

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Ohne auf die sprachlichen Eigenheiten, die dabei manchmal vorgefunden werden (Stichwort: Neurosprech“), näher eingehen zu wollen, muss an dieser Stelle mehr zum ” Verhältnis von Gehirn, Geist und Modellen gesagt werden. Das Theorem des guten ” Regulators“ von Conant & Ashby (1970) soll zeigen, dass jeder gute Regulator ein Modell des zu regulierenden Systems darstellt. Dieser Befund gilt als zentrales Postulat der biologischen Kybernetik, welche die Brücke zwischen Informationstheorie und (Neuro-) Biologie schlagen will. Es bezeichnen dabei E und R zwei Systeme, wobei E für das zu regulierende System steht und R für den Regulator. Den Produktzuständen X = E × R werden über die Abbildung ψ Zustände aus eine Menge Z zugeordnet: ψ : X = E × R → Z, ψ(ej , rk ) = zl (2.1) Z ist dabei eine Menge beliebiger abzählbarer Ereignisse zi (z.B. Ziel getroffen“ oder ” Ziel verfehlt“). Unter einer guten Regulierung wird verstanden, dass bei gegebenen E ” und ψ eine Entropie, X H(Z) = − p(zi ) · log p(zi ), (2.2) i durch Anpassung der Zustände von R minimiert wird; p(zi ) bezeichnet dabei die rela- tive Wahrscheinlichkeit, den Zustand zi (nach erfolgter Regulation) zu erhalten. Ein Verschwinden von H(Z) ist gleichbedeutend zur Forderung, dass der Regulator auf Änderungen in E so reagiert, dass die Schwankungen in Z minimal sind.5 Dabei ist ein guter Regulator ein solcher, der eine gute Regulierung auf möglichst einfache Weise bewerkstelligt. In welcher Weise die Ereignisse zi von den Zuständen rk und ej des Regulators bzw. des externen Systems E abhängen, ist durch die Zuordnung ψ festgelegt (der Einfachheit halber sei angenommen, dass die Zustände von E, R und Z abzählbar sind). Nun lässt sich ψ durch die Matrix hψij,k ≡ ψ(ej , rk ) darstellen: e1 e2 ... en   r1 za zb ... zc   r2  zd ze ... zf    hψi = .  . .. .. .. . (2.3) ..   .. . . .     rm zu zv ... zw 60 2 Emergente Semiose

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Das Ereignis zb wird also laut Gl. (2.3) etwa dann gefunden, wenn e2 und r1 vorlie- gen. Dabei kann ψ im Prinzip beliebig vielen Paaren (ej , rk ) dieselben Objekte aus Z zuordnen. Beispielsweise könnte ψ(e2 , r1 ) = zb (2.4) sowie aber auch ψ(e4 , r7 ) = zb (2.5) gelten. Berücksichtigt man dies, kann p(zl ) als Summe von Wahrscheinlichkeiten ausge- drückt werden, X p(zl ) = p(ej , rk ), (2.6) ψ −1 (zl ) wobei die Summe über die Wahrscheinlichkeiten aller möglichen Vorkommnisse von (ej , rk ), die zum Ereignis zl führen, geht; ψ −1 (zl ) bezeichnet dabei die Menge {(j, k)}, für die gilt, dass ψ(ej , rk ) = zl . Falls keine Regulierung stattfindet, sind die Verteilungen von E und R unabhängig voneinander, p(ej , rk ) = p(ej )p(rk ). Für einen guten Regulator R wird jedoch dessen Zustand rk abhängig davon sein, welcher Zustand ej des externen Systems gerade reali- siert ist. Regulation kann demnach als zweckmäßiges Reagieren auf Änderungen in der Umwelt aufgefasst werden. Die Wahrscheinlichkeit, R im Zustand rk und E im Zustand ej anzutreffen, schreibt sich dann als: p(ej , rk ) = p(ej )p(rk |ej ). (2.7) p(R|ej ) ist dabei die bedingte Wahrscheinlichkeitsverteilung von R bei gegebenem ej ∈ E. Einsetzen in Gl. (2.6) führt auf: X p(zl ) = p(ej )p(rk |ej ). (2.8) ψ −1 (z l) Ein guter Regulator ist also durch die Verteilung p(R|ej ) charakterisiert, die H(Z) = P l p(zl ) log p(zl ) minimiert und dabei möglichst einfach (effektiv) ist. Dies ist aber ge- nau dann der Fall, so das Theorem vom guten Regulator, falls R das zu regulierenden System E modelliert“. Einem externen Beobachter würde der Zustand des Regulators ” 61 2 Emergente Semiose

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R als der des Systems E erscheinen, wenn er ihn durch die Brille“ h betrachtet. Je- ” dem ej wird dann genau ein rk zugeordnet; dies ist äquivalent zur Aussage, dass es eine Zuordnungsfunktion h : E → R gibt, welche die bedingte Wahrscheinlichkeitsverteilung p(R|ej ) des guten Regulators beschreibt6 . Mit anderen Worten, der Regulator ist ein Modell des Systems, welches er reguliert, mit  1 für rk = h(ej )  p(rk |ej ) = . (2.9)  0 sonst Unter der Annahme, dass das Gehirn regulierend tätig ist — etwa, wenn es einen homöostatischen Prozess steuert –, können wir, so das Theorem des guten Regulators, davon sprechen, dass das Gehirn ein Modell seiner Umwelt ist. Wenn wir dabei ins ” Gehirn blicken“ könnten, dann würden wir, ein Modell seiner Außenwelt (inkl. des sen- sorischen Bildes des eigenen Körpers) vorfinden. Man kann nun versuchen, das vorherige Resultat auf biologische Systeme anzuwen- den. Wahrnehmung als biologische Operation Wir interessieren uns nun in erster Linie für selbst-organisierende Systeme, die, anders als die Untersuchungsgegenstände zuvor, nicht mehr als Artefakte gedeutet werden können, die so entworfen oder programmiert wurden, dass sie ein bereits im Vorhinein bestimmtes Verhalten an den Tagen legen. Dies entgeht dem Vorwurf, dass deren Intentionalität“ ” ja lediglich abgeleitet und somit nicht echt“ sei. In anderen Worten, solche Systeme ” produzieren, sofern sie ein scheinbar intentionales Verhalten zeigen, dieses aus sich heraus und ohne äußeres Zutun. Die Redeweise von selbstorganisierenden Systemen kann leicht missverstanden wer- den: Gemeint seien hier funktionale Ganzheiten – etwa Organismen, die sich zusammen mit ihrer Umwelt entwickeln –, deren jeweiliger Zustand aber nicht im Vorhinein fest- gelegt ist. Einerseits liegt dem die Beobachtung zugrunde, dass der Begriff der Selbst- organisation immer nur für ein gekoppeltes System (z.B. Organismus-Umwelt) sinnvoll ist (Ashby 1962); andererseits soll dies die immer nur relative Autonomie der Zustands- 62 2 Emergente Semiose

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entwicklung eines so gekoppelten Systems zum Ausdruck bringen. Dabei handelt es sich oft um komplexe Systeme, was implizieren soll, dass sich diese aus verschiedenen, funktional getrennten Komponenten (etwa ein zentrales Nervensys- tem, Motor- und Sinnesorgane) zusammensetzen und oft in nicht-linearer Weise gekop- pelt sind. Die Regelmäßigkeiten, die sich in deren Dynamik ausmachen lassen, können dann als emergente Eigenschaften eben jener Systeme gedeutet werden. Anders als bei der Diskussion des guten Regulators können wir aber nun nicht mehr vom Gegebensein einer Zielfunktion ψ ausgehen, welche den Zuständen einer Um- welt E und den Zuständen eines davon separierbaren Regulators R eine (immer wohl- definierten) Ereignismenge Z zuordnet. Allerdings findet man ein Pendant dazu in der Forderung nach der Begrenzung einiger ausgewählter interner (physiologischer) Parame- ter oder davon abgeleiteter Größen. Einer Hypothese von Karl Friston (2013) zufolge geschieht dies mit Notwendigkeit in einer Klasse von (schwach ergodischen7 ) Systemen, die über eine bestimmte, zellartige Struktur verfügen und sich fern vom thermodynamischen Gleichgewicht befinden.8 Zu beachten ist, dass es sich nicht nur um Zellen im engeren Sinne handelt, sondern allgemein um Systeme, die durch eine Membran statistisch gegen ihre Außenwelt abgeschirmt sind (sog. Markov Blankets“; Pearl 1988, Parr et al. 2020). Durch diese soll aber Information ” (via einem Sensorium“) ins Innere gelangen können; umgekehrt soll die Zelle auf ihre ” Umwelt einwirken können. Letzteres erfolgt aber nicht durch direkten kausalen Kontakt zwischen dem Zellinneren und seiner Außenwelt, sondern über einen aktiven Bereich“, ” der wie das Sensorium Teil der Membran ist. Man spricht in diesem Zusammenhang manchmal (mehr oder weniger metaphorisch) von zirkulärer Kausalität“. Ganz ähnliche Konzepte finden sich in der Synergetik (wech- ” selseitige Verursachung von Bestandteilen und Ordnungsstrukturen) sowie in der Ky- bernetik (Rückkopplungen), was noch einmal die strukturellen Analogien zwischen ky- bernetischen, systemtheoretischen und komplexitätswissenschaftlichen Ansätzen deutlich macht. Dabei ließe sich vermuten, dass es sich hier um eine Version der im Emergenzdis- kurs oft postulierten abwärtsgerichteten Kausalität“ handelt. Gemäß Stephan (1999, S. ” 232 ff.) beruht dies allerdings auf einer rein metaphorischen Redeweise. Zudem sei noch 63 2 Emergente Semiose

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einmal betont, dass ein Emergenzbegriff, wie er sich aus der Theorie selbstorganisieren- der Systeme ableitet, im Allgemeinen kein starker Emergenzbegriff (im ontologischen Sinne) ist. S E O A Abbildung 2.1: Zirkuläre Kausalität“. Dargestellt ist der Zustandsraum des Gesamtsys- ” tems bestehend aus einer Umwelt (E) und einem Sensorium (S), dem aktiven Bereich (A) und den internen Zuständen (O) des Organismus; nach Friston (2013). Die Pfeile sollen die Existenz einer funktionalen Abhängigkeit der durch sie verbundenen Bereiche anzeigen. Die gestrichelte Linie soll andeuten, dass die internen Zustände des Organismus kausal von seiner Umwelt durch eine Membran M = S × A abgeschirmt werden. Etwas technischer gesprochen: Für die internen und aktiven Zustände des Organis- mus findet man, dass deren Dynamik der Ableitung eines verallgemeinerten Potentials F entspricht, dessen Werte nur von den internen Zuständen selbst und denen der Mem- bran abhängt.9 Zudem stellt der zeitliche Mittelwert von F eine obere Schranke für die Entropie H der internen, sensorischen und aktiven Zustände eines Organismus dar, d.h. dass jene von F begrenzt wird:10 hF (s, a, o)it ≥ H(s, a, o). (2.10) Anders als zuvor sind die Werte der internen Zustände o also nicht mehr durch eine vor- 64 2 Emergente Semiose

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gegebene Regulierung ψ(e, o) bestimmt (was auf o = h(e) und somit auf eine Abbildung der Umgebung in die internen Zustände führen würde), sondern folgen der Minimierung von F und begrenzen somit die entropische Tendenz des Organismus. Für eine spezielle Klasse von Systemen findet man, dass diese Form der Selbsterhaltung auf natürliche Weise realisiert wird, ohne dass dabei von einem externen Urheber auszugehen wäre. Doch inwiefern kann dabei von Wahrnehmung gesprochen werden? Die Minimierung von F (und in Folge die Begrenzung von H) kann prinzipiell auf zwei Arten erfolgen: Indem sich die internen Zustände des Organismus den externen anpassen, was dann so interpretiert werden könnte, dass der Organismus näherungsweise auf die äußeren Ursachen der Sinnesreize schließt oder aber, indem der Organismus so auf seine Sin- nesorgane und die Umgebung einwirkt, dass diese an seine Zustände angepasst werden ( aktive Inferenz“). Dabei soll die Redeweise, wonach ein Organismus auf seine Umge- ” ” bung einwirkt“ anzeigen, dass sich die Umwelt abhängig von denen aktiven Zuständen des Organismus entwickelt; und die Redeweise, dass ein Organismus auf äußere Ursa- ” chen schließt“, soll anzeigen, dass die internen Zustände des Organismus (approximativ) ein Modell der Umwelt verkörpern, in welcher dieser eingebettet ist. Es handelt sich also nicht um einen Prozess, der abstrakt im Geist der Zelle“ stattfindet. Wahrnehmung ” wird als physiologischer Prozess gedeutet, währenddessen sich Organismen graduell an ihre Umwelt anpassen. Bis jetzt betraf die Diskussion ein ergodisches System, das als formales Modell einer Zelle aufgefasst werden kann. Das Gehirn spielte dabei keine wesentliche Rolle und es könnte mit Recht behauptet werden, dass es sich primär nur um ein Modell zellulärer Wahrnehmung handle. Dieses bildet jedoch die Grundlage, auf welcher ein komplexerer Mechanismus basiert, der zur Erklärung (jeglicher? Vgl. Anderson & Chemero 2013) neuronaler Aktivität dienen soll. Dabei geht es in erster Linie um die neurophysiologi- sche Realisierung dieses Mechanismus in hierarchischen Strukturen, die in kortikalen und neokortikalen Zentren des Gehirns gefunden werden (Friston 2010). Die Anpassung der internen Zustände findet nicht in einem Schritt statt, sondern erfolgt stufenweise und lässt sich ähnlich zur hierarchischen Datenverarbeitung in Computersystemen ( predic- ” tive coding“; Rao & Ballard 1999) verstehen. 65 2 Emergente Semiose

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Dabei werden die sensorischen Informationen aus S in einem ersten Schritt mit ei- nem Erwartungswert verglichen, der sich aus hierarchisch höheren neurophysiologischen Zuständen ableitet. Die Abweichung dieses Wertes wird in Folge an die höhere Ebene weitergereicht, welche diesen wiederum mit einem Erwartungswert gemäß der nächst- höheren Ebene vergleicht usw. Es werden also immer nur Abweichungen (bzw. Abwei- chungen von Abweichungen) zwischen den sensorischen Daten und den neuronal kodier- ten Erwartungswerten in die jeweils übergeordnete physiologische Ebene weitergereicht, bis das Gesamtsystem einen Zustand erreicht, der durch einen minimalen Wert von F charakterisiert wird. Die internen Zustände verkörpern dann (gemäß eines neuronal realisierten Bayes’schen Mechanismus) ein probabilistisches Modell, dessen Vorhersageungenauigkeit minimiert wurde ( prediction error minimization“, Hohwy 2013). Dafür wurden die neuronalen ” Zustände entweder solange angepasst, bis die jeweiligen Abweichungen zwischen Erwar- tungswerten und sensorischen Daten nahezu verschwunden sind, oder indem entspre- chend auf die Umgebung bzw. die Sinnesorgane eingewirkt wurde. Dies impliziert auch die Redeweise, wonach die Minimierung von F (wegen ihrer formalen Struktur auch oft als freie Energie“ des biologischen Systems bezeichnet) die ” eigentliche Funktion des Nervensystems sei – analog dem Herzen, dessen Funktion das Pumpen von Blut sei (Hohwy 2015b). Das Gehirn dient primär der Realisierung dieser Funktion. Insbesondere die Subsumierung und Formalisierung mehrerer Ansätze zur Erfor- schung des Gehirns unter denselben theoretischen Rahmen (Friston 2010) scheint das hier vorgestellte Modell besonders attraktiv zu machen. Das zentrale Konzept der Minimie- rung der Vorhersageungenauigkeit kann als Blaupause zur Analyse mentaler Funktionen herangezogen und auf verschiedenste Themenfelder angewandt, welche dann (vermeint- lich wertfrei) naturalisiert werden. Neben der Wahrnehmung sind das etwa Entschei- dungsprozesse (Schwartenbeck et al. 2015), Emotionen (Seth 2013), Psychopathologien (Hohwy 2015a), das Selbst (Kiverstein 2020) und sogar die Psychoanalyse soll unter dieses Prinzip subsumiert werden können (Carhart-Harris & Friston 2010), um nur ein paar Beispiele zu nennen. 66 2 Emergente Semiose

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Doch lässt sich daraus auch eine neurobiologisch realistische und wesentlich computa- tionalistische Theorie des Bewusstseins stricken (Solms 2019, Hohwy & Seth 2020, Seth & Bayne 2022)? 2.3 Funktion und Zeichen Die herkömmliche Interpretation Zwar kann vielleicht gesagt werden, dass es so aussähe, als würde das Gehirn Schlüsse und Vorhersagen mit den Sinnesdaten abgleichen, allerdings ist dies wohl eher metaphorisch als wörtlich zu verstehen. Für manche sind solche Metaphern vielleicht Paradefälle einer falschen oder zumin- dest missverständlichen Sprechweise ( das Gehirn denkt“). Andererseits zeigen sie an ” einem konkreten Beispiel, mit Hilfer welcher Annahmen Aussagen über Mentales durch Aussagen über physikalische Systeme ersetzt werden: • Repräsentation als Korrelation (oder Modellbildung) zwischen internen Zuständen und systemischen Kausalbeziehungen, • Intentionalität als nicht-abgeleitetes und (scheinbar) zweckmäßiges Verhalten von Organismen, und • Subjektivität als spezifische Art der Darstellung ihrer Umgebung. Dabei ist vom Bewusstsein, verstanden als magische Zutat“, die erst echte“ Inten- ” ” tionalität und Wahrnehmung von der scheinbaren Intentionalität eines Thermometers oder der a-mentalen Wahrnehmung einer Amöbe unterscheidet, jedoch nirgends die Re- de. Anscheinend braucht es den Verweis auf das Bewusstsein gar nicht, um bestimmte, bisher als mental gedeutete Phänomene zu erklären. Die Frage, die sich nun stellt, ist, ob Bewusstsein dann überhaupt noch eine Rolle in einer solchen (naturalistischen) Be- schreibung des Geistes spielt. Dass dies im Rahmen des Funktionalismus auf den ersten Blick bejaht werden sollte, aber bei näherem Nachdenken widersinnig ist, dafür argumentiert etwa Max Velmans (2009, S. 259f.) wie folgt: 67 2 Emergente Semiose

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1. Bewusstsein ist identisch zu einer bestimmten kognitiven Funktion. 2. Solche Funktionen sind vollständig als Transformationen zwischen Sinnesreizen, Verhaltensantworten und anderen funktionalen (mentalen) Zuständen spezifizier- bar. 3. Ich bin mir dieser Transformationen aber normalerweise nie bewusst, d.h. ich kann sie auch nicht bewusst steuern. Bestenfalls nehme ich die Resultate dieser Funktio- nen wahr, so etwa wenn ich meine, bewusst über ein Problem nachzudenken und zu einer Lösung zu kommen. ∴ Bewusstsein ist identisch zu einer Funktion (innerhalb einer Theorie), hat aber keine Funktion (für mich).11 Neben alltäglichen Erfahrungen, wonach Bewusstseinsakte willkürliche Bewegungen ein- leiten können (wenn ich etwa meinen Arm hebe), lassen sich noch weitere Fälle anführen, in denen Bewusstsein, eine empfundene Ursächlichkeit und physiologische Effekte zu- mindest korrelieren. Ein Beispiel dafür liefert das Neurofeedback, eine Technik, bei der Probanden lernen, mittels einer akustischen oder visuellen Darstellung die eige- ne Hirntätigkeit (global oder lokal) zu beeinflussen (deCharms et al. 2005). Andere Beispiele liefern die Entwicklungen auf dem Gebiet der Prothetik, bei der Patienten via Gehirn-Computer-Schnittstellen Prothesen willkürlich steuern können (Wolpaw & Wolpaw 2012). Was sich neben der weit verbreiteten Meinung, wonach der Funktionalismus die Phänomenalität des Bewusstseins nicht erklären könne, feststellen lässt, ist, dass im Funktionalismus die Struktur der Gehirn-Geist-Beziehung problematisch bleibt: Funk- tionalisten landen schnell bei scheinbar widersinnigen Aussagen ( Bewusstsein ist eine ” Funktion, hat aber keine“) oder, bestenfalls, beim Epiphänomenalismus, also der Vor- stellung, dass ein (phänomenales) Bewusstsein zwar existiere, aber keinerlei Wirksamkeit besitze. Eine Beobachtung zum Verhältnis zwischen Bewusstsein und Hirnprozess scheint zu folgender Interpretation zu verführen: Da man sich nie eines neuronalen Prozesses, 68 2 Emergente Semiose

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sondern maximal seines Resultates bewusst ist, scheint es plausibel zu sein, dass eine Theorie des Gehirns die Endprodukte neuronaler Prozesse spezifiziert, die mit unserer bewussten Wahrnehmung korrelieren. Angewandt auf obige Überlegungen würde dies bedeuten, dass wir uns zwar nie des Prozesses der Inferenz bewusst sind, wir aber den- noch dessen Resultat – das sensorisch abgeglichene Modell der Außenwelt – in unserem ” Bewusstsein tragen“. In diesem Zusammenhang wollen wir die Prinzipien der strukturellen Kohärenz (Chalmers 1996, Kap. 6) bzw. der Gleichartigkeit von Repräsentations- und Informationsstrukturen (Velmans 2009, Kap. 13) betrachten. Diese beruhen auf der Vorstellung, dass in uns psy- chologische (kognitive) und phänomenale (bewusste) Informationsflüsse parallel laufen. Der Erhalt deren Korrespondenz wird dabei als zentrales theoretisches Kriterium einer nicht-reduktiven Wissenschaft des Bewusstseins angesehen. Hauptmotivation dabei ist das Vorhandensein psychophysischer Korrelationen (Atmanspacher & Prentner 2022). Eine viel gebrauchte Metapher ist der Blick auf einen Gegenstand aus unterschiedlichen Blickwinkeln (z.B. wie er sich einem externen Beobachter und wie er sich einem Subjekt darstellt). Ähnlich wie der Parallelismus von Leibniz, scheint die psychophysische Korrespon- denz mit dem Dualismus kompatibel zu sein, aber dabei eine nicht-reduktive Super- ” venienz“ des Geistigen (Velmans 2009, S. 96) auszudrücken. Wir können Bewusstsein zwar nicht auf kognitive Funktionen reduzieren, allerdings kann es keine Änderung in unserem Bewusstseinsinhalt geben, ohne dass sich Änderungen im kognitiven Verhalten ergeben: eine dualistische Ontologie, gepaart mit einem methodologischen Naturalismus, der davon ausgeht, dass Bewusstsein keine kausale Wirksamkeit in der physischen Welt hat. Um das eben Gesagte zu veranschaulichen, kann folgendes Bild gebraucht werden, dass den Zusammenhang von Sprechen und Bewusstsein zum Thema hat. Man spricht manchmal davon, dass wir uns erst bewusst würden, was wir wirklich sagen wollten, nachdem wir es gesagt hätten. Schon Heinrich von Kleist (1878) berichtete über die ” allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden“. Dabei beobachtete er, dass einem ein Gedanke oft erst dann klar würde, wenn man ihn zu artikulieren sucht. 69 2 Emergente Semiose

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Doch inwiefern kann dann überhaupt das Sprechen als Bewusstseinsakt bezeichnet werden? Wie sollten wir (bewusst) unsere Gedanken in Sprache kleiden“, wenn uns de- ” ren Inhalte erst durch das Sprechen bewusst würden? Es ließe sich dann ja nur schwerlich behaupten, dass gemäß dieser Inhalte das Sprechen (bewusst) gesteuert oder verursacht worden wäre. Nun, vielleicht sollten wir uns einfach damit zufriedengeben, dass die Inhalte des Bewusstseins parallel sind zu den Endprodukten derjenigen Prozesse, die Worte produ- zieren? Wir wären plappernde Automaten, die ihr Plappern wahrnehmen können. Doch warum sollte dann überhaupt noch vom Bewusstsein gesprochen werden, wenn dieses sowieso keine Rolle mehr spielt? Wahrnehmung als Zeichenbildung Interessant an dieser Stelle ist die Feststellung, dass, phänomenologisch betrachtet, der Unterschied zwischen der Bewusstwerdung eines Prozesses und der Wahrnehmung seines Endproduktes ein relativer ist: Gegenstand einiger Meditations- oder Achtsamkeitstech- niken ist das Gewahrwerden des Entstehens psychischer (emotionaler) Muster, noch bevor oder während sich diese entfalten. Es geht also um die (vorzeitige) Einsicht in einen Prozess, von dem wir normalerweise nur den Endzustand erfahren, auch wenn man sich dabei freilich nicht der neurobiologischen Aktivität bewusst wird, die einen solchen Prozess begleitet. Einsichten bedingen allerdings Perspektivenwechsel. Ein anderes Beispiel liefern die sinnlichen Wahrnehmungen. Diese erscheinen uns ja wesentlich als transparent“ (Metzinger 2003b), d.h. dass wir uns für gewöhnlich nur ” der Eigenschaften der wahrgenommenen Objekte bewusst sind, nicht aber des Prozesses der Wahrnehmung. Wir sehen durch den Wahrnehmungsapparat hindurch. So ist uns etwa die Entstehung einer dreidimensionalen Szene aus dem zweidimensionalen Bild auf der Netzhaut und den daraus abgeleiteten Entwürfen“ (Marr 1982) introspektiv nicht ” zugänglich. Andererseits gibt es Techniken, welche uns (auf der phänomenalen Ebene) die graduelle Entstehung von Dreidimensionalität erfahren lassen. Dieser Effekt lässt sich etwa durch Stereogramme erzielen (Velmans 2009). Selbst die Gewissheit, wonach es sich bei den Gegenständen unserer Wahrnehmung 70 2 Emergente Semiose

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um reale Dinge handelt, ist Resultat eines Prozesses. In den Techniken der virtual reality werden wir vermehrt mit der Tatsache konfrontiert, dass Realität als internes Attribut der Wahrnehmung selbst zugeschrieben wird und nicht in den Sinnesreizen selbst zu suchen ist (Mausfeld 2012, Hoffman 2019). Die Aufgabe der Wahrnehmungspsychologie, so Mausfeld in Anlehnung an die Gestaltpsychologie, sei es nun, die Eigengesetzlichkeit dieser Realitätszuschreibung in die Charakterisierung von Wahrnehmungsphänomenen einfließen zu lassen und nicht mehr als Ergebnis eines grundsätzlich opaken Informati- onsverarbeitungsprozesses zu betrachten. Wir wollen indessen dafür argumentieren, dass der Prozess der Wahrnehmung als Zeichenbildungsprozess verstanden werden sollte. Bewusstsein bezeichnet dabei nicht den Namen für ein eigentliches Zeichen, sondern steht für den Akt des Bezeichnens selbst. Unser Erleben ist nicht Teil der Natur-als-Zeichen, sondern Teil der bezeichnenden Natur des Bewusstseins. Wir erhoffen uns von dieser Lesart zwei Vorteile, nämlich sowohl auf das Problem der qualia – also auf die Frage, warum Sinneswahrnehmungen einen spezifischen qualitativen Charakter aufweisen – als auch auf das Problem der mentalen Verursachung reagieren zu können. Ein ähnlicher Gedanke wie im vorigen Abschnitt – Wahrnehmung als Prozess des ab- duktiven Schließens – wurde Ende des 19. Jahrhunderts auch von Charles Sanders Peirce (1991, §11) vertreten. Peirce war zudem einer der Begründer der Semiotik (Peirce 1983) und hat Zeichenverwendung eng mit Naturphilosophie (Peirce 1991) und Metaphysik (Hampe 2006) in Bezug gebracht. Peirce hat den technischen Term quale eingeführt, wobei Peirce diesen nicht auf sen- sorische Phänomene beschränkte, sondern auf die Unterscheidungsfähigkeit eines Zei- chenverwenders bezog. Qualia erlauben es uns, Unterscheidung zwischen Objekten (Zei- chenketten) zu treffen. Sie sind keine Eigenschaften, die irgendwelchen Dingen (oder ihren Repräsentationen) anhaften, sondern liegen den möglichen Handlungen (bei Peir- ce: Interpretationen“) eines Zeichenverwenders zugrunde. ” Damit offenbart sich eine Nähe des semiotischen Pragmatismus zu Theorien der Wahrnehmung, die jene als handlungsgerichtete Schnittstelle zwischen Organismus und seiner Umwelt betrachten (Koenderink 2011, Hoffman et al. 2015, Gabriel 2018). Wahr- 71 2 Emergente Semiose

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nehmung sollte eben nicht als die kognitionsbiologische Lesart einer Abbildungstätigkeit angesehen werden, sondern entspricht einer (emergenten) Eigenschaft, die aus der Selbst- ” regulierung“ (kybernetisch gesprochen) bzw. aus der Selbsterhaltung eines biologischen Systems (gemäß der Theorie komplexer Systeme oder der Synergetik) folgt. Die Diskussion der relativen Opazität der Prozesse, die unserer Wahrnehmung zu Grund liegen, deutet darauf hin, dass wir (in indirekter“ Weise) selbst wiederum Wahr- ” nehmungen dieser Prozesse herausbilden können, auch wenn sie sich uns gänzlich anders darstellen, als sie uns im fMRI-Scanner erscheinen würden. Dies ist konsistent zur Idee, bei der Wahrnehmung handle es sich um eine Form der Zeichenbildung, die aus einem Prozess resultiert. Zeichenbildung kann auf sich selbst angewandt werden. Zum einen resultieren daraus Beschreibungen der objektiven Welt (etwa in Form von neuronaler Aktivität), zum anderen aber auch der subjektiven Wahrnehmung (etwa das Gewahr- werden emotionaler Prozesse in der Meditation). Nun scheinen hier tatsächlich zwei parallel laufende Ereignisse zu entstehen. Aber im Gegensatz zum Dualismus, der zwei ontologische Kategorien kennt (eine materielle und eine geistige), wollen wir beide als Systeme von Bezeichnung verstehen. Am Beispiel vorher: Die Zustände eines Regulators sind immer bezogen auf das System, welches reguliert werden soll. Die Beziehung zwischen dem Regulator und seiner Umwelt ist sehr spezifisch – nur das kann als Umwelt gelten, was auch tatsächlich dem Einfluss der Regulierung ausgesetzt ist und umgekehrt12 . Im Falle des Regulators kommt es dabei zu einer Darstellung der Umwelt, verkörpert in den Zuständen des Regulators. Dies motiviert vielleicht die Rede von einer bezeichnenden Tätigkeit, doch der Regulator selbst bezeichnet eigentlich nicht. Dies ist für ein selbstorganisierendes System nicht mehr notwendigerweise der Fall. Von einem Organismus kann zwar gesagt werden, dass einem externen Beobachter die in- ternen Zustände des Organismus als probabilistisches Modell der Beziehungen zwischen ihm und seiner Umwelt erscheinen würde. Dies trägt einige Ähnlichkeiten zum Fall des Regulators. Aus der Sicht des Organismus geht es jedoch vor allem darum, seinen eigenen (strukturellen) Erhalt zu garantieren. Dies kann dadurch verstanden werden, dass sich hier ein Zeichenprozess vollzieht, welcher dem Organismus ein scheinbar zweckmäßiges 72 2 Emergente Semiose

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Handeln ermöglicht. Unter einem Zeichen“ soll dabei ein jedes Objekt verstanden wer- ” den, das auf einen Gegenstand verweist, welcher nicht unmittelbar erfahren werden kann (etwa weil er hinter einer Membran verborgen ist), und das eine Änderung im Organis- mus bewirkt, welches von ihm Gebrauch macht. Um in ihrer Umwelt bestehen zu können, benutzen Organismen Zeichen, die deren Verhalten steuern oder zur Kommunikation mit anderen Organismen dienen. Ein anderes Beispiel: Mein Körper erscheint mir in doppelter Weise gegeben zu sein. Einerseits kann der Körper als Objekt betrachtet werden – etwa, wenn ich an mir herab blicke und die Bewegung meiner Füße beobachte –, aber gleichzeitig wird er immer auch als empfundener Leib wahrgenommen – wenn ich die Bewegung meiner Füße spüre. Mein Körper ist in doppelter Weise gegeben: einerseits als physikalisches Objekt, andererseits aber auch als empfundene (verkörpertes) Subjekt. Zudem drückt die Rede von einer erst- und dritt-personalen Perspektive keine onto- logisch bedeutsame Dichotomie aus, wie es etwa die Redeweise von Innen“ und Au- ” ” ßen“ vermuten ließe, und die es irgendwie zu überwinden gäbe: Berichten wir aus erst- personaler Perspektive über unsere Erfahrung, greifen wir dazu immer bereits auf eine objektive Ausdrucksform, d.h. auf die Beschreibungen der dritt-personalen Perspekti- ve zurück. Eine Schilderung aus der erst-personalen Perspektive ist also nicht ein rein subjektive, sondern wesentlich das Resultat eines Prozesses, der zwischen subjektivem Erleben und Objektivierung vermittelt – ein lebendes Fossil. Die Art und Weise, wie sich Bedeutung unter Rückgriff auf das System der Sprache ausdrückt, wird paradigma- tisch etwa bei Eugene Gendlin (1997) behandelt. Dabei wird untersucht, wie Bedeutung aus dem Prozess der Erfahrung überhaupt entsteht ( Experiencing and the creation of ” meaning“). Umgekehrt sind die Beschreibungen der dritten Person wiederum aus (erst-personalen) Erfahrungen abgeleitet. Historisch kann dieser Prozess der Verobjektivierung, der durch- aus in Brüchen verläuft (Bachelard 1987), etwa an der Entwicklung der Thermodynamik im 19. Jahrhundert illustriert werden, bei der sich die (objektiven) Bezeichnungen wie Wärme oder Arbeit aus den (subjektiven) Wahrnehmungen und lebensweltlichen Prak- tiken der beteiligten Akteure heraus entwickelten, um schließlich ihren subjektiven Cha- 73 2 Emergente Semiose

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rakter abzulegen und als rein objektive Größen zu erscheinen (Peschard & Bitbol 2008). Besonders anschaulich wird dies am vermeintlich so abstrakten Begriff der Entropie, der in seiner Übersetzung nichts anderes als den Wandlungsinhalt“ (ἐν τροπία) bezeichnet. ” Doch welchen Platz sollen wir dabei dem Bewusstsein zusprechen? Einerseits, könnten wir vom Bewusstsein als von einem Zeichen unter vielen sprechen, so etwa, wenn wir da- mit einen Gegenstand meinen, welcher in den Köpfen von Menschen herumspukt und in näher zu spezifizierender Art und Weise auf andere Gegenstände einwirkt. Diese Denk- weise ist, wenn sie anders als metaphorisch gebraucht wird, mit so vielen Problemen behaftet, dass sie am besten ganz aufgegeben wird. Andererseits lässt sich Bewusstsein aber auch so verstehen, dass es den Prozess des Bezeichnens selbst benennt. Eine wichtige Unterscheidung ist daher die zwischen Be- wusstsein (verstanden als Aktivität) und den verweisenden Objekten, die es hervor- bringt (z.B. Wahrnehmungsinhalte). Der Körper erscheint – einmal als Objekt (der ca. 1.80 m große Zellhaufen), einmal als Subjekt (mein empfundener Leib). Bewusstsein ist nicht identisch zu seinen Erscheinungen. Es bezeichnet den Teil der Wirklichkeit, der sich selbst erscheint, dabei allerdings selbst zum Zeichen wird, genauer: zur Beziehung zwischen Zeichen. Die zwei Tische Das dualistische Fehlurteil, dass diese zwei Perspektiven auf eine gänzlich verschiedene Seinsweise verweisen würden, ist dadurch bedingt, dass die genetischen Abhängigkeiten zwischen den Perspektiven übersehen werden und stattdessen auf eine zugrundeliegende ontologische Differenz geschlossen wird. Die Probleme, die uns eine solche Dichotomie bescheren, werden in einer Parabel Sir Arthur Eddingtons veranschaulicht. Am Beginn seines Buches The Nature of the Physical World erzählt Eddington (1928) von zwei Tischen, der eine, an dem er sitzt, den er als farbig, ausgedehnt und substantiell wahrnimmt, und der andere, den die Physik beschreibt und der zum größten Teil aus Leere und vereinzelten, farblosen Teilchen besteht. Wenn Eddington fragt, wie sich die Metapher der beiden Tische auflösen lässt, um zu dem Bild der einen Welt zu gelangen, steht er vor einem Rätsel, denn der Vorgang, durch den die externe Welt der Physik ” 74 2 Emergente Semiose

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transformiert wird in eine Welt vertrauter Bekanntschaft im menschlichen Bewusstsein, liegt außerhalb der Physik (Zitiert nach Scheibe 2006, S. 38f.; Hervorhebung RP.). Gibt es einen Mechanismus, der uns diese Transformation plausibel machen könnte? Von der Existenz zweier Tische auszugehen (einer bifurcation of nature; Whitehead 1920), erschiene suspekt, einerseits weil dies dem Ockham’schen Gebot der Denkökonomie zuwider laufen würde, andererseits weil ja beide Gegenstände auf intimste Weise mitein- ander verbunden sind: Die Farbe von Tisch1 korreliert zu den (gegebenenfalls neuronal verarbeiteten) Wellenlängen der von Tisch2 reflektierten Photonen unter typischen Be- leuchtungsbedingungen, seine Härte der zellulären und kristallinen Struktur, seine Sub- stanzhaftigkeit den Wechselwirkungen zwischen den Rezeptoren meines Körpers und den Molekülen von Tisch2 usw. Folgende Auflösung des Eddington’schen Dilemmas liegt nahe: Die ganze Verwirrung besteht ja nur darin, dass wir uns in unterschiedlicher Weise auf denselben Tisch bezie- hen, einmal unmittelbar und subjektiv als Wahrnehmende, das andere Mal mittelbar und objektiv als Wissenschaftler. Dies tun wir mit jeweils zueinander korrespondieren Begriffen (Konzepten, Kategorien...) oder Zeichensystemen. Dies findet schließlich im Studium des Gehirns seinen Höhepunkt, schließlich kreuzen sich dort Erkennen und Erkanntes, Wahrnehmen und Wahrgenommenes, Denken und Gedachtes. Wenn wir nun daran glauben (gemäß dem physikalischen Naturalismus), dass das Gehirn das Bewusstsein erzeugen würde, müsste es die doppelte Erkenntnis von sich selbst erzeugen können. Doch ist man einmal hier angelangt, kann die doppelte Art des Gegebenseins nicht mehr weiter verschoben werden: Wenn wir die (subjektiven) Eigenschaften der erkann- ten Gegenstände tatsächlich aus den (objektiven) Eigenschaften des Erkenntnisapparats rekonstruieren könnten, was wäre mit den subjektiven Eigenschaften des Erkennens zu tun – etwa, dass es meine Erkenntnis ist und nicht die eines Menschen, der zufällig meinen Namen trägt? 75 Anmerkungen zu Abschnitt 2

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Anmerkungen zu Abschnitt 2 1 Vgl. etwa die Diskussionen in (Dretske 1983) rund um den Vorschlag, wonach Intentiona- lität aus einem Informationsbegriff ableitbar sei (als nested information“), oder in (Searle 1980) ” für die klassische Streitfrage, ob Bedeutung durch Syntax erklärt werden könne. Searle nimmt innerhalb der philosophischen Szene eine Mittelposition ein, wenn er daran zweifelt, dass Formu- lierungen, die auf der klassischen Informationstheorie von Shannon & Weaver (1949) aufbauen, Bewusstsein erklären können, und zugleich davon überzeugt ist, dass Bewusstsein ein biologisches Phänomen ist und im Rahmen des physikalischen Naturalismus verstanden werden kann. 2 Für Details siehe z.B. die Arbeiten von Sewell (2002, S. 108-126) und Atmanspacher & Bishop (2007, S. 144-146). 3 Es sei dazu eine Menge T (z.B. eine Menge möglicher Aussagen) zusammen mit einer Struktur (einem Teilmengensystem) T gegeben, die als Topologie von T bezeichnet werden kann, genau dann, wenn: • T die leere Menge und T selbst beinhaltet, und • Vereinigungen und endliche Durchschnitte von Elementen aus T stets wieder in T enthal- ten sind. Die Topologie T beschreibt die Lagebeziehung“ zwischen den Punkten“ (Elementen) von T . ” ” Anschaulich gesagt, teilt“ die Topologie T die Menge T in unterschiedliche Pakete“ (Teilmen- ” ” gen) auf. 4 Für eine mögliche Anwendung in den Neurowissenschaften siehe z.B. Atmanspacher & beim Graben (2007) und beim Graben et al. (2009). 5 Einige Eigenschaften der Entropiefunktion H(Z): Aus 0 ≤ p(zi ) ≤ 1 folgt H(Z) ≥ 0, da jeder Summand in Gl. (2.2) kleiner oder gleich 0 ist. Falls nur ein Element zj aus Z realisiert werden kann, gilt ∀i : p(zi ) = δi,j und somit H(Z) = 0 (wegen lim x log x = 0). Dies ist das globale Minimum von H(Z). x→0 Eine Gleichverteilung der zi hingegen führt auf das globale Maximum von H(Z): Die Variation zweier Elemente p(zj ) und p(zk ) um einen beliebig kleinen Faktor > 0 führt auf eine Abnahme von H(Z), falls die Variation zu einer größeren Ungleichheit von p(zj ) und p(zk ) führt. Beweis: Seien p0 (zj ) = p(zj ) + und p0 (zk ) = p(zk ) − mit p(zj ) > p(zk ) > 0. Einsetzen in die 76 Anmerkungen zu Abschnitt 2

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Entropiefunktion (2.2) gibt: X H 0 (Z) = − p0 (zi ) log p0 (zi ) (2.11) i X X = − p(zi ) log p(zi ) − p0 (zi ) log p0 (zi ), (2.12) i6=j,k i∈{j,k} | {z } ≡ δH () mit δH () = − p(zj ) + log p(zj ) + − p(zk ) − log p(zk ) − . (2.13) Ableitung nach ergibt: dδH () p(zj ) + p(zk ) − = − log p(zj ) + + + log p(zk ) − − (2.14) d p(zj ) + p(zk ) − p(zk ) − = log . (2.15) p(zj ) + Da p(zj ) + > p(zk ) − , ist die Ableitung negativ. Für infinitesimale gilt insbesondere, dass dδH () H 0 (Z) − H(Z) = δH (0) − δH () = · < 0, (2.16) d und somit H 0 (Z) < H(Z). (2.17) Dies bedeutet umgekehrt, dass die Gleichverteilung p(zi ) = 1/|Z|, ∀i, mit |Z| der Anzahl Ele- mente in Z, die Funktion H(Z) maximal werden lässt: H(Z) = −|Z|(1/|Z| · log 1/|Z|) (2.18) = − log 1 + log |Z| = log |Z|. (2.19) Optimale Regulierung (H(Z) = 0) bedeutet also, dass das System genau einen bestimmten Zustand zi (mit p(zi ) = 1) einnehmen würde, während der schlechtest denkbare Fall von Re- gulierung eine statistische Verteilung aller mögliche Zustände (H(Z) = log |Z|) wäre. Realisti- scherweise wird es nicht immer möglich sein, eine Verteilung der Form p(zi ) = 1, p(zj6=i ) = 0 zu erzwingen, aber näherungsweise wird ein minimaler Wert von H(Z) dadurch erhalten, dass ein möglichst kleines Ensemble in Z mit nicht-verschwindenden Wahrscheinlichkeiten erzeugt wird: In vielen Fällen entspricht ein niedriger Wert von H der erhöhten Präzision einer Messung. Gute Regulierung kann dann auch als Optimierung der Präzision aufgefasst werden. Dass eine aber Messung auch einen bestimmten Absolutwert liefert, bedingt zusätzlich noch eine vormalige Kalibrierung, was jedoch nicht vom Theorem des guten Regulators beschrieben wird. 77 Anmerkungen zu Abschnitt 2

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6 Es bezeichne π die Menge derjenigen Verteilungen p(R|E), die bei gegebenen p(E) zu einer Wahrscheinlichkeitsverteilung p(Z) führen, die H(Z) minimiert. Der gute Regulator ist dann durch ein Element aus π charakterisiert. Der Beweis des Theorems nach Conant & Ashby verläuft nun in zwei Schritten: 1. Für jedes p(rk |ej ) 6= 0 ∈ π gilt, dass ψ(rk , ej ) = zl , d.h. bei gegebenem ej wird jedem Zu- stand des Regulators, falls dieser überhaupt besetzt ist, dasselbe Ereignis zl zugeordnet: Der Regulator reagiert auf eine Änderung in seiner Umgebung auf eine ganz bestimmte Weise. Andernfalls gäbe es mindestens zwei positive p(r1 |ej ), p(r2 |ej ) mit ψ(r1 , ej ) = z1 6= ψ(r2 , ej ) = z2 . Mit Gl. (2.7) existieren dann p(ej , r1 ) = p(ej )p(r1 |ej ) > 0 sowie p(ej , r2 ) = p(ej )p(r2 |ej ) > 0, die zu verschiedenen p(z1 ), p(z2 ) beitragen, die laut Annahme die Entro- pie H(Z) minimieren. Durch Variation der Regulatorverteilung p(R|ej ) könnte nun H(Z) jedoch weiter minimiert werden (vgl. Anmerkung [5]), was aber ein Widerspruch ist. Dar- aus folgt, dass z1 = z2 und alle p(rk |ej ) > 0 zur selben Zuordnung ψ(rk , ej ) = zl gehören müssen. 2. Teilen wir ψ −1 (zl ) in die unterschiedlichen Äste abhängig von ej auf, so folgt:   X X p(zl ) = p(ej ) p(rk |ej ) . (2.20)  j ψj−1 (zl ) Es sei eh ein beliebiger Zustand des externen Systems, dem eine bestimmte Regulatorver- teilung p(R|eh ) ∈ π zugeordnet ist. Da gemäß (1.) jedem eh genau ein Wert zm zugeordnet ist, trägt p(R|eh ) nur zur Wahrscheinlichkeit p(zm ) bei: Wegen der Normierung ! X X X p(ej , rk ) = p(ej ) p(rk |ej ) =1 (2.21) j,k j k und weil alle p(rk |eh ) > 0 genau auf einem Ast ψh−1 (zl ) liegen, folgt: X p(rk |eh ) = 1. (2.22) −1 ψh (zl ) Umschreiben von Gl. (2.20) führt auf: X X X p(zl ) = p(eh ) p(rk |eh ) + p(ei ) p(rk |ei ). (2.23) −1 ψh (zl ) i6=h ψi6−1 =h (zl ) | {z } =1 78 Anmerkungen zu Abschnitt 2

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Im einfachsten Fall gilt also für genau ein (k, h) ∈ ψh−1 (zl ), dass p(rk |eh ) = 1, (2.24) mit p(rk0 , eh ) = 0 für alle k 0 6= k. 7 Ergodische Systeme sind solche, bei denen die mittlere Besetzung der Zustände in der Zeit dem Ensemblemittelwert entspricht. Die Annahme der Ergodizität ist ein wichtiges Hilfsmittel zur Berechnung diverser Integrale und letztlich der Idee, dass die Entropie des Systems über die Zeit mithilfe der Minimierung von freier Energie begrenzt wird. Jedoch führt gerade die Annahme von Ergodizität bei der Behandlung lebendiger Systeme zu Einwänden gegenüber Fristons Modell (Molenaar 2008, Di Paolo et al. 2022). Lebendige Systeme sind demgemäß oft nicht ergodisch, da ein einzelner Zustand potenziell einen entscheidenden Einfluss auf die spätere Zeitentwicklung des Systems haben kann. Die Annahme der Ergodizität wurde in neueren Arbeiten (Parr et al. 2020) zwar ersetzt, aber die Argumente gelten mutatis mutandi (Di Paolo et al. 2022). Es ist daher sehr fraglich, ob das vorgestellte Modell über biologische Systeme als solche (Kirchhoff et al. 2018) Aussagen macht oder sogar a simple theory of every ‘thing’“ (Hipolito 2019) darstellt. ” 8 Hier und in den folgenden Anmerkungen stützen wir uns größtenteils auf die Darstellun- gen von Haken (1983) und Friston (2013), eine Überarbeitung (mit kleinen Änderungen) wurde unlängst von Parr et al. (2020) publiziert (für eine technische Kritik siehe Biehl et al. 2021) In die Sprache dynamischer Systeme übersetzt, lässt sich der Zustandsraum, der zuvor noch durch das Produktsystem R × E charakterisiert wurde und auf dem die Funktion ψ definiert war, nun wie folgt darstellen: • Es existiere ein als Sensorium S bezeichnetes Teilsystem, dessen Aufgabe es ist, Änderungen in der Umwelt E zu registrieren und an die internen Zustände O weiterzuleiten. • Es existiere eine Klasse von aktiven Zuständen A, mithilfe derer der Organismus in die Dynamik von E eingreifen kann. • Die weder zu A noch S gehörenden Zustände des Organismus bilden dessen interne Zustände O. • Zusätzlich sollen zufällige Fluktuationen ω ∈ Ω einen Einfluss auf die Dynamik von S und E haben. Sowohl das Sensorium S als auch die aktiven Zustände A sind nicht Teile von O oder E, sondern bilden selbst einen je irreduziblen Teil des gesamten dynamischen Systems X. Gesamthaft gilt 79 Anmerkungen zu Abschnitt 2

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also, dass X = E ×S ×A×O. (2.25) | {z } R Wir können S und A als relativ stabile Bereiche, die O von E trennen, betrachten, falls die Existenz von S und A zur Entkoppelung der Dynamiken des Organismus und dessen Umwelt führt, z.B. wenn die Zustandsentwicklung von O im Vergleich zu jener von E langsam verläuft. Dies entspricht den physiologisch realistischen Situationen, in denen ein Organismus durch eini- ge Variablen (z.B. Temperatur, Blutdruck oder Teile der neuronalen Aktivität) charakterisiert werden kann, deren Änderungen gegenüber den ständigen Fluktuationen in E vergleichsweise klein, ja nahezu konstant sind, δO δE . (2.26) 9 Um dies verständlich zu machen, kann die Zeitentwicklung eines dynamischen Systems, x ∈ X, betrachtet werden. Diese ist charakterisiert durch den Fluss f (x), ẋ = f (x) + ω, x = (e, s, a, o) . (2.27) Für die (ergodische) Wahrscheinlichkeitsdichte p(x) unter δ-korrelierten Fluktuationen, hωj (t)ωk (t0 )i = Wjk δ(t − t0 ), lässt sich die sog. Fokker-Planck-Gleichung definieren (vgl. z.B. Haken 1983, Gl. (6.95) – (6.98)), 1 ṗ(x) = −∇ · f (x)p(x) + ∇ · W∇p(x). (2.28) 2 Für beliebige, stetige Vektorfelder f gilt die Helmholtz-Zerlegung: f (x) = ∇φ(x) + ∇ × A(x). (2.29) Ein Ansatz für eine Gleichgewichtskonfiguration (ṗ(x) = 0) ist p(x) = exp(−L(x)) ⇔ L(x) = − ln[p(x)]. (2.30) Wegen ∇p(x) = −p(x)∇L(x) lässt sich die Fokker-Planck-Gleichung umschreiben zu: 1 ṗ(x) = −∇ · f (x)p(x) + Wp(x)∇L(x) . (2.31) 2 Einsetzen von Gl. (2.29) liefert 1 ṗ(x) = −∇ · ∇φ(x)p(x) + (∇ × A(x))p(x) + W∇L(x)p(x) (2.32) | {z 2 } ≡k Dies ist aber genau dann gleich 0, wenn die Divergenz von k verschwindet,  ∇φ(x) = −1/2W∇L(x)  ṗ(x) = ∇ · k = 0 ⇔ , (2.33) ∇ × A(x) = −R∇L(x)  80 Anmerkungen zu Abschnitt 2

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mit R einer schiefsymmetrischen Matrix, RT = −R. Es folgt also, dass f (x) = −(W/2 + R)∇L(x). (2.34) Eine Mittelung über eine beliebige Wahrscheinlichkeitsverteilung q(E|o) der externen Zustände e mit Z q(e|o)de = 1 (2.35) E liefert: Z hL(x)iq = q(e|o)L(x)de (2.36) E Z = − q(e|o) ln[p(x)]de (2.37) E Z Z = − q(e|o) ln[p(x)]de + q(e|o)(ln[q(e|o)] − ln[q(e|o)])de (2.38) E |E {z } =0 Z Z = − q(e|o) ln[p(x)/q(e|o)]de + q(e|o) ln[q(e|o)]de . (2.39) E E | {z } | {z } ≡ F (s,a,o) ≡ H[q(e|o)] ⇒ hL(x)iq = F (s, a, o) + H[q(e|o)]. (2.40) Entsprechend der gewählten Partition gilt für die Zustände a und o, dass diese nicht explizit von den externen Zuständen e abhängen. Dies lässt sich mit λ = {a, o} wie folgt durch den Fluss fλ ausdrücken: hλ̇it = fλ (s, a, o), (2.41) mit: fλ (s, a, o) ∝ −∇λ F (s, a, o), (2.42) vgl. auch Friston (2013, Lemma 2.1). D.h. die Zustände a und o folgen den Ableitungen der Funktion F (s, a, o) nach den entsprechenden Variablen. 10 Aus der rechten Seite von Gl. (2.39) und der Identität p(x) = p(e, s, a, o) = p(s, a, o)p(e|s, a, o) (2.43) folgt mit, dass Z F (s, a, o) = − q(e|o) ln[p(s, a, o)p(e|, s, a, o)/q(e|o)]de (2.44) ZE Z = − q(e|o) ln[p(s, a, o)]de − q(e|o) ln[p(e|, s, a, o)/q(e|o)]de = (2.45) E E Z = − ln[p(s, a, o)] + q(e|o) ln[q(e|o)/p(e|s, a, o)]de . (2.46) | {z } E =L(s,a,o) | {z } ≡ DKL [q(e|o)||p(e|s,a,o)] 81 Anmerkungen zu Abschnitt 2

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Der letzte Term wird oft als relative Entropie“ oder Kullback-Leibler-Divergenz bezeichnet und ” ist streng größer 0, außer für den Fall, wo q(e|o) = p(e|s, a, o) ⇔ DKL [q(e|o)||p(e|s, a, o)] = 0. (2.47) Mit Gl. (2.46) und der Ergodizitätsannahme folgt daher: 1 T Z Z hF (s, a, o)it ≥ − lim ln[p(s, a, o)]dt = − p(x) ln[p(s, a, o)]dx (2.48) T →∞ T 0 X Z ≥ − p(s, a, o) ln[p(s, a, o)]dz = H[p(s, a, o)]. (2.49) S×A×O Zu beachten ist, dass weder die Redeweise von einer freien Energie“, F , noch von einer Entro- ” ” pie“, H, streng im thermodynamischen Sinne genommen werden darf, da es sich eben nicht um abgeschlossene Systeme im thermodynamischen Gleichgewicht handelt. Es handelt sich um ver- allgemeinerte Begriffe, welche aber grob den Intuitionen hinter den thermodynamischen Begriffen folgen. 11 Offen bleibt, ob Bewusstsein nicht eine (z.B. teleologische) Funktion besitzt, dadurch dass zukünftige Handlungen durch das Wahrnehmen der Resultate neuronaler Funktionen beinflusst werden, z.B. (Frith & Metzinger 2016). 12 So kann etwa gesagt werden, dass die Umwelt die Dimension des Modells“ bestimme – vgl. ” dazu Ashbys (1956) law of requisite variety. 82 3 Der relationale Aufbau der Gegenstände

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3 Der relationale Aufbau der Gegenstände By tracing the way we represent such severance, we can [...] begin to see how the familiar laws of our own experience follow inexorably from the act of severance. (George Spencer Brown: Laws of Form) 3.1 Die Theorie vom Ganzen und seinen Teilen Zeichen, Referenten und die Mereologie Auf die Frage nach der Rolle von Bewusstsein antwortet Velmans (2009, S. 347) am Ende seines Buches Understanding Consciousness mit der Bemerkung, dass die wesentliche Funktion von Bewusstsein darin bestünde, subjektive Realität zu erschaffen“. Keine ” Beschreibung würde uns verständlich machen, wie es sich anfühlt, einen Sachverhalt zu real isieren. Doch was könnte damit gemeint sein und lässt sich hier vielleicht ein etwas weniger mystisches Bild zeichnen? Der Ansatz, der hier gewählt wird, versucht, Wahrnehmung als Zeichenprozess zu beschreiben. Er ist komplementär zur vorher diskutierten Idee, wonach Wahrnehmung als (emergenter) natürlicher Vorgang verstanden werden kann. Wir wollen uns hier auf die einfachsten strukturellen Merkmale solcher Zeichen beschränken. Zeichen sind Objekte, die auf Ganzheiten verweisen. Die Lehre, welche das Verhältnis eines Ganzen zu den es konstituierenden Teilen zu klären sucht, bezeichnet sich als Mereologie. Ausgangspunkt vieler mereologischer Systeme war der Versuch, die Teil- Ganzesbeziehungen auf abstrakte Weise innerhalb eines Axiomensystems auszudrücken. Mereologie wurde dabei etwa als nominalistische Fundierung der Mathematik (Leśniewski 1916/1992, Whitehead 1919, Tarski 1935, Tarski 1956) sowie als Formalontologie (Smith & Mulligan 1983, Simons 1987, Simons 2003, Schaffer 2010) verstanden. Wichtige Vorüberlegungen entstammen der Psychologie des späten 19. Jahrhunderts und finden sich prominent etwa bei Carl Stumpf und Franz Brentano (Smith & Mulligan 1982, S. 25-35), und dann insbesondere in der 3. Logischen Untersuchung von Edmund Husserl. Diese können als metaphysische Betrachtungen, aber auch als Darstellungen der Struktur unserer Wahrnehmung oder geistiger (intentionaler) Tätigkeit angesehen 83 3 Der relationale Aufbau der Gegenstände

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werden. Vornehmlich diese letzte Deutung ist es, in deren Tradition dieser Abschnitt steht. Dabei wird angenommen, dass Mereologie die Struktur von Verweisen beschreibt. Auf deren Basis können dann eine Reihe von Symbolsystemen konstruiert werden, die zwar dem Anschein nach Abbilder oder Modelle einer gegenständlichen Wirklichkeit liefern, die aber in Wahrheit gar nicht als unabhängig von ihrer natürlichen Einbettung gedacht werden können. Die Zelle, die ein Modell ihrer Umwelt verkörpert, ist ein einfaches Beispiel hierfür. Richten wir unseren Blick zuerst kurz auf die empirischen Wissenschaften, die ja ebenfalls als strukturierte Systeme von Zeichen, die sich auf eine gegenständliche Welt beziehen, aufgefasst werden können. So versuchen etwa Findlay & Thagard (2012) zu zeigen, wie eine vollständige mereologische Aufschlüsselung aller Wissenschaftsbereiche von Teilchenphysik bis Soziologie mithilfe eines einzigen Schemas möglich ist. Dadurch erhoffen sich die Autoren, ein einheitliches Verständnis der Struktur, Funktion und ” Dynamik von Organisationsprozessen in Physik, Biologie, den Kognitions- und Sozi- alwissenschaften“ zu befördern (aus dem abstract; Übersetzung RP). Im Gegensatz zu den formalen Ausführungen dieses Abschnittes arbeiten Findlay & Thagard vor allem an einer empiristischen Katalogisierung der Einzelwissenschaften. Zudem wenden sich die Autoren explizit gegen ein Verständnis von Mereologie als Teilgebiet der analytischen Metaphysik. Doch wäre gerade eine Verbindung von mathematisch-logischem Formalismus mit empirischem Material wünschenswert bei der Weiterentwicklung der Mereologie. Deren größtes Manko ist weder die schwere Zugänglichkeit noch das axiomatische Vorgehen – dies hätte sie ja mit anderen Gebieten der Mathematik gemein –, sondern ihre Orientie- rung an einer Trivialempirie des Alltags. Da, wo dies lediglich zur Illustration formaler Konzepte gebraucht wird, ist wenig dagegen einzuwenden. Oftmals dient es aber gera- de dazu, bestimmte Intuitionen bezüglich der Teil-Ganzes-Beziehung zu befördern und axiomatisch zu verewigen. Umgekehrt liefert die formale Analyse aber erst jenen Grad an begrifflicher Schärfe, der für eine Analyse als angemessen erscheint (für eine Versöhnung zwischen formalen 84 3 Der relationale Aufbau der Gegenstände

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und empirischen Zugangsweisen zur Mereologie siehe auch Hovda 2014). Dass z.B. na- turwissenschaftliche Theorien unter mereologischen Gesichtspunkten betrachten werden können, fand erst kürzlich wieder vermehrte Aufmerksamkeit, wobei sich zeigt, dass den unterschiedlichen empirischen Teilgebieten durchaus mereologische Axiomatisierungen zugeordnet werden können (etwa bei Calosi & Tarozzi 2014). Jene stellen dann Model- le eines bestimmten mereologischen Systems dar, dies allerdings nicht immer eindeutig (Harré & Llored 2011, Llored & Harré 2014, Prentner 2017a). Dies impliziert, dass uns gar kein bestimmter Standpunkt bezüglich des Verhältnisses zwischen abstrakter Dar- stellung und dessen empirischer Realisierung aufgezwungen wird. Unterschiedliche Bezeichnungssysteme sind unterschiedlich adäquat für unterschied- liche Zwecke. Die Vorstellung, es gäbe das eine richtige System wurde etwa bereits von Nelson Goodman (1977) zurückgewiesen. Husserl sprach in den LU von regionalen On- ” tologien“. Gleichwohl ist es sinnvoll, zu fragen, inwieweit man generelle Aussagen zur Objektbeschaffenheit als solcher machen kann (Husserl bezeichnete dieses Projekt als formale Ontologie“). ” Mereologische Beschreibungen gehen dabei von einem Teilseinsbegriff aus, der zwar möglichst allgemein bleiben soll, andererseits aber häufig auf konkrete Intuitionen ver- weist. Eine Kritik, die von Casati & Varzi (1999) an der mereologischen Vorgehensweise geäußert wurde, lautet, dass Mereologie selbst nichts darüber aussagt, was denn ei- ” gentlich“ unter einem Ganzen zu verstehen sei. Genauso wenig, möchte man hinzufügen, gibt sie darüber Auskunft, was denn eigentlich unter einem Teil zu verstehen sei. Es liegt nahe, dass Fragen nach dem Wesen der Teil-Ganzes-Beziehung a priori gar nicht beantwortet werden können (Simons 2006) und benötigen daher den Verweis auf einen Realkontext. Diesen möchten wir hier liefern. Folgende zentrale Interpretation soll an dieser Stelle eingeführt werden: Die Objek- te der Mereologie sind Verweise auf Gegenstände, Mereologie handelt in diesem Sinne von Verweisen auf konkrete1 Gegenstände und nicht wie die Mengenlehre von der Zu- gehörigkeit zu einer (abstrakten) Klasse. Um einen Verdacht gleich auszuräumen, ver- stehen wir unter konkret“ nicht, dass es sich bei diesen Gegenständen notwendigerweise ” um raumzeitlich lokalisierbare und ausgedehnte Objekte hält. Eine raumzeitliche Struk- 85 3 Der relationale Aufbau der Gegenstände

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tur ergibt sich selbst erst als Abstraktion aus der Beziehung konkreter Gegenstände (vgl. die Raumauffassung von Leibniz; Clarke 1717/2015). Aber was ist dann ein konkreter Gegenstand? Dies wird in der Philosophie unter- schiedlich beantwortet, etwa wie folgt: • Die Gegenstände, auf die verwiesen wird, entsprechen den Gegenständen des All- tags, etwa Stühlen, Fahrzeugen oder Kaffeetassen. Ein solcher Realismus wird etwa von Searle (1991, Kap. 2) in Bezug auf intentionale Objekte vertreten. • Die Gegenstände, auf die verwiesen wird, entsprechen scheinbar den oben genann- ten, aber nach genauerer Analyse lösen sich diese auf, z.B. in Gruppierungen von Elementarteilchen (Physikalismus), welche dann als hinter den Verweisen stehend betrachtet werden können, • Die Gegenstände, auf die verwiesen wird, sind Verkettungen von Zeichen (Peirce 1983) und Ereignissen (Whitehead, PR) oder Netzwerke bewusster Individuen (Hoffman 2008) und symbolverwendender Einzelwesen (Hampe 2014). Wenn wir davon ausgehen, dass solche Gegenstände Ganzheiten ausdrücken, dann handelt Mereologie von Verweisen durch Teile auf ein Ganzes. Einen solchen Verweis aufs Ganze kann man als Erfahrung“ des Ganzen bezeichnen. Dieses Ganze ist zudem ” konkret, Teile sind abstrakt (entgegen der geläufigen Auffassung, wonach sich Ganzheiten abstrakt als Summe konkreter Teile verstehen lassen). Wir können natürlich von einem System solcher Teile ausgehen, welches selbst mereologisch strukturiert ist (i.e. Teile von Teilen), und uns fragen, unter welchen Umständen, deren Gesamtheit selbst auf etwas verweist. Dies ist Gegenstand mereologischer Summationsprinzipien, denen wir uns gleich widmen werden. Mereologische Operatoren Anstelle sich weiter diesen systematischen Fragen zu widmen, soll jedoch zuerst auf die formale Struktur mereologischer Beschreibungen eingegangen werden2 . Mereologie wird dabei als formales, axiomatisch aufgebautes Notationssystem verstanden, ähnlich der 86 3 Der relationale Aufbau der Gegenstände

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Mengenlehre, allerdings mit einigen Unterschieden. Als Referenz dient uns der erste Teil des Buchs Parts von Peter Simons (1987). Historisch wichtige Kalküle stammen etwa von Stanislaw Leśniewski (1916/1992) ( Mereologie“) sowie von Leonard & Goodman (1940) ( calculus of individuals“). Im ” ” Vergleich zur mengentheoretischen Elementrelation (∈) tritt hier die Teilseinsrelation (<)3 . Die verwendeten Variablen x, y, z etc. können dann gemäß obiger Deutung als Platzhalter für Verweise auf einen konkreten Gegenstand gelesen werden. Einen solchen bezeichnen wir als das Individuum“, auf welches von mereologischen Objekten verwiesen ” wird. Zusätzlich können nun mereologische Operationen auf diesen Verweisen definiert werden. Eine kurze Übersicht über einige mereologische Operatoren: x<y (3.1) bedeutet, dass x Teil des Objektes y ist, der auf einen Gegenstand verweist. Dabei können x und y auch identisch sein, also auf denselben Gegenstand verweisen. Ist letzteres nicht Fall, spricht man von echtem Teilsein: x y ⇔ x < y ∧ x 6= y. (3.2) Von mereologischem Überlapp spricht man, wenn zwei Objekte x und y einen gemeinsa- men Teil haben, x ◦ y ⇔ ∃z (z < x ∧ z < y). (3.3) (Wenn x < y, dann überlappen sie trivialerweise.) Ist dies nicht der Fall, sind x und y mereologisch disjunkt: x o y ⇔ ¬∃z (z < x ∧ z < y). (3.4) = ¬(x ◦ y). (3.5) Sind x und y disjunkt, kann daher auch keine Teilseinrelation zwischen ihnen bestehen. Die binäre Summe, x + y, (3.6) 87 3 Der relationale Aufbau der Gegenstände

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bezeichnet das Objekt, welches mit allen Objekten überlappt, die mit x oder y überlappen. Die binäre Summe umfasst x und y: Der Besen ist die mereologische Summe aus Stiel und Kopf. In einigen Axiomatisierungen wird davon ausgegangen, dass die mereologische Summe immer existiert. Mereologische Summen können dabei auch potentiell aus nicht- zusammenhängenden (disjunkten) Objekten generiert werden. Zu beachten ist ferner, dass x + y einen Ausdruck bezeichnet, der selbst auf einen Gegenstand (Individuum) verweist, also nicht als rein abstraktes Konzept oder Menge von Elementen betrachtet werden sollte. Zudem scheinen einige Teile essentiell für das Ganze zu sein: Entfernen wir den Kopf des Besens, hört dieser auf ein Besen zu sein; selbiges gilt jedoch nicht für einen (echten) Teil des Stiels. Umgekehrt können Teile auch abhängig sein von ihrem Ganzen: Lautstärken ohne Töne machen genauso wenig Sinn wie Töne ohne Lautstärken. Diese und ähnliche Situationen geben oft Anlass zu Fragen bezüglich der Zulässigkeit von Summation. Plakativ gesprochen, raubt die Summation der Mereologie ihre ontologische Unschuld. Abgeleitet von der Summe bezeichnet das binäre Produkt, x · y, (3.7) die Summe derjenigen Objekte, die sowohl Teile von x als auch von y sind. Schließlich bezeichnet die mereologische Differenz, x − y, (3.8) den (größten) Teil von x, der nicht mit y überlappt (also disjunkt zu y ist). Am einfachsten illustriert man diese Operationen mithilfe mengentheoretischer Dar- stellung (Tab. 3.1). Es gilt aber einige Feinheiten zu beachten, da Mereologie und Men- genlehre vom logischen (und semiotischen) Standpunkt aus prinzipiell verschieden sind: So bezeichnet etwa die Schnittmenge zweier disjunkter Mengen eine leere Menge; in der Mereologie ist das binäre Produkt zweier disjunkter Objekte nicht-existent, da mereo- logische Objekte (laut unserer Interpretation) immer auf konkrete Gegenstände verwei- sen; auch die Null-Menge, also eine Menge, mit dem Maß 0, das aber möglicherweise 88 3 Der relationale Aufbau der Gegenstände

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unendlich viele Elemente besitzt oder die einelementige Menge, finden keine direkten Entsprechungen in der Mereologie. Die binäre Summe kann verallgemeinert werden zur Fusion X x(F x), (3.9) wobei hier eine Summe über alle Objekte x genommen wird, welche die Eigenschaft F aufweisen, etwa die mereologische Summe aller Kreise. Analog kann das binäre Produkt zum Kern oder Nukleus verallgemeinert werden: Y x(F x). (3.10) In einer geometrischen Veranschaulichung würde der Nukleus denjenigen Punkt bezeich- nen, in dem sich eine (möglicherweise unendliche) Menge an Geraden schneidet. Zudem ist es hilfreich, folgendes Objekt im Auge zu behalten: • Das Universum“ U wird als die mereologische Summe aller Objekte (inklusive ” deren möglichen mereologischen Summen) bezeichnet. Gegeben die Elemente a und b, bezeichnet U also die mereologische Summe aus a, b, a + b. W W Im Unterschied zur Menge (oder Klasse) aller Objekte, = {a, b, a + b}, verweist U als mereologische Summe auf einen konkreten Gegenstand (auf ein Individuum). Auch die Russell’sche Klasse, also die Menge aller Mengen, die sich selbst nicht ent- halten, haben kein natürliches Pendant in der Mereologie, was insbesondere für Leśniewski für die Mereologie als Grundlage zur Axiomatisierung der Mathematik gegenüber der (naiven) Mengenlehre sprach. Mereologische Axiome Wichtige Eigenschaften der (echten) Teilseinsrelation sind: M1: Transitivität: x y ∧ y z → x z M2: Asymmetrie: x y → ¬(y x) 89 3 Der relationale Aufbau der Gegenstände

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Tabelle 3.1: Mengentheoretische Veranschaulichung einiger mereologischer Konzepte und Objekte, die keine eindeutige Entsprechung in beiden Kalkülen besitzen. Mereologie Mengenlehre xy x·y = j + k + l { x◦y y y y y x+y x z x y j k l x x-y x x−y { x+y x·y ? Leere Menge {} ? Einelementige Menge {i} Universum U ? ? Russell’sche Klasse, Null-Menge Transitivät und Asymmetrie können als mereologische Axiome betrachtet werden (die Nummerierung der Axiome folgt dabei Simons 1987, Kap. 1); aus Ihnen folgt, dass die (echte) Teil-Ganzes-Beziehung irreflexiv ist: Angenommen x x wäre wahr, dann würde nach M2 folgen, dass ¬(x x) ebenso wahr wäre, was einen Widerspruch darstellen würde. Allerdings würden diese Axiome allein eine Intuition bezüglich der Teilseinsrelation nicht widerspiegeln: Etwas hat mindestens zwei echte Teile (oder gar keinen). Ist x y, dann bleibt ein Rest“, der disjunkt zu x und gleichzeitig ein Teil von y ist (und im Falle, ” dass dieser Rest auf ein einzelnes Objekt verweist, wäre er identisch zu y − x). Diese Intuition kann durch ein zusätzliches mereologisches Axiom (das Schwache Supplement) ausgedrückt werden: M3: x y → ∃z(z y ∧ z o x)4 . Ähnlich wie Zermelo (1908) mit dem Aussonderungsaxiom verhinderte, dass die Rus- sell’sche Klasse in Zermelos Mengenlehre als echte Menge bezeichnet werden durfte, können wir weitere scheinbar pathologische Fälle von Teilsein durch das Starke Supple- ment ausschließen. Jenes hat zudem die wichtige Konsequenz, dass keine zwei Objekte 90 3 Der relationale Aufbau der Gegenstände

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aus denselben (echten) Teilen bestehen, gleichzeitig aber verschieden sein können. In anderen Worten: Objekte mit denselben (echten) Teilen sind identisch, M5: ¬(x < y) → ∃z(z < x ∧ z o y). M5 lässt sich z.B. so lesen: Wenn x über keinen Teil z verfügt, der disjunkt zu y ist – wenn z.B. alle echten Teile von x echte Teile von y sind –, dann ist x entweder identisch zu y oder x ist echter Teil von y. Wenn gleichzeitig aber alle echten Teile von y auch echte Teil von x sind, bleibt nur noch die Option x = y offen (wegen der Asymmetrie der Teilseinseigenschaft). Das axiomatische System, bestehend aus M1-M3 und M5, wird manchmal als ex- ” tensionale Mereologie“ (EM), etwa von Casati & Varzi (1999) bezeichnet. Simons (1987) bezeichnet dies als minimale extensionale Mereologie“ (MEM), mit der zusätzlichen ” Forderung, dass es im Falle des Überlappens von Objekten, x ◦ y, einen größtmöglichen gemeinsamen Teil (ein mereologisches Produkt z = x · y) geben müsse: x ◦ y → ∃z∀w(w < z ⇔ w < x ∧ w < y) (3.11) Alle weiteren Axiome betreffen vor allem die Zulässigkeit von Summen- und Produktbil- dung bzw. deren garantierte Existenz. So könnte die Existenz einer finiten mereologischen Summe daran geknüpft sein, dass die Objekte, aus denen sie gebildet wird, mindestens überlappen müssen. (Man denke etwa an Summen aus überlappenden Raumzeitgebie- ten.) Tun sie dies, so erscheint es plausibel, ein gemeinsames Ganzes z zu postulieren: M7: x ◦ y → ∃z (x < z ∧ y < z). Ein Objekt z, das sowohl x als auch y umfasst, existiert also dann, wenn x und y überlappen. Umgekehrt folgt, dass x und y nicht überlappen, wenn es kein umfassendes z gibt. Eine etwas stärkere Forderung ist die Existenz einer (einzigen) mereologischen Summe: M9: x ◦ y → ∃!(x + y), für die gilt, dass jedes w, das mit ihr überlappt auch mit x und y überlappt: ∀w w ◦ (x + y) ⇔ w ◦ x ∨ w ◦ y (3.12) 91 3 Der relationale Aufbau der Gegenstände

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Wenn die Summe x + y existiert, existiert auch mindestens ein z, das x und y umfasst (nämlich x + y). Der umgekehrte Fall muss nicht immer gelten: Aus der Existenz eines gemeinsamen Überlappenden folgt nicht unbedingt die Existenz der Summe x+y 5 . Alter- nativ könnte, wie bei Casati & Varzi (1999), M9 durch ein anderes Axiom ersetzt werden: Sollte ein x und y umfassendes Objekt z existieren, so existiert auch die mereologische Summe x + y: M9’: ∃z (x < z ∧ y < z) → ∃!(x + y), Folgendes Beispiel dient der Veranschaulichung: Der Körper umfasst die Finger der rech- ten Hand. Nach M9’ würde dann folgen, dass auch eine mereologische Summe existiert, die nur aus den Fingern der rechten Hand besteht. Die unbedingte Existenz einer (einzigen) finiten mereologischen Summe, unabhängig davon, ob x oder y überlappen oder umfasst werden, kann durch M14: ∃!(x + y) ausgedrückt werden. Die Existenz eines Universums (= die mereologische Summe aller Elemente inklusive deren Summen) muss zusätzlich postuliert werden als M16: ∃U ∀y (y < U ). Eine interessante Einschränkung geht dabei auf den dritten Teil der PNK von Whitehead zurück: Fordert man, dass jedes Objekt echter Teil eines anderen ist, ist die Existenz ei- nes Universums nicht mehr gegeben, da das Universum U selbst echter Teil eines anderen Objektes wäre, was aber gegen die Definition von U verstößt, wonach U auf die Sum- me aller Objekte (mitsamt deren mereologischen Summen) verweist. Eine Diskussion über den Status des Universums findet sich bei Simons (2003), der dafür argumentiert, dass die Existenz eines Universums (im Sinne eines Verweises auf ein Individuum) nur dann sinnvoll ist, wenn zugleich angenommen werden kann, dass alle Objekte dersel- ben Kategorie entspringen. Unsere Interpretation, wonach Objekte (Teile) immer auf ein konkretes Ganzes verweisen, scheint zu ähnlichen Konsequenzen zu führen wie die These von Gabriel (2016), wonach eine alles umfassende Welt“ nicht existieren würde. ” 92 3 Der relationale Aufbau der Gegenstände

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Wenn, gemäß Gabriels Sinnfeldontologie, existieren“ bedeutet, in einem Sinnfeld vor- ” zukommen, es aber kein Sinnfeld geben kann, in dem die Gesamtheit aller existieren- der Objekte vorkommen, dann kann es auch eine solche Welt“ nicht geben. Umgelegt ” auf unsere Betrachtungsweise: Wenn jedes Objekt auf eine (konkrete) Ganzheit ver- weist und gleichzeitig immer ein (echter) Teil eines anderen Objektes ist, lässt sich diese (konkrete) Ganzheit nicht als (abstrakte, mereologische) Summe dieser Objekte aus- drücken. Wir werden später noch Husserls Unterscheidung zwischen selbstständigen und unselbstständigen Teilen einführen und entsprechend interpretieren (unselbstständige Teile sind solche, die nicht verweisen) 6 . Noch stärkere Axiomensysteme postulieren die Existenz unendlicher mereologischer Summen (Fusionen): P M24: ∃xF x → ∃! x(F x). Es gilt dann, dass, sobald auch tätsächlich ein Objekt existiert, welches das Prädikat F erfüllt, eine mereologische Fusion existiert. Die Fusion ist definiert, als dasjenige ζ, für welches gilt: ∀y (y ◦ ζ ⇔ ∃z (F z ∧ y ◦ z)) . (3.13) In Worten: Für alle y gilt, dass, wenn sie mit ζ überlappen, auch mit (mindestens einem) z, das die Eigenschaft F aufweist, überlappen; vgl. auch die Definition der binären Summe7 . Wenn lediglich ein Objekt x die Eigenschaft F realisiert, ist z = x. Dies entspricht z.B. dem trivialen Fall: X x= z(z = x). (3.14) Q Für die Existenz unendlicher Produkte (Nuklei) muss kein zusätzliches Axiom an- genommen werden; der Nukleus ist dann definiert als die Fusion derjenigen Objekte (falls es solche gibt), die Teile aller x sind, für die F x gilt. Ein Axiomensystem, dass M1-M3, M24 beinhaltet, wird als klassische extensionale Mereologie“ (KEM) bezeich- ” net. Alle anderen vorgestellten Axiome lassen sich aus diesen vier ableiten und nach ihrer Mächtigkeit ordnen (ungefähr in der Reihenfolge, in der sie vorgestellt wurden). Zusätzlich können eine Reihe mereologischer Theoreme abgeleitet werden, wie sie z.B. Simons (1987, S. 38-40) auflistet. 93 3 Der relationale Aufbau der Gegenstände

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3.2 Interpretationen Wir wollen nun anhand einiger Beispiele zeigen, wie sich bestimmte Zeichensysteme aus Interpretation der vorgestellten Axiome ergeben. Dabei wollen wir nicht dafür argu- mentieren, dass es ein ausgezeichnetes mereologisches Grundgerüst gäbe. Im Gegenteil, erscheinen uns einige Begriffe, die wir oft als fundamental betrachten, abgeleitet aus einer ganz bestimmten Art, die Welt zu betrachten. Dies wollen wir zuerst am Begriff der Substanz ausführen (Substanzen werden da- bei verstanden als diejenigen Gegenstände, auf die bestimmte, sehr starke mereologische Systeme verweisen). Danach widmen wir uns der Geometrie und der Logik (welche beide als Verweissysteme verstanden werden können ausgehend von einem spezifischen Gegen- stand der hinter ihnen steht: die ausgedehnte Kugel). Es folgen darauf hin zwei empi- risch motivierte Betrachtungen, einmal zur Frage, was die Annahme von atomaren (also nicht weiter zerlegbaren) Objekten implizieren würde, dann zur Frage, inwieweit fun- damentale Eigenschaften der Teilseinsrelation (Transitivität, Summenbildung) regional eingeschränkt werden muss. Metaphysik: Substanzen Die erste Frage, die sich am Ende des letzten Abschnittes vielleicht stellt, ist, welche Art von Objekten die Axiome der KEM überhaupt erfüllen. Insbesondere die Prinzipien der unbedingten Existenz mereologischer Summen (M14 bzw. M24) erscheinen in vielen Fällen fraglich. Wenn man die mereologische Summe aus den vier Rädern eines Autos bildet, folgt nicht unbedingt, dass diese Summe auf einen konkreten Gegenstand verweist. P Noch weniger scheint es garantiert zu sein, dass die Summe ζ = x(F x) selbst über die Eigenschaft F verfügt. Eine Summe von Teelöffeln ist, um ein Beispiel von Bertrand Russell (2003) aufzugreifen, selbst kein Teelöffel. Es gibt aber eine Klasse von Dingen, für die es plausibel erscheint, die Axiome der klassischen extensionalen Mereologie und die Kumulativität bzw. Distributivität ihrer Eigenschaften anzunehmen. Dabei handelt es sich um Massenterme (Simons 1987, Kap. 4.6). Massen haben die Eigenschaft, dass mereologische Summen von Massen selbst wie- 94 3 Der relationale Aufbau der Gegenstände

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derum Massen sind; Beispiele hierfür wären etwa Wasser und andere Stoffe. Für Mas- senterme gilt zudem, dass jeder echte Teil von Wasser über dieselben Eigenschaften wie Wasser verfügt – zumindest idealisiert, wenn man lediglich makroskopische Objekte im thermischen Gleichgewicht betrachtet. Zudem gilt eine Eigenschaft von Wasser, etwa dessen Transparenz, auch für die mereologische Summe aus dem Wasser in meinem Glas und dem Wasser in der Leitung8 . Ein wichtiges Beispiel für solche Massenterme findet sich in der Metaphysik nach Descartes (Schütt 1990, S. 271ff.): Körper werden hier aufgefasst als Teile einer Masse, deren Essenz es ist, ausgedehnt zu sein (res extensa). In anderen Worten, die ausgedehn- te Substanz stellt die merelogische Summe seiner Portionierungen dar, von der wir in der KEM wegen M24 ausgehen dürfen, dass sie wohldefiniert ist und die kleinste obe- re Schranke aller Portionierungen darstellt. Ein, gemäß Descartes, ontologisch primärer Stoff würde somit über die mereologisch reichste Struktur aufweisen. Dies scheint die Auffassung, wonach es sich bei den kartesischen Substanzen um sehr einfache Gegenstände handelt, in Frage zu stellen und impliziert vielmehr, dass es sich bei ihnen um eine Abstraktion handelt – eine Abstraktion, die uns vielleicht gar nicht mehr als solche erkenntlich ist. In Hinblick auf die These, dass Objekte nichts anderes sind als Muster oder Regelmäßigkeiten von Beziehungen, könnten Substanzen im kartesi- schen Sinn als diejenigen Muster gedeutet werden, welche eine (mereologisch) sehr starke Struktur aufweisen. Dabei würde dann, anders als in der traditionellen Metaphysik, von einer Substanz nicht mehr als etwas Fundamentales und allen Dingen Zugrundeliegendes gesprochen werden, auf das letztlich unsere ontologischen Untersuchungen zurückführen müssten, sondern auf etwas Abstrahiertes oder Hinzugedachtes. Eine weitere Schwierigkeit besteht darin, dass die höheren Axiomensysteme keine intuitive Entsprechung mehr haben. Selbst M3 und M5, die mereologischen Supplemente, haben je nach Autor einen unterschiedlichen Status, der zwischen analytisch notwendiger (Simons 1987), kontigent wahrer (Bigelow 2010) und potentiell gar nicht erfüllter (Casati & Varzi 1999) Eigenschaft der Teilseinsrelation changiert. 95 3 Der relationale Aufbau der Gegenstände

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Mathematik: Geometrie und (Boolesche) Algebra Eine weitere konkrete Interpretation der Mereologie führst uns auf die Euklidische Geo- metrie und in einem zweiten Schritt die Boolesche Algebra. Dabei wird ein Objekt der Mereologie als Verweis auf einen ausgedehnten Körper gelesen. Um zu zeigen, wie daraus die (punktfreie) Euklidische Geometrie gewonnen werden kann, erarbeitete Tarski (1956) ein System, in dem lediglich vom Begriff der (beliebig kleinen, aber) ausgedehnten Kugel ausgegangen und mit den Axiomen der KEM verbunden wird. Punkte, Linien, Flächen und Abstände sind hier nicht länger grundlegende Begriffe (daher punktfreie Geometrie), sondern lassen sich wie folgt rekonstruieren: Def. 1: Ein Punkt β entspricht einer Klasse von Kugeln, die konzentrisch zu einer gegeben Kugel b sind. Def. 2: Zwei Punkte α und β sind äquidistant zu einem Punkt γ, d.h. d(α, γ) = d(β, γ), falls eine Kugel c ∈ γ existiert, so dass kein Element von α oder β Teil von c oder zu c disjunkt ist. Intuitiv gesprochen, liegen die Punkte α und β auf einer Kugel c (siehe Abb. 3.1). Dabei ist der Begriff der Konzentrizität aus der Mereologie ableitbar, wobei eine Kugel a Teil einer Kugel b ist, wenn a von b eingeschlossen wird; a ist zudem konzentrisch zu b, wenn entweder a = b, oder alle Kugeln x, y, die a äußerlich berühren“ und deren ” Mittelpunkte auf derselben Linie liegen wie der von a, die Kugel b innerlich berühren“ 9 . ” Alle Beziehungen sind zudem symmetrisch, d.h. d(α, β) = d(β, α) und a konzentrisch zu b impliziert, dass b konzentrisch zu a ist. Die so gewonnenen Begriffe des Punktes und der Distanz genügen allen Axiomen der Euklidischen Geometrie10 . Im selben Aufsatz gibt Tarski auch folgende zwei Definitionen, welche die Verbindung zur Booleschen Algebra ermöglicht: X Def. 3: Ein jeder Körper im Raum ist eine bestimmte Summe von Kugeln, A = aI . I Die Summe von Kugeln entspricht dabei der mereologischen Summendefintion aus Gl. (3.13), deren (eindeutige) Existenz wegen M24 garantiert ist. Zur Erinnerung: Die me- reologische Summe einer Klasse von Gegenständen bezeichnet (nach Tarski) denjenigen 96 3 Der relationale Aufbau der Gegenstände

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α c β γ Abbildung 3.1: Punkte α, β, γ als Klassen von konzentrischen Kugeln (angedeutet durch gestrichelte Kreise). Die Punkte α und β sind äquidistant zu γ, falls sie auf der Kugel c ∈ γ (durchgezogen) liegen“. ” Gegenstand, der alle Gegenstände der Klasse zum Teil hat und dessen Teile mit (min- destens) einem dieser Gegenstände überlappen. Def. 4: Ein Punkt α liegt im Inneren von A, α ∈ int(A), g.d.w. eine Kugel x existiert, die gleichzeitig Element von α und Teil des Gegenstandes A ist (vgl. Abb. 3.2). Zur Verbindung von Mereologie mit der Booleschen Algebra benutzt Tarski zwei weitere Postulate. Erstens, soll die Klasse der Punkte im Inneren eines Gegenstandes A einer regulären offenen (nicht-leeren) Menge A entsprechen und umgekehrt: {χ|χ ∈ int(A)} ∼ = A. (3.15) Zweitens, entspreche die Teilseinsrelation zwischen zwei Gegenständen der Inklusionsre- lation zwischen solchen Mengen: ∀χ(χ ∈ int(A) → χ ∈ int(B)) ⇔ A < B ∼ = A ⊂ B. (3.16) Die Summe der Körper, A + B, entspreche per Definition dem kleinsten Gegenstand, der sowohl A als auch B zum Teil hat. Wegen Gl. (3.15) entspricht A + B selbst einer 97 3 Der relationale Aufbau der Gegenstände

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α β A γ Abbildung 3.2: Gegeben sei der Körper A. Von den drei abgebildeten Punkten (Klassen) α, β, γ liegt nur der erste im Inneren von A, da nur für α (mindestens) eine Kugel existiert, die sowohl Element von α als auch Teil von A ist. regulären offenen Menge S; wegen Gl. (3.16) gilt, dass A ⊂ S ∧ B ⊂ S, wobei S minimal ist. Dies entspricht in moderner Schreibweise (Loeb 2014, S. 267f.): def A + B = S = (A ∪ B)0 , (3.17) wobei M die kleinste abgeschlossene Menge bezeichnet, die M enthält; M0 steht für das Innere der Menge M. Es entspreche z.B. der Inhalt einer Kugel mit dem Radius ri der (offenen) Menge Ki aller Punkte {~x ∈ R2 ||x| < ri }. Bildet man die mereologische Summe aus zwei konzentrischen Kugeln, K1 + K2 (mit r2 > r1 ), entspricht i) deren Inhalt der (offenen und regulären) Menge aller Punkte {~x ∈ R2 ||x| < r2 } und ii) ist sie das (minimale) Objekt, welches sowohl K1 als auch K2 zum Teil hat. Warum entspricht die Summe dann aber nicht einfach der Vereinigung von Men- gen, also S = A ∪ B? An einem Beispiel soll dies deutlich werden: Betrachte den 1-dimensionalen Fall, wo A = (0, 1) und B = (1, 2) jeweils Intervalle auf der reellen Zahlenachse darstellen. Beide sind (nichtleere) offene und reguläre Mengen X, d.h. sie sind identisch zum Inhalt ihres Abschlusses (die Reihenfolge spielt eine Rolle), 0 X=X , (3.18) 98 3 Der relationale Aufbau der Gegenstände

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da 0 (i, j) = [i, j]0 = (i, j). (3.19) Die Vereinigung A ∪ B = (0, 1) ∪ (1, 2) ist zwar offen, erfüllt das Kriterium aus Gl. (3.18) jedoch nicht. Im Gegensatz dazu gilt Gl. (3.18) aber für die Menge (A ∪ B)0 : ( (0, 1) ∪ (1, 2) )0 = ( [0, 1] + [1, 2] )0 (3.20) = [0, 2]0 (3.21) = (0, 2), (3.22) welche wiederum offen und regulär ist. Das so beschriebene Kalkül auf den offenen (regulären) Mengen bildet dann ein Boolesche Algebra, allerdings ohne Nullelement. Die enge Verwandtschaft zwischen klassischer extensionaler Mereologie und Boole- scher Algebra wurde schon von Tarski (1935, S. 191; Anm. 5) selbst hingewiesen : Die formalen Unterschiede zwischen dem erweiterten System der Booleschen Algebra und der Mereologie lassen sich bis auf einen Punkt reduzieren: auf Grund der Mereologie existiert nichts dem leeren Elemente Entsprechendes. Auch diese Differenz lässt sich jedoch durch eine gewisse Interpretation des Symbols 0“ beseitigen. ” Die Ergebnisse von Tarski könnten nun aber auch wie folgt interpretiert werden: Die Euklidische Geometrie stellt in keiner Weise ein Abbild oder eine Repräsentation un- abhängig existierender (bzw. idealisierter) Gegenstände oder gar des Raumes selbst“ ” dar, sondern ist die Konsequenz einer Verweisstruktur, die nur ausgedehnte Körper als Referenten besitzt und den Axiomen der KEM genügt. Es handelt sich also um eine Art Toy-Modell für die Erzeugung eines Symbolsystems. (Analoges gilt für die Boolesche Algebra, welche weniger den Gesetzen des Denkens“ ” oder einer reinen Logik (Boole 1854, Frege 1879/2018) entspricht, sondern aus dem oben genannten Verfahren unter Hinzufügung gewisser Postulate gewonnen werden kann.) 99 3 Der relationale Aufbau der Gegenstände

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Naturphilosophie I: Atome In der mereologischen Rekonstruktion der Geometrie gingen wir vom Begriff der ausge- dehnten Kugel aus. In einem solche System wird typischerweise davon ausgegangen, dass jeder Körper im Raum einen ausgedehnten, echten Teil besitzt; und da wir die Teilseins- relation für transitiv halten (M2), besitzt er sogar unendlich viele Teile (ein Kontinuum ist ewig teilbar). Dies muss aber nicht für alle mereologischen Systeme der Fall sein. Man spricht von einer atomistischen Mereologie, wenn gefordert wird, dass die Teil- seinsrelation letztlich an einer Stelle abbricht“, nämlich im Bereich der Atome. Die ” Frage nach der Atomizität ist zwar nicht auf sie eingeschränkt, bezieht sich aber meist auf die materielle Konstitution von Objekten. Neben den Axiomen der minimalen Me- reologie (M1 - M3) wird hier zusätzlich gefordert, dass es Objekte ( Atome“) gibt, die ” keinen echten Teil besitzen: at x ⇔ ¬∃z(z x). (3.23) Eine Konsequenz daraus ist, dass Atome, die überlappen identisch sein müssen. Aus der Atomizität von x und y folgt mit der Definition des Überlapps, dass nur der triviale Fall z = x = y wahr sein kann: at x ∧ at y ∧ ∃z (z < x ∧ z < y) → z = x = y. (3.24) Die Auffassung, dass alles in Atome zerfällt, lässt sich durch AM1: ∀y∃x (at x ∧ x < y) ausdrücken: Wenn ein beliebiges Objekt y das Atom x zum Teil hat, so ist x entweder identisch zu y (dann wäre y selbst ein Atom) oder x ist ein echter Teil von y. Aus M3 folgt, dass dann ein z, das disjunkt zu x ist, existiert. Für dieses z gilt jedoch selbst wieder AM1, womit die Teilung solange fortgesetzt werden kann, bis y gänzlich in eine Menge aus Atomen zerfallen ist 11 . Besonders ausdrucksstark wird AM1, wenn zusätzlich das starke Supplement M5 gel- ten soll. Dieses hat zur Konsequenz, dass Objekte aus denselben Teilen identisch sind. Somit folgt, dass Objekte, die aus denselben Atomen gebildet werden, identisch sind. Diese Eigenschaft wurde von Nelson Goodman als Hyperextensionalität“ bezeichnet, ” 100 3 Der relationale Aufbau der Gegenstände

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was ein e hinreichende Bedingung für den Nominalismus darstelle: A system is no- ” minalistic [...], if no two of its entities are generated from exactly the same atoms.“ (Goodman 1958, S. 65.). Interessant sind insbesondere auch die kompositionalen Aspekte der atomistischen Mereologie. Unter Berücksichtigung von M14 (bzw. M24 für unendliche Systeme) gilt für atomistische Mereologien nämlich nicht nur AM1, dass alles in Atome zerfällt, sondern auch die komplementäre Aussage, dass jedes Objekt identisch zur Summe seiner Atome ist12 : X y= x(x y ∧ at x). (3.25) Dies ist aber ganz erstaunlich, bedeutet es nichts anderes, als dass ein Objekt durch dessen Atome eindeutig festgelegt ist. Dies erscheint ganz natürlich, wenn wir an die materielle Konstitution von Gegenständen denken, wie sie etwa im klassischen Atomis- mus des 19. Jahrhundert ihren Ausdruck fand. Eine mereologische Analyse muss jedoch nicht auf materielle Konstitution von Ge- genständen beschränkt sein, es könnte sich etwa um die Beziehungen Substrat-Funktion, Organe-Organismus oder Begriff-Urteil handeln (Prentner 2018a). Eine Veranschauli- chung liefert das Urteil Kopf und Stiel sind die Teile des Besens“. Nun könnte man sich ” fragen, inwieweit denn der Kopf und der Stiel den Begriff des Besens auf eindeutige Weise festlegen? Offensichtlich scheint es auch andere Zerlegungen zu geben, die auf dasselbe Objekt führen – etwa der Besen ist die Summe aller Holz- und Strohmoleküle“. ” Eine (extensionale) atomistische Mereologie stellt nun sicher, dass es keine alternative Bestimmung desselben Objekts bezüglich seiner Teile gibt, die zu neuen Bedeutungen führen könnte, so etwa wenn die Objekte Besen = Kopf + Stiel“ und Besen = Summe ” ” aller Holz- und Strohmoleküle“ auf zwei unterschiedliche Gegenstände verweisen würden. Sie macht dies indem sie Atome definiert (in diesem Fall die Moleküle, nicht aber Kopf und Stiel) und zusätzlich Hyperextensionalität fordert. Atomistische Mereologien stehen also oft in einem Spannungsverhältnis zu pluralistischen Ontologien. Die Alternative ist eine kontextuelle Auffassung: als materielle Objekte sind Kopf und Stiel in Moleküle zerlegbar, als Begriffe sind sie es nicht (unbedingt). Ohne einen übergeordneten Kon- text macht die Rede von unterschiedlichen Zerlegungsweisen (desselben Gegenstandes) 101 3 Der relationale Aufbau der Gegenstände

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möglicherweise gar keinen Sinn. Ob etwas z.B. atomar ist (im Sinne eines nicht-weiter teilbaren Objektes) hängt davon ab unter welchen Gesichtspunkt wir es betrachten wol- len. Die Welt ist (eventuell) kein Kontinuum. Es verhält sich aber nicht so, dass wir im einen Fall einer Idealisierung aufgesessen sind (die kontinuierliche Geometrie), im anderen aber darstellen, wie die Welt nun wirklich beschaffen sei. Vielmehr handelt es sich einfach um zwei unterschiedliche Zeichensysteme, mit unterschiedlichen Regeln. Die Frage nach dem richtigen ist die falsche. Naturphilosophie II: Funktionen und Summen Am Beispiel der Funktionalistischen Mereologie soll nun untersucht werden, was eine Erweiterung der mereologischen Operationen (nicht deren Axiomen) für die Mereologie bedeutet. Dazu wird eine neue Relation, die des funktionalen Teilseins, eingeführt. Dies impliziert, dass die Redeweise ist Teil von“ nicht mehr nur durch die primitive ” Relation < ausgedrückt werden kann, sondern weiter qualifiziert werden muss: x ist genau dann ein Teil von y, wenn x und y in einem bestimmten funktionalen Verhältnis zueinander stehen. Das Herz ist ein Teil des Organismus, genau deswegen, weil es eine wichtige Funktion erfüllt (nämlich den Blutkreislauf zu ermöglichen), die zum Erhalt des Organismus beiträgt: FM1: x <F y ⇔ x y ∧ f (x, y) 13 Das Herz nimmt eine bestimmte Funktion in Bezug auf den Organismus ein. Dabei spielt die Tatsache, dass das Herz beim Menschen hinter dem Brustbein zu finden ist, keine Rolle abgesehen davon, dass die Lokalisierung hinter dem Brustbein eine (wahrschein- lich kontingente) Bedingung für die Realisierung der Funktion pumpt Blut durch den ” Körper“ darstellt (weil z.B. sonst nicht genügend Platz für das Organ wäre). Hier drückt sich das Motiv der (immer nur relativen) Unabhängigkeit der Funktion vom Substrat aus 14 . Man kann sich ja vorstellen, dass die Funktion f auch anders realisiert werden könnte, als durch ein inneres Organ, das hinter dem Brustbein sitzt und aussieht wie ein Herz (etwa durch ein künstliches Pumpsystem außerhalb des Körpers). Welche Konsequenzen hat dies für die Transitivität der modifizierten Teilseinsrelati- 102 3 Der relationale Aufbau der Gegenstände

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on? Das Herz ist Teil des Organismus, welcher selbst Teil eines größeren Ökosystems ist. Daraus folgt aber nicht, dass das Herz selbst Teil des Ökosystems ist, da dessen Funktion nur relativ zum Erhalt eines bestimmten Einzelorganismus relevant ist, aber nicht direkt zum Erhalt des Ökosystems selbst beiträgt. Man könnte sich etwa vorstellen, dass ein äquivalentes Ökosystem von einer Menge an herzlosen Robotern realisiert würde, wel- che das exakt selbe Verhalten an den Tag legen. Andere Beispiele für das Vorkommen intransitiver Teilseinsrelationen finden sich beispielsweise bei Nicholas Rescher (1955, S. 10): Teile einer Organisation (Personen) sind nicht immer auch Teile der entsprechen- den Dachgesellschaft und Mitochondrien sind Bestandteile von Zellen, aber nicht (im gleichen Sinne) Bestandteile des Gesamtorganismus. Etwas formaler: Sei x <F y und y <F z, dann gilt wegen M2 zwar, dass x < z aber aus f (x, y) ∧ f (y, z) folgt nicht automatisch, dass f (x, z) und somit nicht x <F z. In anderen Worten: Die Transitivitätseigenschaft ist für die Teilseinsrelation FM1 nicht mehr (axiomatisch) festgelegt, sondern hängt von der Struktur von f (x, y) ab. Von besonderem Interesse ist der Fall, wo wir davon sprechen, dass die Inhalte unserer Wahrnehmung zwar Teile eines mentalen Zustands sind und dass solche Zustände im Gehirn realisiert sind, die Bewusstseinsinhalte aber nicht Teile des Gehirns sind (oder in diesem gefunden werden können). Darauf wies etwa schon Fred Dretske (1995, S. 35) hin: Geschichten finden sich zwar in Büchern, aber was in diesen Geschichten passiert, das passiert nicht in den Büchern 15 . In vielen realistischen Situationen sind wir also mit der Präsenz mehrerer (paral- lel vorhandener) Teilseinsrelationen konfrontiert, wobei manche transitiv sind, andere nicht. Eine analoge Situationen betrifft die Existenz mereologischer Summen. Da Teile mit ihrem Ganzen immer auch überlappen, gilt mit der Definition aus FM1, dass sie funktional überlappen“: ” x <F y → x ◦ y ∧ f (x, y) ⇔ x ◦F y. (3.26) Die Intuition, dass nur solche Objekte eine mereologische Summe bilden, die in einem solchen Funktionalverhältnis zueinander stehen, kann dann wie folgt ausgedrückt werden: FM2: x ◦F y → ∃!(x + y). 103 3 Der relationale Aufbau der Gegenstände

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Nur falls zwei Objekte funktional überlappen, existiert die mereologische Summe aus ihnen. Eine weitere Möglichkeit, mereologische Untersuchungen zu erweitern, ist das Einführen neuer Relation. Paradigmatisch wurde dies z.B. im Rahmen der Mereotopologie (Smith 1996, Casati & Varzi 1999, Prentner 2019) gemacht, wo zusätzlich zur Teil-Ganzes- Beziehung, Beziehungen des Raumes betrachtet werden. Räumliche Repräsentationen, also Darstellungen der räumlichen Verhältnisse zwischen Objekten (bzw. deren Tei- len), werden weder durch rein mereologische noch durch rein topologische Konzep- te vollständig beschrieben: Räumliche Beziehungen sind nicht notwendigerweise Teil- Ganzes-Beziehungen und Beziehungen zwischen räumlichen Objekten sind nicht not- wendigerweise Beziehungen im Raum. Eine zentrale Rolle spielt hier der Begriff der (topologischen) Berührung (Engl. connection), C(x, y). Zusammen mit der Teilseins- relation, so die Hoffnung, ergibt sich eine reichhaltigere Struktur, die über eine reine mereologische (teilseinsbezogene) bzw. topologische (räumliche) hinausgeht. Von Whitehead (PNK, Kap. VIII) stammt dabei ein Versuch topologische auf me- reologische Beziehungen zurückzuführent: C(x, y) ⇔ ∃z [x ◦ z ∧ y ◦ z ∧ ∀w (w < z → w ◦ x ∨ w ◦ y)] (3.27) Zwei räumliche Objekte ( Gebiete“) x, y berühren sich genau dann, wenn mindestens ” ein gemeinsames Überlappendes z existiert, dessen Teile mit x. Allerdings existiert auch die umgekehrte Strategie, also Topologie auf Mereologie zurückzuführen, oder beide als gleichberechtigte Relationen zu verwenden (Casati & Varzi 1999)[Kap. 4]. Unabhängig welcher Vorgehensweise man nun folgen will, ist eine mögliche Anwendung, ähnlich wie im Fall von FM2, die Bildung von Summen einzu- schränken: Nur Objekte, die berühren, können summiert werden (der Rumpf und die Glieder lassen sich summieren, die Glieder allein nicht): MT: C(x, y) ⇔ ∃z = x + y. 104 3 Der relationale Aufbau der Gegenstände

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3.3 Projektive Mereologie Dass etwa die Psychologie im 19. Jahrhundert versuchte, einige Phänomene mithilfe der Mereologie zu klassifizieren (und somit erstmals zu formalisieren, siehe Smith & Mulligan 1982), erscheint manchen vielleicht nur noch als Kuriosum einer Frühphase einer Wissenschaft. Doch langsam finden mereologische Überlegungen Eingang in die Kognitions- (Eschenbach et al. 1994) und Sprachwissenschaft (Moltmann 1999). Neu- erdings ist auch im Rahmen der angewandten Ontologie“ (Munn & Smith 2008) in ” den Informationswissenschaften außerhalb eines rein philosophischen Kontextes wieder vermehrt die Rede von Mereologie. Dadurch erhalten auch die Fragen, nach dem Wesen der Teilseinsrelation, ob der Atomismus falsch ist oder ob ein Kalkül, das die Transitivitätseigenschaft nicht be- sitzt, überhaupt sinnvoll ist, einen neuen Status: Solange keine internen Inkonsistenzen auftreten, besteht gar keine Veranlassung solche Systeme von vornherein zu verwerfen. Wenn wir zudem die Auffassung vertreten, dass es bei mereologischen Analysen primär darum geht, die Strukturiertheit von Verweissystemen zu untersuchen, aus denen sich unterschiedliche (und potentiell unbegrenzt viele) symbolische Repräsentationen ableiten lassen, dann sind wir zu einer liberalen Haltung gegenüber der Zulässigkeit verschiede- ner mereologischer Systeme aufgefordert. Dass durch Tarski die KEM und die Boolesche Algebra als strukturgleiche Aussagenverbände rekonstruiert werden konnten, bestärkt einen vielleicht sogar in einer pluralistischen und konstruktivistischen Auffassung. Nun ist es aber die eine Sache – entsprechend Husserls Idee regionaler Ontologien“ –, eine ” Vielzahl unterschiedlicher Verweissysteme zu erarbeiten, die mehr oder weniger nützlich sein können, wenn sie auf bestimmte Gegenstandsbereiche angewandt werden. Die an- dere Sache ist es, die Bedingungen der Möglichkeit zu untersuchen, unter denen solche Verweissysteme entstehen können. Im Folgenden soll zuerst die Unterscheidung zwischen kompositionalen und zerle- genden ( projektiven“) Ansätzen vorgestellt werden. Die Frage, was denn eigentlich ein ” Objekt überhaupt ausmacht, wird dabei einen zentralen Platz einnehmen. 105 3 Der relationale Aufbau der Gegenstände

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Komposition und Zerlegung Wir wollen wiederum die Kritik von Casati & Varzi (1999) aufgreifen, wonach das Wesen oder die Natur von Teilen und Ganzheiten in der Mereologie ungeklärt bliebe. Hierzu seien kurz drei Thesen vorgestellt, die im Anschluss noch weiter explizieren werden: 1. Objekte seien als Resultate von Prozessen aufzufassen. Spezifischer soll gelten, dass Teile als abgeleitete, Ganzheiten als primäre Objekte relativ zu einer Operation der Projektion zu verstehen sind. 2. Einige dieser Objekte, falls sie strukturellen und anderen Kriterien genügen, werden zu Zeichen, die auf konkrete Gegenstände verweisen. Verweisende Ganzheiten, die aus mehreren Teilen bestehen, sind Summen; verweisende Objekte werden selbst- ständige Teile genannt. 3. Objekte als je abtrennbar zu betrachten, entspricht einer Idealisierung, die z.B. übersieht das Prozesse einer Einbettung bedürfen, in denen sie sich vollziehen. Eine solche Einbettung kann als der Kontext bezeichnet werden, bezüglich dessen Objekte emergent sind. Die Frage nach der Natur mereologischer Objekte führt auf zwei mögliche Ansätze. Zum einen der kompositionale Ansatz, der von der Existenz wohldefinierter Objekte ausgeht und nach den angemessenen Bedingungen ihrer Summierung fragt: Seien x und y zwei Objekte. Unter welchen Bedingungen kann gesagt werden, dass die mereologische Summe ζ = x+y existiert? In M9 fanden wir die Ansicht ausgedrückt, dass mereologische Summen immer dann existieren, wenn die Teile x und y überlappen; M14 postulierte die Existenz solcher Summen sogar dann, wenn dies nicht der Fall ist. Dies ist eine (oftmals auch kritisierte) Annahme, die in klassischen mereologischen Systemen häufig gemacht wird. In Simons (1987, Kap. 3) findet sich die Idee, die Zulässigkeit der mereologischen Summenbildung von einem Integrationskriterium abhängig zu machen: Mereologische Summenbildung ist nur dann erlaubt, wenn die Objekte zusätzlich in einer bestimm- ten (nicht-mereologischen) Relationen zueinander stehen. Im letzten Abschnitt haben 106 3 Der relationale Aufbau der Gegenstände

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wir etwa funktionale Kriterien kennen gelernt (vgl. FM2), die Motivation dafür ist eine naturphilosophisch-empirische. Ein anderes wichtiges Kriterium knüpft die Zulässigkeit mereologischer Summation an das Vorhandensein einer Berührungsrelation (vgl. MT2), die eine schwächere Beziehung als mereologischer Überlapp darstellt (Überlapp impliziert Berührung aber nicht umgekehrt). Diese Ideen können als Versuche betrachtet werden, zulässige Ganzheiten näher zu charakterisieren: Ganzheiten sind mereologische Summen, deren Teile ein bestimmtes Integrationskriterium, I, erfüllen, I(x, y) ⇔ ∃ζ = x + y, (3.28) unter der Annahme, dass die Objekte x und y gegeben sind. Komplementär dazu steht die Vorstellung, dass Objekte erst in ganz bestimmten Kontexten als Teile einer (als primär genommenen) Ganzheit ζ in Erscheinung treten; sie müssen als Teile erst hervortreten. Formal ausdrücken lässt sich dies durch die Aussage, dass x genau dann ein Teil von ζ ist, wenn es sich aus einer Projektion“ von ζ ergibt16 : ” ∀ζx (x < ζ ⇔ ∃P̂ (x = P̂ ζ)). (3.29) P̂ ist dabei ein höherrangiges Objekt, welches – abgesehen von der Erzeugungsrelation in Gl. (3.29) – nicht zu x oder ζ, möglicherweise aber zu anderen Operatoren in einem mathematischen oder mereologischen Verhältnis stehen kann. Wichtig ist, dass es keine starre Zuordnung zwischen den Objekten x und ζ sowie dem Projektor P̂ gibt. Derselbe Projektor kann mehreren Objekten zugeordnet werden. Wenn wir in der Welt Teile vorfinden, impliziert dies jedoch, dass diese sich notwendig auf ein Ganzes beziehen und als Teile nicht isoliert von diesem vorkommen. Wir können sagen, dass diese Teile aus einem Ganzen erzeugt“ wurden, wobei dies in erster Linie ” auf eine konzeptuelle und weniger auf eine physikalisch-konstitutive Relation weist. Das Verhältnis von ζ, P̂ und x entspricht, metaphorisch gesprochen, dem eines Steinblocks, aus dem mehrere Objekte herausgeschlagen werden können. Die Teil-Ganzes-Beziehung wird dann durch die Struktur der Projektor-Algebra näher festgelegt. Insbesondere sollen Aussagen über Teil-Ganzes-Beziehungen zwischen 107 3 Der relationale Aufbau der Gegenstände

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I Ganzheiten ζ P P̂ Teile x, y Abbildung 3.3: Kompositionale und zerlegende Ansätze im Vergleich. Pfeile bezeichnen jeweils den Übergang von primären zu abgeleiteten Objekten. Objekten als Aussagen über die Erzeugungsrelationen bzw. die entsprechenden Projek- toren geschrieben werden. Dies kann durch gerichtete Graphen dargestellt werden. Die mereologische Struktur entspricht dabei einem Netzwerk, das aus Knoten (den mereologischen Objekten) und gerichteten Verbindungen (den Projektoren) zwischen diesen besteht. Gegeben die Ganz- heit ζ, ist die Existenz eines Teiles, gleichbedeutend mit der Existenz eines erzeugenden Projektors, was letztlich Gl.(3.29) entspricht. Analog lassen sich auch andere mereolo- gischen Operationen als Kombinationen von solchen Projektoren darstellen. Explizit sei dies hier für den mereologischen Überlapp angeführt: x ◦ y ⇔ ∃z (z < x ∧ z < y) ⇔ ∃P̂j P̂k (P̂j x = P̂k y), (3.30) respektive x o y ⇔ ¬x ◦ y ⇔ ¬∃z (z < x ∧ z < y) ⇔ ∀P̂j P̂k (P̂j x 6= P̂k y). (3.31) Durch diese Darstellung sollen bestimmte Eigenschaften der Teil-Ganzes-Beziehung ex- plizit als Folge der (Un)möglichkeit der Zerlegung von Ganzheiten gedeutet werden. Dazu seien komplexe Ausdrücke wenn möglich in objekt-freier“ Form darzustellen, was ” bedeutet, dass sie nicht mehr auf ein bestimmtes Objekt x, mit diesen und jenen Eigen- schaften Bezug nehmen, sondern für alle Zerlegungen generischer Objekte zutreffen. Falls lediglich ausgedrückt werden soll, dass ein Projektor P̂ existiert, der ein Objekt ζ in (ansonsten unbestimmte) Teile z erzeugt, soll folgende Kurzschreibweise eingeführt werden17 : ∃P̂ ≡ ∃P̂ (z = P̂ ζ). (3.32) 108 3 Der relationale Aufbau der Gegenstände

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Grundlegende Axiome Im nächsten Schritt lassen sich die fundamentalen mereologischen Axiome untersuchen. Ein erstes Axiom besagt, dass Projektoren idempotent sind: ∀P̂ (P̂ P̂ ζ = P̂ ζ) ⇔ P̂ n = P̂ . (3.33) Die Idempotenz ist gleichbedeutend damit, dass mehrmalige Anwendung desselben Pro- jektors auf dasselbe Objekt führen soll. Zusätzlich sei Projektion assoziativ bezüglich Multiplikation und distributiv bezüglich der Summation18 , d.h., dass P̂1 P̂2 P̂3 = P̂1 P̂2 P̂3 bzw. P̂1 + P̂2 ζ = P̂1 ζ + P̂2 ζ. (3.34) Insbesondere gilt19 , dass P̂ ζ = x → P̂ x = x. (3.35) Gl. (3.35) ist dabei äquivalent zum Reflexivitätsaxiom x < x. Eine wichtige Eigenschaft der Teilseinsrelation ist deren Transitivität (vgl. Axiom M1). Ein erster Versuch, diese Eigenschaft in den Projektorformalismus zu übersetzen, wäre: (x = P̂1 y) ∧ (y = P̂2 ζ) → x = P̂12 ζ mit P̂12 = P̂1 ◦ P̂2 = P̂1 P̂2 (3.36) Nun gilt aber, dass das Produkt aus zwei Projektoren genau dann selbst ein Projektor ist, falls die zwei Projektoren kommutieren, d.h. falls h i P̂1 , P̂2 = 0 ⇔ P̂1 P̂2 ζ = P̂2 P̂1 ζ , (3.37) da nur so die Idempotenzeigenschaft von P̂12 garantiert ist20 . Dies ist eine natürliche Einschränkung der Teil-Ganzes-Beziehung: Intuitiv sind zum Beispiel materielle Teile von funktionalen Teilen nicht notwendigerweise identisch zu den funktionalen Teilen von materiellen Teilen etc. Nicht-Kommutativität von Projektoren ist also eine mögliche formale Darstellungsweise der heuristischen Aussage, dass es verschiedene Arten von ” (nicht-transitiven) Teilseinsrelationen“ existieren. 109 3 Der relationale Aufbau der Gegenstände

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Es folgt schließlich die objekt-freie Darstellung des Transitivitätsaxioms zu: h i ∃P̂1 P̂2 P̂1 , P̂2 = 0 → ∃P̂12 (P̂12 = P̂1 P̂2 ). (3.38) Eine zweite fundamentale Eigenschaft der (echten) Teil-Ganzes-Beziehung war deren Asymmetrie (M2). Intuitiv bedeutet dies im Projektorformalismus, dass es unmöglich ist, einen Teil auf sein Ganzes rückzuprojizieren“: ” (x 6= y ∧ x = P̂ y) → ¬(y = P̂ 0 x) (3.39) Auch dies soll im nächsten Schritt objekt-frei formuliert werden. Es sei dabei davon ausgegangen, dass x und y zwei verschiedene Objekte bezeichnen. Wären sowohl x = P̂ y als auch y = P̂ 0 x wahr, so würde folgen, dass x = P̂ P̂ 0 x. Dies gilt es, durch das Asymmetrieaxiom auszuschließen, welches sich objekt-frei wie folgt darstellen lässt: ∃P̂ → ¬∃P̂ 0 (P̂ P̂ 0 = 1 ∧ P̂ 6= P̂ 0 ). (3.40) Der Ausdruck in Gl. (3.40) unterscheidet sich von der ursprünglichen Formulierung von M2 dadurch, dass er sich auf alle möglichen Projektionen eines generischen Objektes be- zieht, während in der KEM Asymmetrie nur für den Fall der echten Teilseinsrelation () gilt, nicht aber für die uneingeschränkte Teil-Ganzes-Beziehung, in der möglicherweise x = y gilt. Anstelle diese Unterscheidung auf die Nicht-Identität der betreffenden Objekte zurück- zuführen, wurde daher die Bedingung P̂ 6= P̂ 0 eingeführt, die sich nur auf die entspre- chenden Projektoren bezieht. Dabei sind zwei mögliche Szenarien denkbar, die sich wie folgt als Graphen veranschaulichen lassen: •T % P̂ Pˆ0 P̂ •e P̂ 0 • Dabei entspricht • einem Objekt, während die gerichteten Pfeile den Projektoren (Teil- Ganzes-Beziehungen) entsprechen. Die linke Situation wird durch Gl. (3.40) ausgeschlos- sen, die rechte ist jedoch wegen P̂ = P̂ 0 zulässig (und entspricht dann dem Fall x = y) 21 . 110 3 Der relationale Aufbau der Gegenstände

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3.4 Objektivität Anders als in den kompositionalen Ansätzen, in denen wir davon ausgehen können, dass Objekte x und y vorliegen, die sich als Summen zu neuen Ganzheiten kombinieren lassen, muss in der projektiven Mereologie zuerst geklärt werden, was überhaupt unter einem guten“ Objekt zu verstehen sei. ” 1. Identität Objekte sind mit sich selbst und nur mit sich selbst identisch. Die wohl bekanntesten Prinzipien der Identität gehen auf Leibniz zurück. Einerseits das Prinzip der Identität des Ununterscheidbaren (principium identitatis indiscernibilium) und andererseits das- jenige der Ununterscheidbarkeit des Identischen: pii : ∀A A(x) ⇔ A(y) → x = y pui : x = y → ∀A A(x) ⇔ A(y) Wenn für alle möglichen Eigenschaften gilt, dass sie für x genau dann zutreffen, wenn sie auch für y zutreffen, so sind x und y identisch (bzw. umgekehrt). Oft wird angenommen, dass pii ⇔ pui gilt, was vielleicht intuitiv der Fall, aber logisch nicht zwingend notwendig ist22 . Dies soll nun auf die Darstellungswiese der projektiven Mereologie übertragen wer- den, wobei anstelle der generischen Eigenschaft A lediglich von Teil-Ganzes-Beziehungen als möglichen Eigenschaften ausgegangen werden soll. Das pii folgt zu: ∀P̂ (P̂ x = P̂ y) → x = y, (3.41) und das pui zu: x = y → ∀P̂ (P̂ x = P̂ y). (3.42) Wir wollen dies nun mit Blick auf die Idee betrachten, wonach Objekte die Resultate von Prozessen sind. Es sei dazu angenommen, dass x aus der Anwendung eines Projektors P̂x gewonnen werden kann (und analog für y): x = P̂ ζ, y = P̂ 0 ζ. (3.43) 111 3 Der relationale Aufbau der Gegenstände

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Wir wollen nun zeigen, wie die Identität von Objekten mit der Beziehung zwischen ihren erzeugenden Projektoren, P̂ und P̂ 0 , zusammenhängt. Einsetzen in pui führt auf: x = y → ∀P̂i (P̂i P̂ ζ = P̂i P̂ 0 ζ) (3.44) = ¬∃P̂i (P̂i P̂ ζ 6= P̂i P̂ 0 ζ) (3.45) falls also x und y identisch sind, dann kann kein zweiter Projektor P̂i auf die Projektionen P̂ und P̂ der Ganzheit ζ angewendet werden, der uns einen Unterschied erkennen lässt. Dieses Resultat lässt sich nun im Rahmen der Projektorenalgebra weiter untersuchen. Es sei etwa der Spezialfall betrachtet, wo P̂i = P̂ . Dann folgt aus der rechten Seite von Gl. (3.44) wegen der Idempotenz des Projektionsoperators: P̂ P̂ ζ = P̂ 2 ζ = x = P̂ P̂ 0 ζ, (3.46) und analog für P̂i = P̂ 0 : P̂ 0 P̂ ζ = y. (3.47) Aus der Gleichheit von x und y folgt daher, dass x = y → P̂ P̂ 0 ζ = P̂ 0 P̂ ζ . (3.48) Gl. (3.48) lässt sich unter Verwendung des Kommutators aus Gl. (3.37) schreiben zu: h i x = y → P̂ , P̂ 0 = 0. (3.49) Dies ist trivial für den Fall, wo davon ausgegangen werden kann, dass P̂ = P̂ 0 , aber nicht für den Fall, wo dies nicht mehr gilt (weil es etwa mehrere Projektoren, P̂1 , P̂2 , auf dasselbe Objekt x gibt). Eine interessante Konsequenz lässt sich aus der Kontraposition ziehen: h i P̂ , P̂ 0 6= 0 → x 6= y, (3.50) d.h. Objekte, deren erzeugende Projektoren nicht kommutieren, sind verschieden. Insbe- sondere lassen sich Aussagen zur Verschiedenheit von Objekten mithilfe von Gl. (3.50) rekonstruieren. 112 3 Der relationale Aufbau der Gegenstände

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2. Art des Verweisen Das zweite Kriterium für mereologische Objektivität bezieht sich auf die Interpretation der Mereologie als Verweissystem und betrifft das Vorhandensein eines Verweises auf einen (konkreten) Gegenstand. Eine wichtige Unterscheidung geht auf Husserl (LU, III.2) zurück, der von selbstständigen ” und unselbstständigen Teilen“ spricht (siehe auch Simons 1987, Kap. 8 und 9): Während die Existenz selbstständiger Teile nicht abhängig von der Existenz anderer Objekte ist, gilt dies gerade nicht für unselbstständige Teile, die in ihrer Existenz auf die Ganzheit angewiesen sind, in der sie vorkommen. Umgelegt auf das vorgestellte Kalkül soll dies bedeuten, dass unselbstständige Teile nicht selbst auf einen konkreten Gegenstand verweisen, sondern nur innerhalb eines (übergeordneten) Verweissystems (d.h., als Teile eines Verweises) existieren. So wird z.B. im nächsten Kapitel gezeigt werden, dass die Unterscheidung zwischen selbstständigen Objekten und unselbstständigen Teilen eine Reihe an neuartigen Überlegungen bei der Beschreibung von Wahrnehmungsphänomenen ermöglicht, wo (selbstständige) Zeichen ihren (unselbstständigen) Teilen gegenüberstehen. In Abb. 3.4 ist das grundlegende Schema dargestellt: Während das selbstständige Objekt x auf einen konkreten Gegenstand verweist, ist dies nicht der Fall für den un- selbstständigen Teil y. Insbesondere muss nicht gelten, dass y auf einen Gegenstand Gy verweist, der in einer Beziehung zum Gegenstand Gx steht, die isomorph zu P̂ wäre. Motiviert ist dies durch das Beispiel der Wahrnehmungsqualitäten: Es bezeichne x ein wahrgenommenes Objekt und y dessen Farbe; y wird im Allgemeinen nicht auf einen (unabhängigen) Gegenstand verweisen (etwa auf die Farbe“); oder es bezeichne x ein ” wahrgenommenen Ton und y dessen Lautstärke; y wird im Allgemeinen nicht auf einen (unabhängigen) Gegenstand namens die Lautstärke“ verweisen. Anders gesagt, sind die ” wahrgenommenen Qualitäten von Objekten solche unselbstständigen Teile. (Die Unter- scheidung selbstständig/unselbstständig ersetzt gewissermaßen die alte Unterscheidung Subjekt/Prädikat.) 113 3 Der relationale Aufbau der Gegenstände

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Ref. xo / Gx P̂ yo × / Abbildung 3.4: Verweisende Objekte x und unselbstständige Teile y = P̂ x, die selbst auf keinen Gegenstand verweisen. Höhere Existenzweisen In der KEM werden weitere Einschränkungen der Teil-Ganzes-Relation zum Beispiel durch mereologische Supplemente ausgedrückt. Als schwächstes, quasi-analytisches Kri- terium haben wir das schwache Supplement (M3) kennen gelernt: x y → ∃z (z y ∧ z o x), (3.51) wenn x ein echter Teil von y ist, dann existiert auch ein zweiter echter Teil z, der disjunkt zu x ist. Dies lässt sich nun wie folgt in den Projektorformalismus übertragen (vgl. Gl. 3.31): ∃P̂ (x = P̂ y) → ∃z z = P̂ 0 y ∧ ∀P̂j P̂k (P̂j z 6= P̂k x) . (3.52) (Dabei ist zu beachten, dass x und y in der ursprünglichen Formulierung des schwachen Supplements in M3 in einer echten Teil-Ganzes-Beziehung stehen, also verschieden sind, was in Gl. (3.52) jedoch nicht näher spezifiziert wird. Dies ergibt sich aber automatisch aus dem Folgenden.) Einsetzen von x = P̂ y und z = P̂ 0 y in die rechte Seite von Gl. (3.52) transformiert die Gleichung in eine Aussage, über die Zulässigkeit von Projektionen eines generisches Objektes y: ∃P̂ (x = P̂ y) → ∃P̂ 0 ∀P̂j P̂k z = P̂ 0 y ∧ (P̂j P̂ 0 y 6= P̂k P̂ y) . (3.53) h i (Aus ∀P̂j P̂k (P̂j P̂ 0 y = 6 P̂k P̂ y) folgt mit P̂j = P̂ und P̂k = P̂ 0 zudem, dass P̂ , P̂ 0 6= 0, was automatisch die Nichtidentität von x und z impliziert.) Mit der Kurzschreibweise aus Gl. (3.32) führt dies letztlich auf folgende objekt-freie Form: ∃P̂ → ∃P̂ 0 ∀P̂j P̂k P̂j P̂ 0 6= P̂k P̂ . (3.54) 114 3 Der relationale Aufbau der Gegenstände

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Das schwache Supplement wird somit zur Aussage über die mögliche Struktur eines Netz- werkes von Projektoren: Gegeben ein Projektor P̂ , dann existiert mindestens ein weiterer Projektor P̂ 0 , sodass alle darauf folgenden Projektionen zu unterschiedlichen Resultaten (P̂j P̂ 0 6= P̂k P̂ ) führen. Auch hier erweist sich die Kontraposition als nützlich23 : ∃P̂j P̂k ∀P̂ 0 P̂j P̂ 0 = P̂k P̂ → ¬∃P̂ , (3.55) d.h. wenn (mindestens) ein Paar, P̂j , P̂k , existiert, sodass für alle Projektoren, P̂ 0 , gilt, dass P̂j P̂ 0 = P̂k P̂ , dann kann P̂ keinen echten Teil erzeugen. Nun lässt sich anhand der graphischen Darstellung als Netzwerk leicht einsehen, dass durch Gl. (3.54) eine Reihe von Strukturen ausgeschlossen sind, etwa das triviale Modell, • P̂ P̂ 0 • oder • P̂ P̂ 0  P̂j • • P̂k0 u * j• P̂j0 P̂k •k  und unendliche Ketten“, in denen jeder Knoten eines Netzwerks mithilfe verschiedener ” Kombination von Projektoren, ausgehend von unterschiedlichen Knoten, erreicht werden kann. Betrachten wir den Spezialfall P̂j = P̂ und P̂k = P̂ 0 . Gl. (3.55) lässt sich nun verein- fachen zu: h i ∀P̂ 0 (P̂ P̂ 0 = P̂ 0 P̂ ) ⇔ ∀P 0 P̂ , P̂ 0 = 0 → ¬∃P̂ . (3.56) Falls also alle Paare von Projektoren eines Objekts kommutieren, erzeugen sie keine (echten) Teile, oder umgekehrt: Für jeden Projektor eines Objektes, existiert (mindes- tens) ein anderer nicht-kommutierender Projektor; einige Modelle, die auf diese Weise ausgeschlossen sind: 115 3 Der relationale Aufbau der Gegenstände

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/ O ? •O ? •O • P̂ P̂ 0 /•  oder •O O • • ? /•  ?• ? P̂ 0 • P̂ • /• / Im Prinzip können nun für alle weiteren Axiome der KEM objekt-freie Ausdrücke be- stimmt werden, so etwa für das starke Supplement (M5): Falls x kein Teil von y ist, dann existiert ein zu y disjunktes z, welches Teil von x ist, ¬(x < y) → ∃z (z < x ∧ z o y). (3.57) Unter Hinzuziehen der Erzeugenden P̂x und P̂y lässt sich dies analog wie zuvor aus- drücken: ∃P̂x P̂y ¬∃P̂ P̂x = P̂ P̂y → ∃P̂ 0 ∀P̂j P̂k P̂j P̂ 0 P̂x 6= P̂k P̂y . (3.58) Wir wollen diesen Ausdruck mit den Ersetzungen P̂x = P̂1 und P̂y = P̂2 etwas umschrei- ben und davon ausgehen, dass die Projektoren P̂1 und P̂2 existieren und zwei Objekte aus einer Ganzheit erzeugen, sodass gilt: ∀P̂ P̂1 6= P̂ P̂2 → ∃P̂ 0 ∀P̂j P̂k P̂j P̂ 0 P̂1 6= P̂k P̂2 . (3.59) Betrachten wir kurz den Spezialfall P̂j = P̂ 0 . Dies ist gerechtfertigt, da aus der rechten Seite von Gl. (3.59) wegen des Allquantors, folgt, dass → ∃P̂ 0 ∀P̂j P̂k P̂j P̂ 0 P̂1 6= P̂k P̂2 ∀P̂ P̂1 6= P̂ P̂2 (3.60) → ∃P̂ 0 ∀P̂k P̂ 0 P̂ 0 P̂1 6= P̂k P̂2 . (3.61) Die Kontraposition von Gl. (3.61) führt mit der Idempotenz, P̂ 0 P̂ 0 = P̂ 0 , auf: ∃P̂k ∀P̂ 0 P̂ 0 P̂1 = P̂k P̂2 → ∃P̂ P̂1 = P̂ P̂2 , (3.62) d.h., in Worten, falls jede Projektion des ersten Objekts durch einer Projektion des zwei- ten Objekts dargestellt werden kann, dann lässt sich die Beziehung P̂1 = P̂ P̂2 finden. Gilt nun auch der umgekehrte Fall, wonach jede Projektion aus dem zweiten Objekt durch 116 3 Der relationale Aufbau der Gegenstände

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mindestens eine Projektionen aus dem ersten erhalten werden kann, folgt in analoger Weise P̂2 = Q̂P̂1 . Wegen der Asymmetrie, muss jedoch gesamthaft gelten, dass P̂ = Q̂ = 1, (3.63) und somit: ∃P̂k P̂l ∀P̂ 0 (P̂ 0 P̂1 = P̂k P̂2 ) ∧ (P̂ 0 P̂2 = P̂l P̂1 ) → P̂1 = P̂2 . (3.64) Dies entspricht der Extensionalitätsforderung auf Ebene von Projektoren. Summation Zusammengefasst: Selbst-identische Objekte, die verweisen und eventuellen weiteren An- forderungen an deren Existenzweise genügen, sind Zeichen“ (Abb. 3.5). ” selbstständige Objekte, Zeichen 1. Identität 2. Verweis 3. (Existenzweise) Objekte Abbildung 3.5: Wohldefinierte mereologische Objekte ( Zeichen“) als Unterklasse aller ” Objekte. Der Hauptunterschied zwischen einem kompositionalen und zerlegenden Ansatz ist darin auszumachen, dass im ersteren von solchen Objekten ausgegangen wird, während zerlegende Darstellungen daran interessiert sind, wie Objekte (als Resultate von Opera- tionen) überhaupt erst erzeugt werden. Zuletzt sei an dieser Stelle auch noch etwas zur Existenz mereologischer Summen ge- sagt, deren Behandlung kompositionale und zerlegende Ansätze verbindet. Erstens gelte, dass mereologische Summen, so sie existieren, auf (konkrete) Gegenstände verweisen und 117 3 Der relationale Aufbau der Gegenstände

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in Strukturen entsprechend den Summationsprinzipien (z.B. M9, M14,FM2 oder MT2) eingebunden sind. Dies macht den Hauptunterschied zwischen mereologischen Summen und bloßen Klassen oder Mengen von Objekten aus. (Eine Klasse von Objekten ist kein Zeichen, eine Summe schon). Zweitens, kann ein zusätzliche hinreichende Bedingungen aus den fundamentalen Axiomen der projektiven Mereologie abgeleitet werden. So gilt etwa die Forderung, dass die Summe zweier Projektoren, selbst wiederum einen Projektor ergibt: (P̂1 + P̂2 )2 = P̂1 + P̂2 P̂1 + P̂2 (3.65) = P̂12 + P̂22 + P̂1 P̂2 + P̂2 P̂1 (3.66) = P̂1 + P̂2 + {P̂1 , P̂2 } (3.67) | {z } =α Nur für den Fall, dass der Antikommutator α gleich Null ist, gilt also, dass eine Summe von Projektoren ebenfalls wieder ein bezeichnendes Objekt beschreibt etc. 118 Anmerkungen zu Abschnitt 3

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Anmerkungen zu Abschnitt 3 1 Per Definition sind die Gegenstände, von denen die Mereologie handelt, als konkret anzu- nehmen, weshalb der Zusatz konkret“ nicht immer explizit erwähnt werden wird. ” 2 Genauer: Die Bedeutung der mereologischen Begriffe soll einzig und allein aus den axioma- tisch festgelegten Operationen folgen, die im Rahmen eines bestimmten Kalküls zulässig sind (vgl. etwa Smith & Mulligan 1983, S. 74). 3 Andere Notationen sind ebenfalls gebräuchlich. Beispielsweise wird in der Mereologie Leśniewskis die Teilseinsrelation als Funktion pt geschrieben. Die Aussage x ist Teil von y, im Kalkül nach Leonard & Goodman als x < y geschrieben, schreibt sich nach Leśniewski dann als x pt(y). Es ist eine Frage der Konvention, welcher Schreibweise man dabei den Vorzug geben will (Simons 1987, S. 22f). 4 Die (schwächere) Annahme, dass z lediglich verschieden von x sein müsste, scheint auf den ersten Blick zu genügen. Betrachtet man allerdings den Fall z x y, so sieht man, dass zwar z y ∧ z 6= x erfüllt ist, aber nicht z o x gilt; vergleiche eine unendliche Serie konzentrischer Kreise (y (x (z (. . .)))). 5 Zeige, dass z = (x + y) → x < z ∧ y < z, (3.68) nicht aber umgekehrt: Bereits intuitiv scheint klar zu sein, dass x ein Teil von x+y ist. Andernfalls wäre ¬ (x < (x + y)) wahr. Dann würde aber M5 besagen, dass ¬ (x < (x + y)) → ∃u (u < x ∧ u o (x + y)) . (3.69) Somit würde ein u existieren, für das gilt: u < x → u ◦ x, (3.70) und gleichzeitig: u o (x + y) ⇔ ¬(u ◦ (x + y)). (3.71) Aus der Existenz der binären Summe folgt aber, dass jedes Objekt, welches mit x überlappt, auch mit x + y überlappen muss. Es kann daher kein u geben, für welches sowohl (3.70) als auch (3.71) gilt. Analog gilt dies für y. Es folgt somit: z = x + y → x < (x + y) (3.72) z = x + y → y < (x + y) (3.73) ⇒ x < z ∧ y < z (3.74) 119 Anmerkungen zu Abschnitt 3

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Für die Widerlegung der umgekehrten Richtung genügt es, ein Gegenbeispiel zu konstruieren. Sei also x < z 0 ∧ y < z 0 , d.h. z 0 würde in Folge sowohl x als auch y überlappen. Es existiere zudem ein ξ < z 0 mit ξ o x ∧ ξ o y, dann gilt, wegen ξ < z0 → ξ ◦ z0, (3.75) dass ξ zwar mit z 0 , aber weder mit x noch y überlappt. Würde man also annehmen, z 0 sei identisch zur Summe x + y, widerspräche dies der Definition in Gl. (3.12), wonach alle Objekte, die mit dieser überlappen, auch mit x oder y überlappen müssen. Eine einfache Veranschaulichung, geht von ein Auto (z 0 ) aus. Dieses hat mehrere Teile, u.a. vier Räder (x, y), und einen Motor (ξ). Daraus folgt, dass es mit all diesen Teilen auch überlappt. Da der Motor aber nicht mit den Rädern überlappt, ist das Auto (z 0 ) nicht identisch zur mereologische Summe der vier Räder (x + y, unter der Annahme diese würde existieren). Aus der Existenz einer mereologische Summe z = (x + y) folgt zudem, dass diese die kleinste ” obere Schranke“ darstellt, für die gilt, dass ∀w (x < w ∧ y < w ⇔ z < w). (3.76) Das heißt, es gibt kein Objekt, welches sowohl x als auch y zum Teil hat, das nicht auch auch die Summe z = (x + y) zum Teil hätte. Beweis: Es sei x < w und y < w, aber ohne, dass w auch z zum Teil hat, also ¬(z < w). Mit M5 folgt dann, dass ¬(z < w) → ∃v (v < z ∧ v o w). (3.77) Aus v < z folgt, dass v ◦ z und somit v ◦ z ⇔ v ◦ x ∨ v ◦ y (Definition der Summe z). (3.78) Da aber sowohl x als auch y Teile von w sind, folgt daraus v ◦ w = ¬(v o w), (3.79) was im Widerspruch zur rechten Seite von Gl. (3.77) steht, und analog für die umgekehrte Richtung. 6 Dies könnte einen vielleicht dazu veranlassen zu sagen, dass Universum existiere als un- selbstständiger Teil. Das wäre vielleicht möglich, allerdings gilt dann einschränkend, dass es nur als regulative Idee existiert, nicht dass ihm ein konkreten Gegenstand entsprechen würde. 7 Von Tarski (1956) stammt eine alternative Definition der Fusion, nämlich als dasjenige ζ, für welches gilt: ∀x (F x → x < ζ) ∧ ∀y (y < ζ → ∃x (F x ∧ y ◦ x). (3.80) 120 Anmerkungen zu Abschnitt 3

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Die Definition in Gl. (3.80) ist vielleicht etwas zugänglicher als die aus Gl. (3.13): Alle Objekte, welche F erfüllen, sind Teil der Summe ζ und alle Teile von ζ überlappen mit mindestens einem Objekt, welches F erfüllt. Die Definitionen sind nicht äquivalent, wobei Definition (3.80) etwas stärker ist. Für den Fall, dass M1-M3, M5 gilt, bilden Sie jedoch ein äquvialentes Axiomensysten (Hovda 2009, S. 56). 8 Diese Klasse von Prädikaten F erfüllt folgende zwei Eigenschaften: • Distributivität: Jeder Teil von y verfügt über die Eigenschaft F , falls y darüber verfügt: (x y ∧ F y) → F x (3.82) • Kumulativität: Gilt ein Prädikat für x und y, gilt es auch für deren mereologische Summe: (F x ∧ F y) ⇔ F (x + y), (3.83) und allgemeiner für Fusionen: X ∀x (F x → Gx) ⇔ G x(F x) , (3.84) P d.h., falls die Summe x(F x) existiert (und nach M24 muss daher auch ∃xF x gelten), erfüllt die Summe jedes Prädikat G, genau dann, wenn für alle Summanden Gx aus F x folgt. 9 Die formalen mereologischen Definitionen finden sich in (Tarski 1956, S. 26). 10 Dies findet sich als erstes Postulat“ in (Tarski 1956) und gründet sich auf einem Resultat ” des Italienischen Mathematikers Mario Pieri von 1908, wonach eine minimale Axiomatisierung der Euklidischen Geometrie durch die Klasse der Punkte zusammen mit der Äquidistanzrelation gegeben ist (siehe Marchisotto & Smith 2007). 11 Das Gegenteil, nämlich die Auffassung, dass alles (bis ins Unendliche) teilbar ist, kann durch AM2: ∀y∃x (x y) ausgedrückt werden. Eine solche Mereologie, in der alles einen Teil hat, wurde von David Lewis (1991) als “gunky” bezeichnet. (Das Gegenteil, eine Mereologie, in der jedes Objekt immer Teil eines anderen ist, wurde als “junky” bezeichnet; Schaffer 2010). 12 Beweis: Sei y = (x1 + x2 + · · · + xn ) ein Objekt, das aus n Atomen {xi } gebildet ist, und sei zudem vk ein beliebiger Teil von y, vk < y → vk ◦ y ⇔ v ◦ (x1 + x2 + · · · + xn ). (3.85) 121 Anmerkungen zu Abschnitt 3

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Es lässt sich nun zeigen, dass vk entweder selbst eines der Atome xi ist oder ein Teilesumme der Atome von y darstellt. Wegen der Definition der mereologischen Summe aus Gl. (3.12) gilt: _ vk ◦ (x1 + x2 + · · · + xn ) ⇔ (vk ◦ xi ) (3.86) i d.h. vk überlappt mit mindestens einem der xi . Daraus folgt, dass mindestens ein z existiert, für das gilt z < vk ∧ z < xi (3.87) • Sei vk atomar. Dann wäre obige Gleichung nur erfüllt, falls z = vk = xi und analog für alle weiteren Teile vj von y. Jeder Teil v von y entspricht also genau einem der Atome xi . Weil die mereologische Summe unter Permutation Π(j) invariant ist (vgl. die rechte Seite von Gl. (3.12)), gilt: y = (x1 + x2 + · · · + xn ) = (xΠ(1) + xΠ(2) + · · · + xΠ(n) ). (3.88) Somit ist y eindeutig als Summe seiner Atome definiert. • Für den Fall das vk kein Atom ist, zerfällt vk nach AM1 aber selbst vollständig in Atome. Sei vk0 ein atomarer Teil von vk . Wegen der Transitivität der Teilseinsrelation gilt: vk0 < vk ∧ vk < y → vk0 < y. (3.89) Obige Argumentation wäre dann auch für vk0 gültig; vk entspricht dann selbst einer Summe aus Atomen und y lässt sich als Summe solcher Summen schreiben, wobei die Reihenfolge der Gruppierung keinen Unterschied macht: y = x1 + (x2 + · · · + xn ) = (x1 + x2 ) + · · · + xn , (3.90) usw. 13 Hier stößt die mengentheoretische Veranschaulichung, die noch für die primitiven Relationen aus dem vorigen Absatz gemacht werden konnte, an ihre Grenzen. 14 Die Frage nach der Unabhängigkeit der Funktion vom Substrat ist letztlich eine empirische Frage; vielleicht gilt sie im Einzelfall, vielleicht aber auch nicht. Wichtig ist, dass es nicht auf der Ebene einer axiomatischen (im Sinne einer selbstevidenten) Festlegung entschieden werden kann. 15 Es ist nicht unwahrscheinlich, dass sich die Relation zwischen Wahrnehmungen und deren materiellen Korrelaten durch rein (mereo-)logische Beziehungen nicht ausreichend darstellen las- sen. Folgt man Autoren wie Fred Dretske (1995) oder Ruth Millikan (1989), so muss etwa der 122 Anmerkungen zu Abschnitt 3

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Verweis auf die Funktionalität mentaler Zustände beachtet werden und auf die natürlichen Ent- wicklung von Organismen zurückgeführt werden. 16 Die Wahl des Projektformalismus ist primär dessen Nützlichkeit geschuldet. Man könnte diese Beziehung zu einer allgemeinen semiotischen Relation verallgemeinern (siehe etwa Burgin 2010, Kap. 2). 17 Formal korrekt wäre es, an dieser Stelle eines Existenzprädikat für Operatoren zu definieren: ∃!P̂ ⇔Df. ∃Q̂ (Q̂ = P̂ ), (3.91) mit ∀P̂ ∃!P̂ ⇔ ∃ζz (z = P̂ ζ) . (3.92) Dies besagt, dass ein Projektor genau dann existiert, wenn es aus einem Ganzen einen Teil erzeugt. Die Formeln müssen dann entsprechend angepasst werden. 18 Beachte, dass daraus nicht zwangsweise folgt, dass P̂ (x1 + x2 ) = P̂ x1 + P̂ x2 , (3.93) also Distributivität bezüglich der Summation der Teile. 19 x = P̂ ζ = P̂ 2 ζ = P̂ (P̂ ζ) = P̂ x. (3.94) i h 20 6 0)? Genau dann, wenn P̂1 , P̂2 = Wann sind Produkte der Form P̂1 P̂2 idempotent (mit P̂i = 0: h i • Es sei P̂1 , P̂2 = 0, dann gilt: h i (P̂1 P̂2 )2 ζ = P̂1 P̂2 P̂1 P̂2 ζ = P̂1 P̂1 P̂2 − P̂1 , P̂2 P̂2 ζ = P̂12 P̂22 ζ = P̂1 P̂2 ζ. (3.95) | {z } 0 • Es sei (P̂1 P̂2 )2 = P̂1 P̂2 , dann gilt: h i P̂1 ◦ P̂1 , P̂2 ◦P̂2 = P̂1 (P̂1 P̂2 −P̂2 P̂1 )P̂2 = (P̂1 P̂1 )(P̂2 P̂2 )−(P̂1 P̂2 )(P̂1 P̂2 ) = P̂12 P̂22 −P̂1 P̂2 = 0 | {z } =P̂1 P̂2 (3.96) 21 Aus der Gleichheit der Objekte, x = y, folgt Gleichheit der Operatoren: P̂ ζ = P̂ 0 ζ ⇒ P̂ = P̂ 0 . Aus Gleichheit der Operatoren folgt aber nicht automatisch die Gleichheit der Objekte: 0 = P̂ ζ − P̂ 0 ζ = x − y. Es ist aber gar nicht klar, ob ein Objekt x − y überhaupt existiert bzw. was der Verweis auf 0 in diesem Zusammenhang bedeutet. 123 Anmerkungen zu Abschnitt 3

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22 Mit Bezug auf die Quantenmechanik wird z.B. manchmal davon gesprochen, das Prinzip der Identität des Ununterscheidbaren sei verletzt: Paulis Ausschlussprinzip z.B. besagt, dass der Zustand von n Elektronen durch eine antisymmetrische Wellenfunktion Ψ darzustellen ist, beispielsweise in der Ortsbasis: {x1 , x2 , . . . , xn }. Dies bedeutet, dass beim Vertauschen der Po- sitionen zweier Teilchen die Gesamtwellenfunktion des Systems bis auf einen negativen Vorfak- tor unverändert bleibt (beliebige Vertauschungen mehrerer Teilchen können als Produkte von Zwei-Teilchen-Vertauschungen geschrieben werden, daher gilt für diese das Folgende in analoger Weise): Ψ(x1 , . . . , xj , xk , . . . , xn ) = −Ψ(x1 , . . . , xk , xj , . . . , xn ). (3.97) Da aber die messbaren Eigenschaften als Wahrscheinlichkeiten vom Betragsquadrat von Ψ abhängen, kann keine Vertauschung zweier Teilchen einen beobachtbaren Unterschied ausmachen. Falls aber eine Vertauschung keinen beobachtbaren Unterschied ausmacht, lässt sich davon sprechen, dass zwei oder mehr Teilchen derselben Sorte ununterscheidbar sind. Gemäß pii müssten die Teilchen nun als identisch angesehen werden. Eine mögliche Interpretation ist, dass die Quantenmechanik ein Beispiel für Situationen liefere, in denen das pii verletzt sei. Schließlich liege hier hier ein Fall vor, wo mehreren Teilchen in alle (messbaren) Eigenschaften übereinstimmen (vgl. French & Redhead 1988). Zu sagen, dass es sich hier um einen Zustand aus mehreren Teilchen handelt, setzt aber selbst wiederum eine Art haecceitas als Eigenschaft der Dinge oder der Substanz voraus, deren Annahme aber vielleicht nur eine Folge einer fallacy of the misplaced concreteness“ ist (Whitehead, PR; ” für eine ausführlichere Behandlung vgl. (Seibt 1996); für ein Diskussion in Hinblick auf die Quantenmechanik siehe (Esfeld 2001, S. 260ff.)). Eine alternative Deutung würde besagen, dass gar nicht mehr von einzelnen Teilchen“ ge- ” sprochen werden könne, sondern nur noch von (symmetrisierten) Mehr-Teilchen-Zuständen (oder Anregungen von Quantenfeldern), wobei dann der Fall der Verschränkung noch genauer zu behan- deln wäre. Am pii könnte dann als kognitive (oder transzendentale) Norm festgehalten werden. Das oben Ausgeführte gilt nicht nur für den Fall der Elektronen sondern kann gemäß des Spin-Statistik-Theorems der relativistischen Quantenmechanik (Fierz 1939) auf beliebige Ele- mentarteilchen erweitert werden. 23 Unter Verwendung der Identität: ¬∃P ∀Q f (P ) 6= f (Q) ⇔ ∃Q∀P f (P ) = f (Q) . (3.98) 124 4 Wahrnehmung im Kontext

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4 Wahrnehmung im Kontext I believe that ‘consciousness’ [. . .] is the name of a nonentity. (William James: Does ‘Con- sciousness’ Exist?) 4.1 Ding und Prozess Wir haben in den vorigen Kapiteln dargelegt, dass (i) die Ausbildung von Zeichensys- temen ein natürlicher, emergenter Prozess ist, und (ii) dass Zeichensysteme wesentlich strukturiert sind und sich auf grundlegende semiotische Eigenschaften stützen: Zeichen sind selbst-identisch; (abstrakte) Zeichen verweisen auf (konkrete) Gegenstände; und Zeichen genügen höheren Individuationskriterien, die sich exakt darstellen lassen. In diesem Kapitel wollen wir zeigen, wie sich die als substantiell wahrgenommenen Dinge, d.h. Gegenstände, die wir für greifbare, selbstständige und persistente Entitäten halten, als Bezeichnung für (relativ) stabile Muster oder invariante Strukturen einer (von uns verkörperten) Aktivität verstehen lassen. Subjektive Wahrnehmungen gehen dabei als Zeichen aus einem System von Beziehungen hervor. Ein Gegenstand, der viele (alle?) unsere Wahrnehmungen zu begleiten scheint, ist das Selbst“. Zwei gegenteilige Positionen zum Thema wurden unlängst von Thomas ” Metzinger (2003a) und Galen Strawson (2009) vertreten. Beide stimmen dahingehend überein, dass sie das Selbst als wirklichen Gegenstand zurückweisen und nur als Muster betrachten wollen: der eine (Metzinger) als Modell, das vom Objekt Gehirn hervorge- bracht wird, der andere (Strawson) als psychisches Muster, das auf elementare Momente von Subjektivität zurückgeführt werden kann. Obwohl wir der Vorstellung des Selbst als Muster“ prinzipiell zustimmen würden, ” weichen wir von beiden Autoren ab und verstehen das Selbst als Muster von Prozessen, die jenseits der Unterscheidung subjektiv/objektiv leben. Wir erkennen diese Prozesse einerseits als Beziehungen zwischen (vermeintlich) objektiven Phänomenen, andererseits nehmen wir sie subjektiv wahr. Bewusstsein“ ist der Name, den wir diesem Prozess ” jenseits von Subjekt/Objekt geben. 125 4 Wahrnehmung im Kontext

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Das personale Selbst als Muster von Beziehungen Wir beginnen mit Gustav Theodor Fechners phänomenalistischer Konzeption von Sub- ” stanz“ (Heidelberger 2002, S. 50), wonach der Substanzbegriff nicht für etwas stünde, das hinter“ den Erscheinungen selbstständig existieren würde, sondern, wonach Substanz ” nichts als ein (nützlicher) Hilfsbegriff sei, der sich letztlich in den gesetzmäßigen Verbin- dungen von Einzelerscheinungen auflösen lässt.1 Fechner entwickelte diesen Gedanken wesentlich im Rahmen der von ihm mitbegründeten Psychophysik, also des Studiums der Beziehung von psychischen und physikalischen Phänomenen und fand eine umfas- sende (direkte oder indirekte) Rezeption – so etwa im Konstitutionsprinzip bei Rudolf Carnap, in der analytischen Philosophie des Geistes von Herbert Feigl, aber auch bei den zeitgenössischen Vertretern einer nicht-reduktiven Psychologie und des dualen-Aspekte Monismus (z.B. Velmans 2009, Price & Barrell 2012, Atmanspacher & Rickles 2022). Folgt man nun der Fechner’schen Ansicht, ist es suggestiv, auch das Bewusstsein verobjektivierend als ganz spezielle Ordnungsform solcher Einzelereignisse zu betrachten, wenn es denn schon nicht als substantiell (im traditionellen Sinne) aufgefasst werden kann. Wir werden im Folgenden noch einen Schritt weiter gehen und Bewusstsein nicht so sehr mit einem Muster identifizieren, als vielmehr mit dem Prozess, der überhaupt zur Bildung von Mustern führt. Bewusstsein bezeichnet daher eine Nicht-Entität“ im ” Sinne von William James. Doch zuerst wollen wir den Gedanken, wonach sich bestimmte psychische Dinge letztlich in Strukturen auflösen lassen, noch etwas näher betrachten. Dabei könnte zum Beispiel vermutet werden, das personale Selbst“ sei nichts als ein ausgezeichnetes Mus- ” ter von Beziehungen. Von Thomas Metzinger (2003a) wurde der Vorschlag gemacht, das Selbst als epi- sodisch aktive (etwa während des Wachzustandes) Repräsentation derjenigen Struktur zu deuten, welche die Repräsentationen von Erfahrungsgegenständen, also etwa unsere Wahrnehmungen der Umwelt und des Körpers, in einer systematischen Weise verbindet. Eine solches Selbstmodell“ ist nun genau das, was vom Gehirn realisiert wird, wenn ” davon gesprochen wird, das Selbst sei vom Gehirn erzeugt“. ” 126 4 Wahrnehmung im Kontext

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Diese Reduktion des Selbst scheint vielen höchst anti-intuitiv, was aber für sich genommen noch kein Grund ist, der gegen diese Theorie spricht. Was aus der Sicht einer substanzkritischen Auffassung bemängelt werden könnte, ist eher deren fehlende Radikalität (Harman 2011): Nicht nur das Selbst sei ein Modell, auch die Objekte, die wir als physische bezeichnen – Sterne, Tische oder Zellen –, seien immer nur die Resultate von Prozessen oder relativ zu diesen emergent. Um seine Theorie des Nicht-Selbst“ zu plausibilisieren, liefert Metzinger (2011) ei- ” nige Gründe, die dafür sprechen sollen, das Selbst nicht für einen objektiv existierenden Gegenstand zu halten, womit argumentativ Raum für seine Theorie geschaffen wäre. Metzingers Argumente gegen die (objektive) Existenz eines Selbst können jedoch ohne allzu große Abänderungen auch als Argumente gegen die (objektive) Existenz neuronaler Systeme wie z.B. Gehirne übernommen werden. Metzinger (2011) liefert vier argumentative Skizzen gegen das Selbst. Diese können wir mutatis mutandi übernehmen, um gegen die Ansicht zu argumentieren, wonach Ge- hirne unabhängig existierende Gegenstände (Metzinger spricht von Substanzen“) dar- ” stellten. Und zwar wie folgt: 1. (Onto-)logischer Antirealismus: Es gibt keine metaphysischen oder rein logischen Gründe, welche die Annahme eines physikalischen Naturalismus erzwingen würden. Ob wir an der Realität des Selbst oder des Gehirns zweifeln, ist von diesem Stand- punkt aus gesehen letztlich Geschmackssache. Es müssen daher noch weitere Kri- terien berücksichtigt werden. 2. Epistemologischer Antirealismus: Erkenntnis ist immer vermittelt und begrifflich situiert, so auch jede Erkenntnis über Gehirne oder andere physikalische Gegenstände. Keine wissenschaftliche Erkenntnis kann selbst darüber entscheiden, ob hinter ihr ein realer Gegenstand steht und welcher Art dieser ist: Vom epistemologischen Standpunkt aus betrachtet, sind die Objekte der Physik ebenso real wie die Götter ” Homers“ (Quine 1951) – oder eben das Selbst. 3. Methodologischer Antirealismus: Aussagen über das Gehirn können letztlich auf Aussagen über physikalische Objekte (z.B. Elementarteilchen) reduziert werden. 127 4 Wahrnehmung im Kontext

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Dem Gehirn kommt daher, außer vielleicht aus pragmatischen Gründen, keine wirk- lich fundamentale Rolle als explanans zu. Die Annahme seiner objektiven Existenz entspricht vielmehr einer gewissen explanatorischen Haltung“ (Dennett 1987), ” die wir einnehmen müssen, da wir nicht in der Lage sind, zufriedenstellende Er- klärungen auf der Ebene von Elementarteilchen zu produzieren. Zudem sind diese Teilchen kaum als Gegenstände im herkömmlichen Sinne zu verstehen (die Rede- weise von Teilchen“ ist irreführend). Außerdem ist es fraglich, ob sich der Erfolg, ” den elementaristische Konzeptionen in den physikalischen Wissenschaften zwei- felsohne gehabt haben, auf andere Bereiche übertragen lässt. 4. Semantischer Antirealismus: Eine begriffliche Analyse der systemischen Kogniti- onswissenschaften (cognitive and systems neuroscience) – also der Basis für Met- zingers Aussagen – steht noch aus, d.h. es ist gar nicht klar, ob sie überhaupt auf echte Gegenstände verweisen, oder eher eine rein epistemische Funktion haben, z.B. ein Ordnungsprinzip für gewisse wissenschaftliche Aussagen darstellt. Beschreibun- gen wie diejenigen der systemischen Kognitionswissenschaften sind vielleicht sogar nur Platzhalter für mechanistische Erklärungen der molekularen Neurowissenschaf- ten (vgl. den erbarmungslosen Reduktionismus“ von Bickle 2006), welche selbst ” wiederum nur bestimmte Ausdrucksweisen innerhalb eines Sprachspiels darstellen könnten und unter Umständen gar nicht auf etwas Reales verweisen würden. Die eigentlichen Gründe, die letztlich darüber entscheiden, wann wir von dem Selbst“ ” oder doch lieber von einem bestimmten biologischen Objekt wie dem Gehirn“ sprechen ” sollten, sind jedoch gar nicht in einer solchen Argumentation zu finden. Ein Skeptiker könnte daher einwenden, dass keine logische Notwendigkeit bestehe, eine bestimmte Re- deweise zu übernehmen; man wird höchstens zu ihr überredet oder gewöhnt sich an diese. Während nun aber Metzinger an der dinglichen Existenz eines personalen Selbst zweifelt, scheint er dennoch die gängigste Form des Physikalismus zu übernehmen. Anders Galen Strawson (2009), der in seiner minimalen Theorie des Selbst“ auf ” den ersten Blick einen Schritt weiter geht. Zwar sei es richtig, dass die Vorstellung eines gegenständlichen personalen Selbst zurückzuweisen sei. Allerdings gilt, dass zu jeder Er- 128 4 Wahrnehmung im Kontext

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fahrung ein irreduzibler (a-personaler) subjektiver Kern gehöre, der weder einer komple- xen empirischen Struktur entsprechen – etwa einem Selbstmodell“ im Sinne Metzingers ” – noch über eine Form von Ich-Bewusstsein verfügen würde. Ganz im Gegensatz zur Vorstellung, dass sich psychische Dinge restlos auflösen lassen, folgert Strawson, dass ein solches Minimalsubjekt ( thin subject“; Strawson 2009, S. 323) notwendigerweise zu ” jedem Erfahrungsprozess hinzugedacht werden müsse. Ein solches Subjekt bezeichnet ein einheitliches Ding (ein sesmet“; Strawson 2009, S. 204), was gleichzeitig zentral für ” das Verständnis des Strawson’schen Panpsychismus ist. Wohingegen Metzinger also das personale Selbst als Ergebnis rein physikalischer Be- ziehungen betrachtet, gilt für Strawson, dass sich das personale Selbst ebenfalls als Resul- tat verstehen lässt, allerdings als Resultat eines Prozesses, der sich auf ein oder mehrere Minimalsubjekte gründet. Beide Autoren berufen sich dabei auf den Buddhismus; für einen Versuch, diesen in die westliche Denkweise und Sprechweise zu übersetzen, siehe etwa die Arbeiten von Lorenz (1998, auf Deutsch) oder Westerhoff (2018, auf Englisch). Obwohl hier nicht auf die unterschiedlichen Strömungen und Ideen im Detail eingegangen werden kann, sei betont, dass es keine einheitliche hinduistische oder buddhistische Lehre gibt, son- dern eine Vielzahl rivalisierender Schulen und Denker ( den“ Buddhismus oder den“ ” ” Hinduismus gibt es nicht). Noch dazu gilt es, sprachliche und konzeptionelle Besonder- heiten zu berücksichtigen, die ganz unterschiedliche Interpretationen suggerieren. Bei den Überlegungen indischer Philosophen, expliziter als in vielen Philosophien des Wes- tens, spielt Ethik eine zentrale metaphysische Rolle und es ist unmöglich, immer exakt zwischen Religion und Philosophie zu unterscheiden. Ein Beispiel ist die buddhistische Doktrin von der Nicht-Existenz eines individuel- len, dauerhaften Selbst oder einer Seele (Lehre des anātman“), wobei die Einsicht in ” die Nicht-Existenz des Selbst einen wesentlichen Schritt auf dem Weg zur Erleuchtung darstellt. Dies steht im Gegensatz zur Hinduistischen Advaita Vedanta, die gerade die Einsicht in die All-Gegenwart des Selbst (Einheit von ātman“ und brahman“) als ” ” großes spirituelles Ziel ansieht. Beide Lehren zielen auf die Erlösung des Menschen, un- terscheiden sich jedoch in der Art und Weise, wie diese Form der Erlösung zu erlangen 129 4 Wahrnehmung im Kontext

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sei. Ein Versuch, zwischen beiden Auffassungen zu vermitteln, besteht etwa darin zu argumentieren, dass hier wesentlich zwischen verschiedenen Aspekten, Modi oder Kon- texten unterschieden werden müsse (ähnlich der Syādvāda“- Lehre des Jainismus) – ” gewissermaßen sind beide Lehren korrekt, je nachdem unter welchem Aspekt man sie betrachtet. Solchen Versöhnungsstrategien haftet natürlich immer der Makel einer gewissen ver- einnahmenden Beliebigkeit an. Eine Moral, die sich für uns dennoch daraus ziehen lässt, ist, dass vielleicht nur ein Mangel an Reflexionsfähigkeit der Grund dafür ist, dass in den Beschreibungen psychischer Phänomene die Tendenz vorherrscht, entweder alles vor- schnell zu reifizieren oder, umgekehrt, alles auf die Dynamik materieller Teilchen redu- zieren zu wollen – im ersten Fall, weil man glaubt, die Phänomene entsprächen wirklich existierenden Gegenständen ( das Selbst“), im zweiten Fall, weil man glaubt, hinter die- ” sen konstruierten“ (von wem und woraus?) Phänomenen stünden bloß real existierende ” materielle Teilchen. Wahrnehmung als emergentes Phänomen Natura non facit saltum – die Natur macht keine Sprünge; so drückt Strawson (2016, These 7) seine Überzeugung aus, dass Bewusstsein nicht aus der unbewussten Materie hervorgehen könne, und ganz analog ließe sich argumentieren, dass raumhaft Konkretes nicht aus dem unausgedehnten Abstraken, Intrinsisches nicht aus dem Relationalen und Symmetrisches nicht aus dem Asymmetrischen hervorgehen könne (siehe allerdings Anm. 13 aus dem ersten Kapitel). Reduziert man die Frage nach der Möglichkeit von Emergenz auf die Frage, ob eine bestimmte Art von Gegenständen aus anderen, grundsätzlich verschiedenen Ge- genständen entstehen könne, landet man letztlich wieder bei metaphysischen Überzeugungen, welche als Gründe dafür herangezogen werden, wie die jeweilige Antwort ausfallen wird. Diese Verweis auf metaphysische Überzeugungen scheint jedoch immer dann höchst un- befriedigend zu sein, wenn es diese Überzeugungen selbst sind, die infrage gestellt werden. Übertragen auf den gegenwärtigen Diskurs, das Verhältnis von Geist und Materie: 1. Psychisches wird als Objekt von Theorien verstanden, analog zu Elektronen, Genen 130 4 Wahrnehmung im Kontext

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oder Wirbelstürmen. Psychisches ist dabei ein emergentes Phänomen. Dies wird dann in der Regel so verstanden, dass irgendwo in der fiktionalen Kette Materie – Körper – Gehirn – Geist – Bewusstsein ein Sprung“ auszumachen wäre und nun ” eine Theorie antreten müsste, um diesen Sprung verständlich zu machen oder gar zu erklären. 2. Viele Vertreter der Philosophie des Geistes gehen von einer Substanzontologie aus, die, auch wenn dies manchmal explizit zurückgewiesen wird, die Unterschei- dung zwischen den Trägern (things) und ihren Eigenschaften (properties) nicht überwinden kann: Eigenschaften werden als Attribute von Substanzen verstan- den und Eigenschaftsbeziehungen, verweisen letztlich auf Beziehungen zwischen Dingen. Emergente Phänomene lassen sich so jedoch nur unbefriedigend charakte- risieren: entweder ist Emergenz zu schwach, um überhaupt ontologisch Neuartiges zu produzieren, oder Emergenz ist zu stark und produziert zu viel ontologisch Neuartiges (vgl. die Diskussion um schwache vs. starke Emergenz in Kapitel 3). 3. Selbst wenn eine dezidiert anti-emergentistische Position wie der Strawson’sche Panpsychismus vertreten wird, schleicht sich der Emergenzdiskurs durch die Hin- tertür wieder ein. Aus diesem Blickwinkel erscheint es dann so, als wäre der Pan- psychismus keine überlegene philosophische Position, sondern nur eine solche, die letztlich neuen metaphysischen Ballast auflädt. Der Panpsychismus stünde dann aber gar nicht besser da als die physikalistischen Positionen, zu deren Elimination er angetreten ist (Stephan 2016). Der hier eingeschlagene Weg versucht hingegen Emergenz als Phänomen bei der Dar- stellung von Beziehungssystemen zu verstehen. In den vorigen Abschnitten wurde an mehreren Stellen dabei bereits auf die Kontextualität verwiesen: Dass wir überhaupt (Verbindungen zwischen) Regularitäten erkennen können, ist der Setzung eines Kon- textes geschuldet. Mathematisch kann dies mit Verweis auf die (topologische) Struktur einer Theorie sogar exakt dargestellt werden. Ein drohender Subjektivismus wird zu- dem dadurch entschärft, dass emergente Beschreibungen gewisse Stabilitätsbedingungen erfüllen müssen. 131 4 Wahrnehmung im Kontext

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Der Begriff der Emergenz kann zudem nur dann auf den Bereich wissenschaftli- cher Erkenntnis umgelegt werden, wenn er als Verbindungsweise verschiedener Beschrei- bungen (also epistemologisch“) verstanden wird, insbesondere wenn es dabei um eine ” Beschreibung der Erscheinungsweise von Objekten selbst geht. Objekte sind demnach emergente Phänomene, die sich auf Relationen beziehen. Ihre Emergenz bedingt extern gesetzte Kontexte. Dies sei an dieser Stelle in Anlehnung an eine Subjekt-Objekt Terminologie“ aus- ” gedrückt, wie sie typischerweise von den Nachfolgern Kants, etwa von Arthur Schopen- hauer verwendet wurde. Diese Redeweise ist mit Vorsicht zu genießen, erscheint aber für die folgende Illustration geeignet – zumindest, wenn wir ihr eher den Stellenwert einer Metapher zukommen lassen, der wir nicht in allen Punkten folgen müssen. Wahrgenommene Eigenschaften seien demnach weniger als Darstellungen von Attri- buten von Substanzen, sondern vielmehr als Zeichen für die Beziehung zwischen zwei Polstellen der Wahrnehmung zu verstehen: Relationen zwischen einem subjektiven und einem objektiven Pol, welche beide als notwendig hinzuzudenkende Bezugspunkte der Welt als Vorstellung“ angesehen werden müssen. So schreibt etwa Schopenhauer im ” ersten Kapitel von Band Zwei der Welt als Wille und Vorstellung : Die Welt als Vorstellung, die objektive Welt, hat also gleichsam zwei Kugel- Pole: nämlich das erkennende Subjekt schlechthin, ohne die Formen seines Erkennens, und dann die rohe Materie ohne Form und Qualität. Beide sind durchaus unerkennbar: das Subjekt, weil es das Erkennende ist; die Materie, weil sie ohne Form und Qualität nicht angeschaut werden kann. Dennoch sind Beide die Grundbedingungen aller empirischen Anschauung. [...] Beide gehören der Erscheinung an, nicht dem Dinge an sich: aber sie sind das Grundgerüst der Erscheinung Eine geometrisches Bild soll diese Redeweise veranschaulichen: Eine Kugel wird aufge- spannt durch zwei Pole. Die Position eines beliebigen Punktes auf der Oberfläche dieser Kugel kann unter Angabe zweier Koordinaten angegeben werden, die sich auf die relative Lage des Punktes zu diesen beiden Polen beziehen, wie es etwa in der geographischen 132 4 Wahrnehmung im Kontext

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Darstellung mithilfe von Längen- und Breitengraden üblich ist. Metaphorisch gesprochen zerfallen Eigenschaften in Relationen, so wie sich Positionen auf einer Kugel anhand ihrer relativen Lage zu den Polen darstellen lassen. Das Wahrnehmen einer Eigenschaft entspricht dem Erkennen von Beziehungen, was selbst wiederum zum Gegenstand einer Beschreibung werden kann. Wenn ich die große Pyramide von Gizeh wahrnehme (Whitehead CN, Kap. 4), dann habe ich vor meinem Auge aber nicht die unzähligen physikalisch-chemischen, biologischen, soziopolitischen, religiösen und historischen Beziehungen (etwa dass die Cheops-Pyramide, als Grabmal für den erbauenden Pharao, knapp viertausend Jahre lang das höchste Bauwerk der Welt war). Anstelle dessen nehme ich die unzähligen Relationen, welche in die Beschaffenheit der Pyramide einfließen, als einfaches Zeichen (eben: die Pyramide“) wahr. Wahrneh- ” mung ist eine Projektion aus dem Bewusstsein, welches die Pyramide ausmacht. Bezie- hungen treten (mit dem Akt der Projektion) hervor. Dies lässt sich jedoch immer nur relativ zu einem äußeren Kontext beschreiben. Die Tatsache, dass die Cheops-Pyramide, als Grabmal für den erbauenden Pharao, knapp viertausend Jahre lang das höchste Bauwerk der Welt war, fließt in die emergente Dar- stellung die Pyramide“ ein. Aber wie und warum solche Beziehungen in meine Wahrneh- ” mung einfließen, ist nicht in den Beziehungen selbst zu finden. Wir tragen es extern an sie heran – etwa dadurch, dass wir sagen, dass die Erhabenheit, die wir beim Anblick der Pyramide empfinden, der biologischen Notwendigkeit entspricht, unsere Wahrnehmung mit einer Wertigkeit aufzuladen, die wir mit religiös-historischen Praktiken verbinden. Wir nehmen die Pyramiden anders wahr, als es die alten Ägypter taten. Dies sagt uns freilich noch gar nichts über die metaphysische Frage, wie dies aus der Perspektive der nullten Person“ (Harman 2009) zu verstehen sei. Und erst wenn ” wir uns an dieser Stelle in metaphysische Spekulationen begeben und vielleicht gar zum Schluss kommen, dass es hier einen ontologischen Graben zu überbrücken gäbe, wird die Sache mysteriös. Die Frage jedoch, wie dieses Hervortreten beschrieben werden könnte, erscheint als intrinsisch frei von mysteriös anmutenden Referenzen auf Vital- und Konfi- gurationskräfte oder kausal wirksame qualia zu sein; sie verwandelt sich in die Frage nach der Bezeichenbarkeit eines relationalen Phänomens relativ zum gegenwärtigen Zustand 133 4 Wahrnehmung im Kontext

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eines Systems und zur Notwendigkeit der Explikation innerhalb eines Kontextes. Sofern dabei etwas über den subjektiven Pol dieses Prozesses als Objekt gesagt werden soll, bleibt unklar, wie aus einer Ansammlung von objektiven Gegenständen ein subjek- tives Bewusstsein entstünde (das wäre die gewöhnliche naturalistische Denkweise), da hier das explanandum im explanans bereits vorausgesetzt würde. Dass wir überhaupt Gegenstände als Objekte erkennen können, setzt ein Bewusstsein bereits voraus – und auch ein Verweis auf den Begriff der Emergenz kann uns hier nicht weiterhelfen. In diesem Sinne ist Strawson also zuzustimmen, dass der Begriff der Emergenz, wie er gewöhnlich verstanden wird, nicht viel taugt für eine Erklärung des Bewusstseins. Doch wir müssen Emergenz nicht in diesem Sinne verstehen. Emergenz bezieht sich auf das Hervortreten von Objektbeziehungen, nicht auf den Übergang zwischen Seins- weisen. Die beiden Annahmen, welche die folgenden Abschnitte nun leiten, lauten, dass, erstens, Objekte (und die zu Objekten gemachten Subjekte) keine ewigen Dinge“ sind, ” sondern vielmehr die (emergenten) Glieder einer Kette von Zeichenprozessen darstellen; und dass, zweitens, Mereologie von den Beziehungen zwischen (bezeichnenden) Objek- ten, ihren Teilen und den Gegenständen, auf die sie verweisen, handelt. Inwieweit sind solche Objekte Teile“ des Bewusstseins? Kann die Beziehung zwi- ” schen physischen Gegenständen (der Tasse und ihren physikalischen Eigenschaften), ihrer Wahrnehmung und den entsprechenden Wahrnehmungsinhalten (die vorgestellte Tasse) als Teil-Ganzes-Beziehung gefasst werden? Was hat es mit der Einheit des Bewusst- ” seins“ auf sich? Und welche Rolle spielen die qualia? 4.2 Aspekte der Wahrnehmung Wir wollen nun Wahrnehmung als semiotische (bezeichnende) Projektion des Bewusst- seins diskutieren. Man könnte dabei vermuten, dass es sich hier um eine leicht veränderte Form von Brentanos These handelt, wonach bewusste geistige Zustände charakterisiert sind durch deren Intentionalität (siehe auch Crane 2013). Viele moderne Philosophen, wie etwa Chalmers (1996), würden dem widersprechen und stattdessen Phänomenalität als wesentliches Merkmal unserer Wahrnehmung betrachten. Wieder andere setzen auf den Begriff der Subjektivität (Gallagher & Zahavi 2008). Wir werden im Folgenden eine 134 4 Wahrnehmung im Kontext

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Synthese dieser Denkweisen versuchen. Unabhängig von diesen Überlegungen, starten wir bei der zeitgenössischen Sicht, wo- nach Wahrnehmung als Konstruktion betrachtet werden sollte, in der aus der Anregung der Sinnesorgane Wahrnehmungsobjekte als Bestandteile eines Modells generiert wer- den, welches der Manipulation und Interaktion mit der jeweiligen Umwelt dient. In der Wahrnehmung geht es also nicht so sehr um das Abbilden einer bereits vorhandenen Wirklichkeit, sondern sie ist, als zeichenartiger Bezug, Konsequenz des Dranges nach Selbsterhaltung (oder im Jargon der Kybernetiker gesprochen: eine Konsequenz von Regulierung). Wahrnehmung ist nicht Darstellung eines äußerlichen Daseins, sondern bezieht sich auf die Relation zwischen einem System und seiner Umwelt. Eine Kritik an diesem Bild lautet, dass dieses aber doch gar nichts über das Be- wusstsein aussagen würde: Weder spielt das Bewusstsein irgendeine funktionale Rolle noch wird irgendwie ersichtlich, wie sich nun bewusste Wahrnehmungen von gerechne- ten Inferenzen unterscheiden würden. Worauf schließen wir also in der Wahrnehmung genau und was hat dies mit Bewusstsein zu tun? Letztlich lassen sich diese Fragen in dem hier vorgestellten Modell beantworten. Er- ” fahrendes Subjekt“ und intentionales Objekt“ werden dabei durch die Rede von zwei ” Polen eines Prozesses ersetzt, dessen Grundlage wir als ungeteiltes Bewusstsein bezeich- nen. Subjektive Wahrnehmung ist also der Name für eine (symbolische und strukturierte) Bezeichnung dessen, was objektiv als System von Beziehungen dargestellt werden kann. Die reiche Struktur der subjektiven Wahrnehmung ist Gegenstand phänomenologischer Analysen. Wir beginnen mit dem, was wir ihren Aspektcharakter“ nennen wollen. Eine Be- ” obachtung, die der Phänomenologie Husserls entstammt, besagt, dass wir niemals einen Gegenstand selbst wahrnehmen, sondern dass uns dieser immer nur in Aspekten er- scheint. Andernfalls müsste er uns von allen möglichen Perspektiven gegeben sein, und dies ist niemals der Fall. Dies wollen wir nun schematisch wie folgt darstellen: Es stelle o ein Wahrnehmungs- objekt dar. Dann gilt für den eigentlich präsentierten Aspekt x in unserer Notation, 135 4 Wahrnehmung im Kontext

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dass x = P̂ o. (4.1) Gl. (4.1) soll deutlich machen, dass o und x in einer Teil-Ganzes-Beziehung stehen, und dass von x nur insofern als Objekt gesprochen werden kann, als dass es in einer projektiven Relation, P̂ , zur Ganzheit o steht. Dass wir anscheinend nur Teile wahrnehmen, aber dennoch meinen, wir hätten den Gegenstand G selbst wahrgenommen, wurde in Anlehnung an Husserl z.B. von Reinhardt Grossmann (1973, Kap. 19) diskutiert, der dafür argumentiert, dass uns primär immer ganze Objekte als eigentliche Wahrnehmungsinhalte gegeben sind, gerade auch dann, wenn wir gar nicht alle seine Teile gesehen haben – was ja für visuelle Wahrnehmung allgemein der Fall ist. Objekte sind nach Grossmann nicht identisch zu der Klasse ihrer P Teile, sondern wesentlich Strukturen auf diesen Teilen: Das Objekt o = i xi bezeichnet etwas anderes als die Klasse Ko = {xi |xi o}, nämlich eine strukturierte Ganzheit. Dies lässt die Möglichkeit offen, Objekte (qua Strukturen) zu erkennen, ohne dabei die Klasse aller ihm zugehörigen Teile wahrzunehmen. Im letzten Kapitel haben wir behauptet, dass nur diejenigen ( selbstständigen“) ” Objekte auf (konkrete) Gegenstände verweisen, welche gewissen Bedingungen erfüllen, im Gegensatz zu unselbstständigen Teilen oder Klassen solcher Teile. Dies stellt einen möglichen Unterschied zwischen der Klasse Ko und dem Objekt o dar. Während also das selbstständige Objekt o auf einen Gegenstand Go verweist, gilt dies nicht für die Klasse Ko . Allerdings scheint dies eher ein Taschenspielertrick zu sein; Definitionen lösen in der Regel keine Probleme. Gehen wir davon aus, dass (i) Objekte auf Gegenstände verweisen, und (ii) wir in der Wahrnehmung von Teilen (unbewusst) auf Gegenständen schließen, lässt sich die Situation grafisch wie in Abb. 4.1 (links) darstellen, etwa wenn wir einen grünen runden Fleck wahrnehmen und dabei implizit darauf schließen, eine Frucht vor uns zu haben. Auf den Einwand, dass wir ja gar nie ein Objekt selbst, sondern immer nur Aspekte oder Teile des Objekts wahrnehmen, wird manchmal zugegeben, dass wir letztlich die Existenz des Gegenstandes konstruieren würden, obwohl wir ihn selbst gar nicht wahr- nehmen. Und da dieser Konstruktion selbst kein wahrgenommener Gegenstand (Aspekt) 136 4 Wahrnehmung im Kontext

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entspricht, sind solche Konstruktionen transparent. ∼ oo /G 7oo = O G vs. x x s s Abbildung 4.1: Wahrnehmung als Konstruktionsleistung durch ein Subjekt s; zwei Model- le. Kontinuierliche, gerichtete Pfeile entsprechen dabei den Teil-Ganzes-Beziehung zwischen selbstständigen Objekten o und den eigentlich präsentierten ( ), aber unselbstständigen Teilen oder Aspekten x. Gestrichelte Pfeile bezeichnen Schlüsse (Konstruktionen); G be- zeichnet den Referent der entsprechenden Objekte, der entweder als vereinzelter Gegenstand (∼ =) oder als ungeteilte Ganzheit (rechts) aufgefasst werden kann. (Details siehe Text) In einigen neueren Diskussionen wird zudem betont, dass den Teilen x ein quali- tativer Charakter innewohnt: Die visuelle Wahrnehmung einer Frucht beinhaltet den phänomenalen grünen Fleck, den ich sehe. Dies scheint nun aber schwer mit dem Bild in Einklang zu bringen zu sein, wonach die Früchte da draußen“ Dinge sind, die selbst ” gar keine phänomenalen Qualitäten besitzen. Woher kommen diese Qualitäten dann? Werden sie der Wahrnehmung hinzuaddiert“? Sind sie einfach nur die physikalischen ” Eigenschaften der Gegenstände, wie sie vom Gehirn eines Lebewesens repräsentiert wer- den (vgl. Dretske 1995, Kap. 3)? Der Begriff der Konstruktion muss jedoch näher spezifiziert werden. Im visuellen Fall sind viele geneigt, von Wahrnehmungsobjekten als Repräsentationen von Gegenständen zu sprechen, die den realen (physikalischen und nicht-konstruierten) Gegenständen ent- sprechen. Wenn wir jedoch andere Sinnesmodalitäten betrachten – etwa das Hören, Rie- chen oder Tasten –, stellen wir fest, dass es keinen Unterschied zwischen dem Gegenstand selbst und seiner phänomenalen Darstellung zu geben scheint: Wir verfügen über kei- ne Repräsentation eines Tons, die sich vom Ton da draußen“ unterscheiden würde: Der ” phänomenale Ton“ bezeichnet denselben Gegenstand, den der physikalische bezeichnet. ” Diese berechtigte Kritik am Repräsentationalismus führt allerdings schnell auf einen 137 4 Wahrnehmung im Kontext

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direkten Realismus, der davon ausgeht, dass wir die Dinge so wahrnehmen, wie sie sind, ohne den Umweg über Inferenzen oder Repräsentationen zu gehen. Während die Fokus- sierung auf den visuellen Fall zur Annahme einer verdoppelten Wirklichkeit“ – Abbild ” vs. abgebildeter Gegenstand – verleitet, führt die Alternative oftmals auf die Annahme, wir würden stattdessen die Gegenstände (oder ihre Eigenschaften) selbst wahrnehmen. Analog könnte dies auch über die Wahrnehmung von inneren“ Zuständen gesagt wer- ” den: Wahrnehmungen sind wie Zahnschmerzen. Offensichtlich werden uns diese Konstruktionsleistungen dann, wenn den wahrgenom- menen Objekten gar kein physikalischer Gegenstand entsprechen kann. Aus den Unter- suchungen der visuellen Wahrnehmung sind unzählige Fälle bekannt, die uns bewusst machen, dass die Objekte, die wir sehen, nirgendwo außerhalb unserer Wahrnehmung existieren oder über Eigenschaften verfügen, die sie objektiv gar nicht haben. Bekann- te Beispiele sind etwa der Neckar-Würfel, bei dem abwechselnd zwischen verschiedenen dreidimensionalen Perspektiven hin- und hergewechselt wird, die Müller-Lyer-Illusion, die drei gleich lange Linien zeigt, welche jedoch unterschiedlich lang erscheinen, oder das Kaniza-Dreieck, bei dem es zur Entstehung eines Objekts (weißes Dreieck) in der Wahrnehmung kommt (Abb. 4.2). Abbildung 4.2: Konstruktionen der Wahrnehmung. Der Neckar-Würfel (links) veranschau- licht die Bistabilität der Gestaltwahrnehmung, die Müller-Lyer-Illusion (Mitte) zeigt drei (nur scheinbar) unterschiedlich lange Linien und das Kaniza-Dreieck (rechts), verdeutlicht die Entstehung eines visuellen Objekts in der Wahrnehmung. Besonders eindrücklich lässt sich dies veranschaulichen, wenn wir optische Täuschungen 138 4 Wahrnehmung im Kontext

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betrachten, bei der es zur Wahrnehmung eines gefärbten Objekts kommt, obwohl ob- ” jektiv“ ein solches Objekt gar nirgends existiert (Abb. 4.3; nach van Tuijl 1975). Die Mechanismen, welche dieser Täuschung zugrunde liegen, sind bis heute nicht restlos geklärt. Abbildung 4.3: Entstehung eines gefärbten Objekts. Alle Pixel, die nicht auf einer der Konturen zu liegen kommen, sind weiß. Eine Färbung von Teilen der Konturen in den Ecken führt jedoch zum Entstehen einer glühenden roten Scheibe in der Mitte des Bildes. Aber auch auf einer abstrakteren, begrifflichen Ebene sind wir mit derartigen Kon- struktionsleistungen konfrontiert, z.B. wenn wir davon sprechen, wir würden die Welt“ ” oder die Natur“ erfahren, und dabei fälschlicherweise meinen, uns auf einen real exis- ” tierenden Gegenstand zu beziehen. Obwohl es zulässig sein mag, von diesen Dingen als konstruierte (fiktive) Objekte zu sprechen, gibt es gar keine entsprechenden (konkreten) Gegenstände, die hier in ein Verhältnis gebracht werden könnten. Neben diesen beiden Beispielen gibt es noch eine Reihe anderer Objekte, deren Referenz fraglich ist: Kobolde, Einhörner oder Dinge wie Zahlen und die idealisierten Objekte der Wissenschaft. Natürlich bedeutet dies nicht, dass es keine Unterschiede zwischen diesen Objekten gäbe. Von einigen sagen wir, dass sie nur Einbildungen oder Hirngespinste sind, manche haben wir direkt vor unserer Nase, andere scheinen Gegenstand zeitloser wissenschaft- licher Theorien zu sein. Wiederum andere sind ungreifbar, aber ihre objektive Existenz scheint vielen gewiss zu sein... Im Allgemeinen ist es nicht einfach, darüber Auskunft 139 4 Wahrnehmung im Kontext

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zu geben, welchen Objekten nun ein Gegenstand entspricht oder nicht, da wir ja nicht einfach aus unserem Denken heraus treten können. Ein Schritt zur Auflösung dieses Dilemmas zwischen der Objektivität der Gegenstände und der Subjektivität der Wahrnehmung wird in unserem Modell ermöglicht: Einem Ob- jektteil muss schlechterdings nicht, wie oft intuitiv angenommen, ein (realer) Gegenstand mit diesen und jenen Eigenschaften entsprechen, falls solche Objekte in erster Linie nur als relata einer (projektiven) Beziehung aufgefasst werden. Erst wenn bestimmte Ob- jektteile als verweisende Objekte in der Wahrnehmung auftreten, referenzieren diese überhaupt auf einen Gegenstand. Subjekte sind dabei selbst keine Objekte, sondern Ermöglichungsgründe für Verweise mithilfe von Objekten. Die Teil-Ganzes-Beziehung ist ein erster Ansatz zur Darstellung dieser Subjekt-Objekt-Struktur. Weder projiziert wir also Gegenstände in die Welt, noch bilden wir sie ab, wie sie ist. Wir schließen auf Objekte, die zwar auf etwas außerhalb von ihnen stehendes verweisen, aber immer nur Teile unserer Erfahrung sind. In Abb. 4.1 (rechts) ist der Wahrnehmungs- akt als konstruktives Schließen dargestellt. Hinter den (selbstständigen) Objekten o, die uns nur in ihren (unselbstständigen) Teilen x gegeben sind, erscheinen uns Gegenstände G, von denen wir zwar annehmen, dass sie existieren und die Referenten der Objekte o darstellen, die wir als solche allerdings nie wahrnehmen. Wahrnehmung bewegt sich immer im Raum der Objekte und nicht im Raum der Gegenstände. Dies sollte daher nicht so verstanden werden, dass wir bestimmte Gegenstände in der Wahrnehmung quasi-mystisch (ungefiltert) erschauen oder von ihnen unmittelbare Kenntnis ( acquaintance“; Russell 1914, Goff 2015) erlangen können; zudem ist die- ” se Interpretation der Wahrnehmung auch nicht identisch zum Repräsentationalismus: Wir schließen von (präsentierten) Teilen auf (intentionale) Objekte, nicht jedoch auf die Eigenschaften von Gegenständen, die zu diesen Objekten in einem Modell- oder Abbil- dungsverhältnis stehen würden. Im Gegenteil behaupten wir, dass diese Gegenstände eigentlich Ganzheiten darstellen. Während wir zwar vereinzelte Objekte sehen“, ent- ” spricht ihnen kein vereinzelter Gegenstand, sondern ein System von Beziehungen, auf welches sie sich beziehen (siehe das Beispiel der Pyramiden). Gleichzeitig unterscheidet sich diese Auffassung von einer typischen Lesart des (sub- 140 4 Wahrnehmung im Kontext

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jektiven) Idealismus als eines nur im Tollhause zu findenden theoretischen Egoismus“ ” (Schopenhauer 1844/1972, I.19). Nur weil wir uns o als verweisendes Objekt erst in der Wahrnehmung gegeben ist, folgt nicht automatisch, dass es nichts außerhalb unserer Wahrnehmung gäbe (daraus lässt sich aber wiederum keine naiv-realistische Position ableiten). Manche Beziehungen existieren unabhängig von unserem Geist. Allerdings bleibt die Frage unbeantwortet, wie wir mit der Tatsache umzugehen ha- ben, dass x phänomenale Qualitäten zu besitzen scheint, insbesondere da wir ja meinen, die Objekte o wahrzunehmen, obwohl uns nur deren Teile x präsent sind. In der folgenden Diskussion wollen wir die Ansicht vertreten, dass sich die Phänomenalität der Wahrneh- mung aus dem Verweisungszusammenhang (= das System der verweisenden Objekte und deren nicht-verweisender Teile) ergibt, in dem die Objekte o eingebunden sind. Subjekte kommen dabei weder als Träger noch als Betrachter qualitativer Eigenschaften vor. Zu- erst muss aber die sog. Einheit des Bewusstseins“ genauer untersucht werden, wo wir ” auch darlegen, wie mit dem Begriff des Subjekts“ überhaupt umgegangen werden soll ” (also dem zweiten Teil des Dilemmas). 4.3 Einheit des Bewusstseins Die Struktur unserer Wahrnehmung scheint wesentlich einheitlich zu sein. Diese Einheit ist eine Eigenschaft, die subjektive Wahrnehmung auszeichnet. Kant spricht in der KrV (transzendentale Apperzeption) sogar davon, dass eine (nicht-empirische) Einheit des Bewusstseins die Bedingung der Möglichkeit von Erfahrung überhaupt darstellt: Allein die Verbindung (conjunctio), eines Mannigfaltigen überhaupt, kann niemals durch Sinne in uns kommen, und kann also auch nicht in der reinen Form der sinnlichen Anschauung zugleich mit enthalten sein, [denn diese beruhe vielmehr auf einer] Verstandeshandlung, die wir mit der allgemeinen Benennung Synthesis belegen würden, um dadurch zugleich bemerklich zu machen, daß wir uns nichts, als im Objekte verbunden, vorstellen können, ohne es vorher selbst verbunden zu haben. (B 130) Demgemäß würde die Vielfalt der Aspekte, wenn wir sie als einheitliches Objekt wahr- 141 4 Wahrnehmung im Kontext

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nehmen oder vorstellen, notwendig auf eine Einheit des (oder besser: durch) Bewusstsein verweisen. Gemäß der Vorstellung, wonach die Naturwissenschaften eine Seinsstufe nach der anderen ergründen würden, ließe sich vermuten, dass schließlich auch Bewusstsein als Objekt einer Naturwissenschaft in Zukunft erschlossen und analysiert werden könnte. Dem scheint aber die Auffassung zu widersprechen, wonach Bewusstsein überhaupt erst Bedingung der Möglichkeit solcher Analysen darstellt. Wenn wir glauben, dass Wis- senschaft nicht mehr die Struktur der Welt an sich beschreibt, sondern lediglich deren Struktur, wie sie vom Bewusstsein erkannt wird, so begegnen wir einer grundsätzlichen Form der Selbstbezüglichkeit, wenn wir nach dem Bewusstsein fragen und es als Teil derselben Welt verstehen wollen. Besonders akut wird dies nun, wenn die Einheit des Bewusstseins als mereologi- sche Beziehung zwischen raumzeitlich getrennten biologischen Prozessen oder einzelnen Zuständen des Erlebens rekonstruiert werden soll (Dainton 2000, Bayne 2010). Eine tran- szendentale Einheit des Bewusstseins müsse nämlich, gemäß der Kantischen Idee, einer mereologischen Beschreibung von Erfahrungsgegenständen voraus gehen; wir können die- se Einheit nicht direkt erfahren, sondern höchstens als Bedingung von Erfahrung reflexiv erkennen. Dennoch lässt sich vielleicht hoffen, dass wir zumindest einige Aussagen zur empiri- schen Struktur des Bewusstseins machen können. Ein Beispiel dafür liefert die von Bayne & Chalmers (2003) formulierte Subsumptionsthese“. Demnach ist jeder phänomenale ” Teil ϕ eines Organismus (korrespondierend z.B. zu einer bestimmten Einzelwahrneh- mung) in einen globalen Zustand ψ eingebettet, der als das Bewusstsein zum jeweiligen Zeitpunkt bezeichnet werden könnte. Die Relation, die dieser Einbettung zugrunde liegt, kann als mereologische verstanden werden: X ψ= ϕi , (4.2) i P wobei die mereologische Summe über die einzelnen Teile bezeichnet, d.h. das Be- wusstsein ψ ist identisch zur mereologischen Summe der ϕi . Ein Beispiel wäre etwa zu sagen, dass die Wahrnehmung der Gegenstände auf meinem Tisch, der Hintergrund- 142 4 Wahrnehmung im Kontext

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geräusche von der Straße und meines gegenwärtigen Gemütszustandes Teile eines be- wussten Gesamtzustandes sind. Wiese (2016) nennt diese eine single state conception“ ” des Bewusstseins. Auch in der Integrated Information Theory von Tononi et al. (2016) spielt diese Form der Einheit des Bewusstseins eine große Rolle. Wie im vorherigen Kapitel argumentiert wurde, ist eine unqualifizierte Summenbil- dung recht umstritten2 , daher ist anzunehmen, dass weitere Bedingungen, die erst eine Summenbildung erlauben, auch von den Teilen ϕi erfüllt werden. (Wir haben Kandida- ten hierfür in Kapitel 3 kennengelernt: etwa funktionale oder topologische Berührung, FM2 bzw. MT). Man könnte dann auch folgern, dass der Unterschied zwischen bewussten und unbe- wussten Wahrnehmungen, etwa zwischen denen von Menschen und den Repräsentationen eines Computers, gerade darin bestünde, dass die Summe aus Gl. 4.2 für erstere (und nur für diese) immer und uneingeschränkt existiert. Dies wäre ein Argument, welches letztlich auf eine Essenz des Bewusstseins abzielen würde. Von phänomenalen Teilen ϕj könnte etwa vermutet werden, dass diese immer nur als Teile eines umfassenden Objekts ψ existieren, welches selbst aus diesen gebildet würde (Prentner 2019): X ϕj → ∃ψ ψ = ϕi ∧ ∀ϕi (ϕi = P̂i ψ) , (4.3) i wobei ϕj einen beliebigen phänomenalen Teil und {ϕi } die Klasse aller derzeit aktuali- sierter phänomenaler Teile bezeichne. Nun würde so eine Beschreibung vielleicht sogar einen deskriptiven Fortschritt ge- genüber den üblichen Versuchen der Beschreibung des Bewusstseins als empirisch fass- bares Objekt darstellen. Allerdings wird dabei die transzendentale Problematik, welche die Frage nach der Einheit des Bewusstseins überhaupt erst interessant macht, außen vor gelassen. Glauben wir nämlich, dass es eine Syntheseleistung des Bewusstseins darstellt, die Einheit der wahrgenommenen oder vorgestellten Gegenstände erst herzustellen, landen wir schnell in einem infiniten Regress, falls Bewusstsein wiederum gegenständlich auf- gefasst wird (Abb. 4.4): Dass wir einen Gegenstand als Einheit (d.h., als Referent ei- 143 4 Wahrnehmung im Kontext

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nes selbstständigen Objekts) vorstellen können, wird auf die Einheit des Bewusstseins zurückgeführt; wenn wir aber nun die Einheit des Bewusstseins (wiederum als Referent eines Objekts verstanden) auf die Einheit eines bestimmten (z.B. physikalischen) Ge- genstandes zurückführen – so etwa die Vorstellung, dass die Einheit des Bewusstseins in der temporalen Einheit (Synchronisation) neuronaler Aktivität begründet sei (Engel & Singer 2001) –, landen wir automatisch bei der Frage, was denn nun wieder die Einheit dieses Gegenstandes begründet usw. Wenn wir also, ähnlich wie Kant, daran glauben, die Einheit der wahrgenommenen Objekte folge der synthetischen Einheit einer geistigen Aktivität – in anderen Worten: wenn wir daran glauben, dass es vielleicht eine Wirk- lichkeit, aber sicherlich keine nicht-subjektive Wirklichkeit außerhalb der Wahrnehmung gibt –, dann begegnen wir Schwierigkeiten, wenn wir versuchen, von dem“ Bewusstsein ” mit diesen und jenen (nicht-subjektiven) Eigenschaften zu sprechen. ? X0 X /? ψO ψO 0 Abbildung 4.4: Zirkuläre Struktur der Vergegenständlichung. Bewusstsein als einheitlicher Gegenstand ψ wird auf die Einheit (physikalischer) Gegenstände X zurückgeführt, deren Einheit wiederum durch Rückführung garantiert werden muss. Umgekehrt scheint aber Kants Vorstellung genauso in einen Regress zu münden, so- fern wir ihn nicht durch Verweis auf ein selbstgenügsames transzendentales Bewusstsein, das irgendwie über den Dingen steht, abbrechen: die Skylla des zirkulären Objektivis- mus auf der einen Seite, die Charybdis des unbedingten Subjekts auf der anderen. Die Alternative ist es, von einem Bewusstsein zu sprechen, das weder als subjektiv noch als objektiv zu bezeichnen ist. Subjektive Wahrnehmung fällt eben genau nicht mit Be- wusstsein zusammen. Es soll nun noch einmal verdeutlicht werden, warum der Wahrnehmungsprozess 144 4 Wahrnehmung im Kontext

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wesentlich aus der mereologischen Perspektive betrachtet wurde. Wo davon gespro- chen wird, dass die (empirische) Einheit des Bewusstseins erklärt“ werden könne, wird ” gewöhnlich davon ausgegangen, dass der Inhalt des Bewusstseins einer einheitlichen Szenerie gleicht, die das Resultat einer neuronal vermittelten Zusammenfassung einer Vielzahl von Teil-Objekten ist ( phenomenal binding“; Revonsuo 1999). Dabei kommt ” den Inhalten des Bewusstseins aber die erklärungsbedürftige Eigenschaft zu, einheitlich zu erscheinen und gleichzeitig in diskrete Teile zerlegt werden zu können. Sowohl in der phänomenologischen Analyse nach Husserl, der von der Wahrnehmung von Aspek- ten ausgeht, als auch in einer neuropsychologischen Darstellung, die eine einheitliche phänomenale Realität“ (Metzinger 1995, S. 33) auf Basis von Anregungen separater ” Sinnesmodalitäten verständlich machen will, nehmen wir die Objekte des Bewusstseins immer über ihre Teile wahr. Dies soll nun in Hinblick auf die vorher diskutierte Aspektgestaltung der Wahrneh- mung betrachtet werden. In jenen Darstellungen wurde stillschweigend davon ausgegan- gen, dass, ausgehend von den Teilen x, die in einem Subjekt s zusammenlaufen, auf ein entsprechendes Objekt o vom Subjekt s geschlossen wird. Aber was bedeutet es überhaupt, in einem Subjekt s zusammenzulaufen“? Die Frage nach der Einheit des ” Bewusstseins kann als Frage danach verstanden werden, wie dieses Zusammenlaufen zu verstehen sei. Während es in Kapitel 3 also nur um die (syntaktischen) Beziehungen ging zwischen den Objekten, ihren Teilen und den Ganzheiten, auf die sie verweisen, scheint hier nach der Darstellung des Vollzuges eines für gewöhnlich (aber fälschlicherweise!) subjektiven“ Prozesses gefragt zu werden. ” Eine mögliche Darstellung dieses Prozesses (schematisch) Die Subsumptionsthese von Bayne & Chalmers (2003) könnte z.B. als Forderung nach Selbstkonsistenz dieses Vorgangs verstanden werden: In der Wahrnehmung werden nur diejenigen Objekt o aus einer Ganzheit hervorgebracht, deren Elemente selbst aus den Projektionen eben jener Objekte herrühren. Wir bezeichnen diejenige Aktivität, in der 145 4 Wahrnehmung im Kontext

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eine solche selbst-konsistente Struktur auftritt, als Bewusstsein ψ.3 Es gelte nun, dass xi = P̂i o (4.4) X o = xi (4.5) ⇒o = P̂1 o + P̂2 o + · · · + P̂n o (4.6) Gl. (4.6) lässt sich beliebig iterieren: o = P̂1 o + P̂2 o + · · · + P̂n o (4.7) ! ! ! X X X = P̂i o = P̂i P̂i o (4.8) i i i !n X = ... = P̂i o. (4.9) i Dass Objekte o als Ergebnisse selbst-konsistenter Prozesse beschrieben werden können, soll durch die Schreibweise bocψ ausgedrückt werden: !n X bocψ ⇔ o = lim P̂i o. (4.10) n→∞ i Ähnliche Konzepte finden sich in den Diskussionen zur Kybernetik zweiter Ordnung von Wahrnehmungs-Koordinationsprozessen (von Foerster 2003b) oder, allgemeiner, zur Struktur kreisförmiger und selbstbezüglicher Prozesse (Kauffman 2003). Objekte können dann als emergent bezüglich einer solchen Struktur aufgefasst werden. Würden wir tatsächlich die Objekte o direkt und ohne Umweg über die unselbst- ständigen Aspekte x wahrnehmen, so erschiene die Einheit der wahrgenommenen Ob- jekte als eine unmittelbare und nicht, wie in Gl. (4.10) ausgedrückt, als eine (durch Bewusstsein) vermittelte. Hierbei sollte vielleicht noch einmal betont werden, dass von einer Ganzheit (als System von Beziehungen) ausgegangen wird, aus der sich Teile herausbilden. In der subjektiven Wahrnehmung werden erst die Objekte untereinander und deren Teile als Projektionen aus dieser Ganzheit unterschieden (also: sichtbar gemacht). In diesem Sin- ne werden sie erst in der Wahrnehmung realisiert. Subjekt und Objekt sind dabei als 146 4 Wahrnehmung im Kontext

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je-relative Aspekte desjenigen Prozesses zu verstehen, welcher Wahrnehmung als Her- ausbildung bezeichnender Objekt zugrunde liegt. Wir haben dargestellt, wie Wahrnehmungsobjekte als Resultat von selbst-konsistenten Prozessen aufzufassen ist. Bezüglich dieses Prozesses sind die Objekte emergent – relativ zu einer Aktivität, die man für gewöhnlich als Tätigkeit einem Subjekt zuschreiben würde. Dies wäre jedoch mit einer prekären Verdinglichung gleichzusetzen. Wir nehmen keine Subjekte wahr, so wie wir Bäume im Wald wahrnehmen. Wenn wir genauer hinsehen, sehen wir vielleicht Zweige und Blätter, aber kein Subjekt. Sub- jekte, um in einer anderen Metapher zu sprechen, entsprechen den Perspektiven auf die Objekte, nicht einem Objekt selbst. Subjekte als Objekte der Wahrnehmung zu be- trachten, erschiene uns genau den Fehler zu begehen, den sowohl die naturalistische Philosophie des Geistes als auch die anti-naturalistische Phänomenologie üblicherweise ablehnen (Zahavi 2005). Im Gegensatz dazu wollen wir Subjekte als die objektiv-irreduziblen Momente der- jenigen Prozesse verstehen, die Objekte in der Wahrnehmung erst hervorbringen. Die Wahrnehmung kann insofern als subjektiv“ bezeichnet werden, als dass sich deren In- ” halte nicht restlos verobjektivieren lassen. Subjekte sind jedoch nicht äquivalent zu den Prozessen selbst, sie sind Aspekte oder Abstraktionen davon. Die Prozesse selbst bein- halten auch keine Subjekte, als lägen sie in einer Schachtel. Wir haben in Kapitel 2 bereits die Idee kennengelernt, wonach wir uns bezeichnend auf die Tätigkeit des Bezeichnens beziehen können. Ausgehend von Wahrnehmungen (als Resultate von Zeichenprozessen) können wir diese erneut als Glieder innerhalb von Zeichenketten darstellen: einerseits als Abfolge objektiver Zustände (etwa des Gehirns), andererseits als dazu korrelierender subjektiver Strom. Was dabei geschieht, ist eine Repräsentation des Subjekts als (meta-)Objekt. Die scheinbar unerklärliche Korrelation zwischen Subjekt und Objekt kommt daher, dass wir uns hier zeichenhaft auf einen bipolaren“ Prozess beziehen und beide Pole verdinglichen (das Resultat des Prozesses ” wird zum Objekt; seine Form zum Subjekt). Aber was ist dieser Prozess, aus dem die wahrgenommenen Objekte hervortreten? 147 4 Wahrnehmung im Kontext

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Wir könnten zuerst versuchen, von ihm als weiteres Objekt (oder Reihe von Objekten) zu sprechen. Die Gesamtheit der selbstständigen Objekte und deren Teile liefern uns dann vielleicht ein Bild all dessen, was sich am Prozess überhaupt als Objekt erkennen ließe, allerdings eines, das nicht vollständig wäre: ein Bild, dem es an Tiefenschärfe fehlen würde. Schließlich durchleben wir diesen Prozess. Wir sind Teil von ihm. Betrachten wir dazu noch einmal die Kugelmetapher Schopenhauers. Ein einführendes Beispiel in die mathematische Topologie handelt davon, dass zwar immer zweidimen- sionale, flache Karten erzeugt werden können, die lokal einen Abschnitt einer Kugelo- berfläche abbilden, dass es aber keine zusammenhängende, nicht-redundante Karte der gesamten Oberfläche gibt. In Analogie gilt: Prozesse lassen sich vielleicht mithilfe einer Objektbeschreibung lokal verobjektivieren“, aber es gibt keine globale Verobjektivierung ” von Prozessen. Es scheint daher, als könnten wir diesen Prozess weder als Ansammlung von Ob- jekten noch als solche von Subjekten (siehe oben) verstehen. Wir wissen (von unserem eigenen Fall), dass das Hervortreten von Objekten in der Wahrnehmung von Bewusst- sein begleitet wird. Wir wollen daher das Bewusstsein als denjenigen Prozess deuten, der dem Hervortreten von Objekten in der Wahrnehmung zugrunde liegt, aber es kann dann nicht davon gesprochen werden, dass hier Bewusstsein im“ Subjekt zu finden wäre oder ” dass Bewusstsein selbst ein Objekt unter vielen darstellen würde. 4.4 Wie es ist, eine Fledermaus zu sein Neben ihrer einheitlichen Struktur zeichnet sich Wahrnehmung allerdings auch durch deren Phänomenalität aus. Dies betrifft das, was üblicherweise als qualia-Problem ver- handelt wird. Wie wir früher bereits diskutiert hatten, führt dies manchmal zu ei- ner Aufspaltung in ein An-sich-Sein der Welt und deren Wahrnehmung, etwas, das von Whitehead als zu vermeidende Bifurkation der Natur“ bezeichnet wurde (CN, ” Kap. 2). Um nicht selbst in ähnliche Schwierigkeiten zu geraten, soll eine schwächere, nicht-substantialistische Auffassung von Phänomenalität vorgestellt werden, welche diese primär als Struktureigenschaft von Wahrnehmungsprozessen ausweist. Wahrgenommene Objekte ergeben sie sich aus einem System von Beziehungen und 148 4 Wahrnehmung im Kontext

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existieren immer nur relativ zu einem Wahrnehmungskontext. Dieser Wahrnehmungs- kontext ist, wie im letzten Abschnitt argumentiert wurde, in erster Linie ein syntheti- sierender: Wahrnehmungsinhalte ergeben sich aus den Aktivitäten eines Wahrnehmen- den (etwa aus der Beziehung eines Organismus zu seiner Umwelt). Die Phänomenalität der Wahrnehmung, die meist nur unbefriedigend (Dennett 1988) durch Verweis auf ei- ne un(an)greifbare what-it-is-likeness“ beschrieben wird, entspricht dabei der Art und ” Weise, wie Beziehungen als Objekte in Erscheinung treten. Phänomenalität, wie wir sie hier verstehen wollen, ist dabei keine unstrukturierte und intrinsische Eigenschaft der Dinge, sondern wesentlich eine strukturierte und re- lationale Eigenschaft eines Prozesses, der (intentionale) Objekte hervorbringt. Solche Prozesse sind, erstens, situiert – sie passieren nicht einfach, sondern unterliegen phy- sikalischen, biologischen, und soziokulturellen Einschränkungen 4 . Zudem haben wir, zweitens, gesehen, dass die wahrgenommenen Objekte, die als Resultate dieser Prozesse betrachtet werden können, eine bestimmte mereologische Struktur besitzen. Drittens, verweisen diese Objekte auf Systeme von Beziehungen 5 . Phänomenalität besitzt kei- ne kompositionale Struktur. Die Phänomenalität der Teile wird, ausgehend von einer (phänomenalen) Ganzheit, erzeugt. • Eine erste Veranschaulichung liefert die Farbwahrnehmung. Der wahrgenommene Kristall verweist auf ein Muster von Beziehungen, das nicht blau an sich ist, son- dern blau erscheint, sofern es als Objekt wahrgenommen wird, also sofern es den Inhalt eines Wahrnehmungsprozesses ( der Kristall“) bezeichnet. Daraus folgt aber ” nicht, dass einem Gegenstand (von dem Bewusstsein“) irgendetwas hinzugefügt ” würde. Ähnlich lässt sich das Beispiel der glühenden roten Scheibe aus Abb. 4.3 erklären. Es gibt ja unabhängig vom Kontext der Wahrnehmung gar keine Scheibe, die überhaupt repräsentiert werden könnte und der dann eine Farbe hinzugefügt würde. Als Alternative soll ein holistisches Bild vorgeschlagen werden. Erstens ist Phäno- menalität nicht auf eine Eigenschaft eines bestimmten Objektes reduzierbar, son- dern hat mit dessen Einbindung in einen Verweisungszusammenhang zu tun; zwei- 149 4 Wahrnehmung im Kontext

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tens können einige Objektteile selbst als verweisende Objekte erscheinen, d.h., dass diesen Objektteilen eine ihnen eigene Phänomenalität zugesprochen werden kann, wenn diese als verweisende Objekte in Erscheinung treten – etwa, wenn wir unsere Aufmerksamkeit auf diese richten. • Als zweites Beispiel lässt sich der stufenweise Verstehensprozess anführen, wie wir ihn etwa beim Vollzug eines Beweises oder der sinnstiftenden Verkettung be- deutender Einzelereignisse erleben. Oftmals wird davon gesprochen, ein Ergebnis noch nicht richtig verstanden“ zu haben, obwohl man jeden der einzelnen Schritte ” nachvollziehen kann und deren Korrektheit einsieht. Das richtige Verständnis und die damit einhergehende phänomenale Veränderung treten erst dann ein, wenn man das Ergebnis in seiner Gesamtheit“ erkannt hat, wenn man es also – um ” dies in der hier eingeführten Terminologie auszudrücken – als selbstständiges Ob- jekt wahrgenommen hat. Dies wirkt aber wiederum zurück auf die Bedeutung der einzelnen Schritte, da diese nun als Teile einer Ganzheit erkannt wurden. Die Phänomenalität der Ganzheit ist rückgekoppelt an die Erscheinungsweise der Teile, aus deren Gesamtheit sie hervorgeht. Dies ist aber keine magische Eigenschaft, die allein menschliches Bewusstsein als echt“ ausweisen würde, sondern eine struk- ” turelle Eigenschaft zwischen verweisenden Objekte und ihren Teilen innerhalb der (subjektiven) Wahrnehmung. Ob die Beispiele wesentliche Eigenschaften der phänomenalen Wahrnehmung illustrie- ren oder nur kontingente Veranschaulichung eines Gedanken sind, kann unter mehreren Gesichtspunkten untersucht werden, z.B. phänomenologisch: Was ist die entsprechende (Teil-Ganzes-)Struktur, die in einem kon- kreten Wahrnehmungsakt realisiert wird? evolutionär: Wie entstehen Typen solcher Strukturen im Zuge der Evolution eines Netz- werkes von Beziehungen? korrelativ: In welcher Konstellation treten verschiedene Objekte innerhalb des konkreten Falls verschiedener Bezugnahmen auf? Oder: Wie korreliert dabei eine Gruppe von 150 4 Wahrnehmung im Kontext

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Objekten zu einer anderen? psychophysisch: Lassen sich Verallgemeinerungen treffen? Lässt sich gar eine Art Brücken- ” 6 prinzip“ formulieren? Dies sind keine reduktiven Fragestellungen, was verdeutlichen soll, dass es sich nicht um eine Erklärung des phänomenalen Bewusstseins“ o.ä. handelt, wie es die meisten ” Vertreter einer naturalistischen Theorie des Bewusstseins vor Augen haben. Bewusstsein ist viel mehr als irreduzibel und unhintergehbar angenommen; gleichwohl ist es nichts Außer-natürliches oder Unbedingtes. Eine besondere Schwierigkeit scheint dabei darin zu bestehen, dass die qualitativen Inhalte der Wahrnehmung nicht experimentell zugänglich zu machen sind. Selbst wenn wir die Schilderungen von Personen betrachten, die uns erzählen, wie es sich anfühlt, eine bestimmte Sinneswahrnehmung zu durchlaufen – also etwa einen, als hell empfundenen Punkt in kurzer Distanz zu sehen oder zwei, als harmonisch empfundene Töne zu hören, die zeitlich versetzt erklingen – lässt sich nicht mit Bestimmtheit sagen, ob es sich dabei um die empfundene Qualität der Wahrnehmung selbst, um reproduzierende Berichte von Wahrnehmungserfahrung oder bloß um die Vergegenwärtigung der Erinnerung an eine solche handelt (vgl. die Diskussionen bei Dennett 1991a, Block 1995, Tsuchiya & Koch 2009). Allerdings bedeutet dies nicht, dass wir nicht versuchen könnten, Bewusstsein als Aktivität wissenschaftlich zu beschreiben. Wahrnehmung zeichnet sich z.B. auch durch dessen Strukturiertheit aus, welche etwa mithilfe psychophysischer Experimente und geeigneter formaler Methoden untersucht werden können (Prentner 2019, Tsuchiya & Saigo 2021). Während das Sehen zum Beispiel die räumliche Struktur des Wahrneh- mungsaktes verdeutlicht, also die Tatsache, dass wir visuelle Objekte lokalisieren (oder in den Raum werfen“), so verdeutlicht das Hören dessen zeitliche Struktur: Aus einer ” Abfolge wahrgenommener Töne entsteht die Wahrnehmung einer Melodie. Anders als bei der räumlichen Struktur der wahrgenommenen Objekte ist diese zeitliche Struktur jedoch unweit schwerer auf eine physikalische Abfolge externer Gegenstände reduzier- bar und stellt paradigmatisch ein Strukturelement des Wahrnehmungsaktes dar, das 151 4 Wahrnehmung im Kontext

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erst mithilfe subtiler Methoden mit außerpsychischen Daten verglichen werden kann (Sieroka 2015, Herzog et al. 2020, Singhal & Srinivasan 2021). Ganz analog zur vorigen Untersuchung der Teil-Ganzes-Beziehung eines Objekts, entspricht dies keiner offensichtlichen (und unmittelbaren) Einsicht, sondern zeigt sich erst in einer reflexiven Betrachtung. So etwa in Husserls Analyse des Zeitbewusstseins (PIZ). Gemäß dieser lässt sich der gesamte Bewusstseinsakt als zusammengesetzt aus den Momenten7 der Protention“, der Retention“ und der Urimpression“ betrachten. ” ” ” Keiner dieser Momente stellt für sich genommen ein (intentionales) Objekt dar. Erst in ihrer Gesamtheit konstituieren sie den Wahrnehmungsakt, dessen Objekt dann ein zeitliches genannt wird mit all seinen Qualitäten. Ähnlich wie bei den visuellen Objekten können wir zum Beispiel Töne als im Raum stehende lokalisieren, mit etwas Übung können wir dies sogar zur Orientierung nutzen und erschaffen dadurch einen gehörten Raum. Dabei werden einige einem so gebildeten Raumbegriff vielleicht einen anderen Stellenwert als dem visuellen zuweisen. Doch letzt- lich unterscheidet sich dieser von jenem nur dadurch, dass wir dem einen eine äußere Realität zusprechen, die an den visuellen Objekten klebt, während der andere bloß ” vorgestellt“ oder indirekt erschlossen wird. Realitätszuschreibungen folgen jedoch einer Eigengesetzlichkeit, die nicht in den Gegenständen selbst zu finden ist. Sobald wir ge- willt sind, zuzugeben, dass es sich in beiden Fällen nur um einen aus dem Bewusstsein konstruierten Raumbegriff handelt, werden wir auf die Frage, wie es sich wohl anfühle, wie eine Fledermaus räumliche Objekte mittels Echo zu orten, antworten: Genauso so wie es sich anfühlt, sie zu sehen – nur anders. Netzwerke und Aktivitäten Es scheint, als hätten wir in unserer bisherigen Darstellung unnötig viele Existenzannah- men getroffen: Es existierte demnach ein Reich der Gegenstände, das mittels verweisen- den (emergenten) Objekten erschlossen wird, welche als Teile den Subjekten erscheinen. Das Ergebnis wäre ein semiotisch angereicherter Dualismus – ein eher wenig zufrieden- stellendes Resultat. Der Physikalismus versucht nun, dies dadurch zu umgehen, dass er sowohl die Ge- 152 4 Wahrnehmung im Kontext

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genstände als auch die Subjekte und alle Zeichenobjekte als Klassen und Konfigurationen einer einzigen Art von Dingen – den physikalischen“ – ausweist. Anti-physikalistische ” Argumente bestreiten diese Möglichkeit, etwa indem sie dafür argumentieren, dass es neben physikalischen Wahrheiten noch andere gibt, dass rein physikalische Erklärungen eine Erklärungslücke hinterlassen oder dass Welten möglich sind, in denen Wesen exis- tieren, die physikalisch gleich beschaffen sind wie wir, jedoch über kein Bewusstsein verfügen. Doch zuerst sollten wir einmal versuchen, die Komplexität der dargestellten Situation zu verringern. Ein erster Schritt in diese Richtung wurde in der Diskussion der Einheit des Bewusstseins bereits gesetzt, indem das substantielle Subjekt in einen Prozess auf- gelöst wurde, dem zwar ein subjektiver Pol innewohnt, welchem aber für sich genommen keine substantialistische Interpretation zukommt. Dies entspricht einer Auffassung, die kategorische Eigenschaften als immer nur kontextuelle ausweist. Nun sei zusätzlich noch angenommen, dass diese Subjekte“ nichts anderes als die ” Referenten eines Zeichens darstellen: Wann immer wir uns auf sie beziehen wollen, ge- schieht dies in verobjektivierender Weise, d.h. aber, dass wir uns zeichenartig auf sie beziehen und gar nicht (sprachlich oder symbolisch) darüber Auskunft geben können, wie Subjekte nun eigentlich“ oder intrinsisch“ beschaffen wären. ” ” Wenn aber Subjekte immer nur als Referenten von Objekten aufzufassen sind und wir annehmen, dass die Existenz eines Zeichens immer bereits auf ein oder mehrere andere Subjekte verweist, dann scheinen wir in einem Regress zu landen, der nie zu einem Abschluss zu kommen droht. Eine unendliche Semiose. Eine Möglichkeit, wie sich eine solche scheinbar endlose Verkettung semiotischer Be- ziehungen als abgeschlossene verstehen ließe, beruht auf der Annahme einer kontex- tuellen Aspekthaftigkeit: Einerseits lassen sich Subjekte als Pole eines Zeichenprozesses auffassen, die selbst zum Zeichen werden, andererseits lassen sich Subjekte als diejenigen Gegenstände denken, die sich mithilfe von Zeichen auf andere Gegenstände beziehen. Oder anders ausgedrückt: In der Wahrnehmung (aus der Perspektive der ersten Per- son) erscheinen uns andere Subjekte als zeichenartige Objekte; in einer Beschreibung (aus der Perspektive der dritten Person) erscheinen Subjekte als aufeinander bezogene 153 4 Wahrnehmung im Kontext

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Gegenstände. Die Redeweise von Subjekten“ und Objekten“ soll nicht darüber hinwegtäuschen, ” ” dass es sich bei diesen Ausdrücken letztlich nur um die Darstellungen der relata einer kontextuellen Beziehung handelt; sofern von Gegenständen“ gesprochen wird, meint ” dies lediglich, dass hier ein Subjekt, weil es über ein Zeichen (d.h. über ein verweisen- des Objekt) vermittelt wahrgenommen wird, aus der Sicht eines anderen Subjektes als Referent eben jenes Zeichens und somit als gegenständlich angenommen wird. Es gibt aber kein absolutes Subjekt“ und keine letzten Objekte“, denen unabhängig von ih- ” ” ren Beziehungen irgendwelche Eigenschaften zukommen würden. Das hier gezeichnete Bild ist ähnlich der radikal-empiristischen Herangehensweise von James (2006): Sobald wir ein Das“ wahrnehmen, ist dieses bereits als vermittelte Konstruktion auszuweisen. ” Für-sich“ gibt es weder Subjekte noch Objekte, sondern nur ein ungeteiltes Bewusst- ” sein, welches in verschiedenen Kontexten als Zeichen hervortritt (James spricht von der reinen Erfahrung“). ” Eine Möglichkeit, ein ungeteiltes Bewusstsein darzustellen, besteht darin, es als Netz- werk bezeichnender Gegenstände zu beschreiben, wobei die Knotenpunkte je nach kon- textueller Bestimmung als Zeichen oder Bezeichnendes aufzufassen sind. Durch die Dar- stellung als geschlossenes Netzwerk wird ersichtlich, dass es wenig Sinn macht, nach dem Anfangs- oder Endpunkt, nach einem letzten Wesen oder einem unbewegten Beweger zu fragen. 154 Anmerkungen zu Abschnitt 4

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Anmerkungen zu Abschnitt 4 1 In diesem Kontext lässt sich auch folgende Bemerkung von Leonard & Goodman (1940, S. 55) verstehen: It becomes clear that the practice of supposing that things are what the x’s and y’s of Principia mathematica denominate and that qualities are necessarily to be interpreted as logical predicates thereof, rather than vice versa, is purely a matter of habit. The dispute between nominalist and realist as to what actual entities are individuals and what are classes is recognized as devolving upon matters of interpretative convenience rather than upon metaphysical necessity. Explizit spielt dies auf den Streit zwischen Realisten und Nominalisten an. Dementsprechend ließe sich vermuten, dass Metaphysik weniger mit einer nur der Vernunft zugänglichen Erkenntnis von Notwendigkeit zu tun hätte, als vielmehr mit der Interpretation formal darstellbarer Systeme. 2 Außer natürlich wenn wir meinen, dass es sich bei der Einheit des Bewusstseins um eine Eigenschaft der res cogitans handelt. Dann scheint eine generische Summationsbeziehung ange- messen, welche die rechten Pakete“ des Mentalen herausgreift. Immerhin ließe sich dann noch ” folgern, dass zumindest gelten müsste, dass ∀φ(φ ◦ ϕi ⇔ φ ◦ ψ), (4.11) d.h., dass die Definition der mereologischen Summe erfüllt wäre, wonach jeder Zustand, der mit einem der phänomenalen Zustände überlappt, auch mit ψ überlappen würde (und umgekehrt). Alle Objekte φ, ϕ und ψ entstammen jedoch – dies ist ja die dualistische Annahme – der res cogitans und obiges Kriterium könnte maximal als Abgrenzungskriterium dienen, das zwei Träger von Bewusstsein innerhalb der denkenden Substanz unterscheidet. 3 Natürlich entspricht unsere Darstellung wiederum einer Verobjektivierung dieses Prozesses. Genauer müsste es daher heißen, dass ψ nicht ein Objekt derselben Stufe oder desselben logischen Typus ist wie o oder x. Dennoch kann ψ (mereologisch) analysiert werden. 4 Vgl. auch die Diskussion zur Differenzierung des Erlebens“ bei Prentner (2016, S. 119ff.) ” für ein Modell, das phänomenales Bewusstsein anhand dreier Modalitäten charakterisiert, die sich im Rahmen ihrer Situierung in biologischen, psychologischen und sozialen Kontexten (oder alternativ gesprochen: in ihren materiellen, funktionalen und systemischen Bedingtheiten) ent- wickeln 5 Genauer: Objekte verweisen auf eine Ganzheit, die sich uns als System von Beziehungen darstellt. Gewisse Ähnlichkeit scheinen im Übrigen zum starken Intentionalismus (Crane 2013) 155 Anmerkungen zu Abschnitt 4

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zu bestehen, der die Phänomenalität des Bewusstseins aus dem Inhalt und der Art des Gege- benseins intentionaler Objekte abgeleitet sieht. Allerdings folgt aus dieser Lesart eine potenzielle Schwierigkeit, auf die Bayne (2010, S. 70f.) hinweist: Auch wenn sich der Inhalt des Bewusstseins (als einheitliches Objekt) aus mehreren intentionalen Objekten zusammensetzt, so ist dennoch nicht klar, dass jener selbst wiederum ein intentionales Objekt mit derselben doppelten Struk- tur Inhalt/Art des Gegebenseins ist. Dies allerdings würde die Bedingung dafür sein, dass sich Phänomenalität als abgeleitete Eigenschaft verstehen lässt. 6 Dies ist angelehnt an einen Vorschlag von Chalmers (2004), bezieht sich jedoch nicht wie dort auf die mögliche Verbindung von Erste- und Dritte-Personenbeschreibungen, sondern auf die Korrelation von Objekten. 7 Der Begriff des Moments“ bezeichnet, gemäß der Husserl’schen Terminologie, die ontolo- ” ” gisch abhängigen“ Teile einer Gesamtheit (in unserem Fall des gesamten Wahrnehmungsaktes), vgl. (LU, III.2) und Simons (1987, Kap. 8.4). Alltagssprachlich sei an das Moment zu denken, (wie in Drehmoment). 156 5 Die Welt des Bewusstseins

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5 Die Welt des Bewusstseins ... eine Erfahrungswissenschaft, welche lehrt, wie ein freyes Spiel der Kräfte möglich seye dadurch, daß die Natur neue Verbindungen bewirkt, und bewirkte Verbindungen aufhebt. (F. W. J. Schelling: Ideen zu einer Philosophie der Natur) 5.1 Prozessmereologie der Wahrnehmung Bewusstsein bezeichnet keinen Gegenstand, der irgendwo in der Welt vorkommen würde, und auch kein Objekt, wie es Zahlen, Geschichten und Funktionen wären, die vielleicht als Gegenstände ebenfalls nicht in der Welt vorkommen, aber diese im weitesten Sinne ordnen. Bewusstsein ist die Grundlage dafür, dass wir überhaupt von Objekten in“ der ” Welt sprechen können. Bewusstsein: was meinen wir eigentlich damit? Wir haben in den vorangegangenen Kapiteln dafür argumentiert, Bewusstsein weder zu verobjektivieren noch als rein sub- jektives Phänomen aufzufassen, so wie wir es normalerweise tun, wenn wir etwa von der bewussten Wahrnehmung“ (die ja ihrer Natur nach subjektiv ist) sprechen. ” Bewusstsein lässt sich als System von Beziehungen darstellen. Dies bedeutet nicht, dass Bewusstsein dasselbe ist wie ein System von Beziehungen, sondern nur, dass wir es, aus einer Perspektive, als System von Beziehungen betrachten können. Bewusstsein äußert sich in Beziehungen. Bewusstsein ist allerdings auch mit dem Wahrnehmen von Phänomenalität verbun- den. Der Apfel erscheint mir als rot, der Kaffee erscheint mit als bitter, die Zahnschmer- zen erscheinen mir als stechend. Wir tragen dem Rechnung, indem wir sagen, dass die phänomenale Wahrnehmung von dem handelt, was sich als System von Beziehungen aus- drücken lässt. Wir nehmen das Bewusstsein auf phänomenale Weise wahr. Bewusstsein wird in der Wahrnehmung verinnerlicht und zum Objekt unserer Wahrnehmung. System von Beziehungen j Objekt der 4 Wahrnehmung objektiv subjektiv Bewusstsein 157 5 Die Welt des Bewusstseins

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Manchmal wird so vom Bewusstsein gesprochen, als handle es sich dabei um einen Gegenstand, der sich aus einem System von Beziehungen ergäbe, etwa wenn wir in den Neurowissenschaften Bewusstsein“ mit einer bestimmten informationstheoretischen ” Struktur identifizieren. Manchmal wird dabei Rückgriff genommen auf die Redeweise von Emergenz“ und behauptet, dass das Bewusstsein einen physikalischen oder funktionalen ” Gegenstand bezeichnen würde.1 Nun ist die Literatur bekanntlich voll von Problemen, die mit solchen Theorien ein- hergehen, etwa das Problem der mentalen Verursachung oder der qualia. Die entspre- chenden Debatten werden zwar vertieft und meist recht subtil geführt, übersehen wird dabei aber die problematische Grundannahme, wonach über das Bewusstsein so gespro- chen werden könnte wie über Elektronen, Zahnräder, Wirbelstürme oder Gehirnzellen. Aber weder stellt Bewusstsein einen bestimmten Gegenstand in der Welt dar, etwa wie ein H2 O-Molekül, noch entsteht es als emergentes Phänomen, so wie die Transparenz des Wassers aus den Eigenschaften von H2 O-Molekülen hervorgeht. Doch wie ließe sich dann vom Bewusstsein sprechen? Wenn uns Bewusstsein in der Wahrnehmung subjektiv in Erscheinung tritt, dann bilden wir Zeichen aus. Ein möglicher erster Schritt bei der Aufklärung dieses Phänomens ist daher die Untersuchung zeichen- artiger Prozesse, in der die Eigenschaften von (intentionalen) Objekten als Verweise auf eine Ganzheit rekonstruiert werden. Paradigmatisch hierfür wurde die Teilseinsrelation untersucht. Dabei wurde nahege- legt, das Studium dieser Relation als formale Darstellung der Art und Weise aufzufassen, wie Zeichensysteme überhaupt entstehen (als Projektionen aus einer Ganzheit), anstelle einer metaphysischen Lesart, die zum Beispiel auf die Darstellung der Struktur eines Ding-an-sichs oder von Substanzen abzielte. Expliziert wurde dies im Modell der projektiven Mereologie, in dem Teilsein als kon- textuelle Eigenschaft angesehen wird: Keinem Objekt kommt für sich die Eigenschaft zu, ein Teil oder ein Ganzes zu sein, sondern immer nur relativ zur Existenz eines Pro- jektionsoperators, der ein Objekt als Teil eines anderen hervortreten lässt. Ausgehend davon wurde die Unterscheidung eingeführt zwischen ( selbstständigen“) Objekten, die ” auf konkrete Gegenstände verweisen, und ihren ( unselbstständigen“) Teilen, die auf kei- ” 158 5 Die Welt des Bewusstseins

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ne solchen Gegenstände außerhalb des Systems der Zeichen verweisen. Wir bezeichnen dies als Prozessmereologie der Wahrnehmung. Über Bewusstsein, so die Überlegung, kann mithilfe dieser oder ähnlicher 2 theore- tischer Werkzeuge auf neuartige Weise (formal) gesprochen werden. In diesem Zusam- menhang wird von Emergenz nicht länger als der Verbindung der Seinsweisen natürlicher (physikalischer) Gegenstände gesprochen, sondern Emergenz bezeichnet denjenigen Pro- zess, der verschiedene Objekte erst hervortreten lässt. Emergenz steht dabei für die Herausbildung neuartiger Objektbeschreibungen inner- halb eines Systems von Verweisen. Objekte haben Eigenschaften (allen voran: dass sie eine Einheit bilden), die nicht bereits im Bewusststein (allen voran: dass es ungeteilt ist) angelegt sind. Ein solcher Emergenzbegriff wird bei genauerer Analyse wesentlich als kontextueller, struktur- oder musterrelativer zu verstehen sein. Dies soll des Weiteren nicht so ver- standen werden, dass Emergenz einen Vorgang bezeichnen würde, der sich losgelöst und nur im Verstand“ vollzieht, was letztlich wiederum einem dualistischen Bild entspräche ” – z.B. dem einer objektiven physikalischen Welt, die ihrer subjektiven (und emergen- ten) Erscheinung im Geiste eines Beobachters gegenübersteht. Emergenz soll hier viel mehr die Entstehung von Objekten innerhalb eines Prozesses bezeichnen, der sich als System darstellen ließe – etwa Organismus-Umwelt“ (vgl. die Diskussion zur zellulären ” Wahrnehmung), aber auch Beobachter-Beobachtetes“ oder Gesellschaft-Individuum“. ” ” Zusammen mit den Überlegungen zur projektiven Mereologie, welche die Inhalte der Wahrnehmung als Objekte betrachtet, die zu ihren Teilen in einer Teil-Ganzes-Beziehung stehen und gleichzeitig auf Gegenstände außerhalb der subjektiven Erfahrung verweisen, folgt eine wesentlich prozessuales Modell von Bewusstsein (Tab. 5.1). Emergenz bezieht sich dabei nicht auf das Bewusstsein selbst, sondern auf die Ob- jekte, die aus dem Bewusstsein hervortreten. Wenn wir verstehen wollen, was hinter“ ” diesen Objekten steht, stoßen wir auf ein System von Beziehungen (i), das selbst im- mer nur als sich änderndes Netzwerk von Objekten dargestellt werden kann. Gleichzeitig nehmen wir es durch Verweise auf eine Ganzheit wahr (ii), was uns allerdings immer nur einen Aspekt des Bewusstseins präsentiert und uns keine Wahrnehmung seiner Totalität 159 5 Die Welt des Bewusstseins

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ermöglicht. (Es gibt wahrgenommenes Bewusstsein, und es gibt nicht-wahrgenommenes Bewusstsein). Wenn wir nun verstehen wollen, wie sich Objekte innerhalb der Wahrnehmung kon- stituieren, stoßen wir auf ihren verweisenden (intentionalen) Charakter (iii) sowie deren mereologischer Struktur (iv). Die Wahrnehmung bietet uns einen Kontext, innerhalb des- sen Objekte als emergente Zeichen verstanden werden können (v). Gleichzeit erscheinen sie als phänomenal (vi) – für viele zeitgenössische Denker das Merkmal des Bewusstseins – was dafür spricht, dass es hier um Wahrnehmungen von Bewusstsein geht (andernfalls bliebe diese Eigenschaft mysteriös: das hard problem). Tabelle 5.1: Prozessmereologie der Wahrnehmung. Sechs Aspekte 1. Bewusstsein lässt sich objektiv als System von Beziehungen darstellen. (systemischer Aspekt). 2. Bewusstsein nehmen wir subjektiv als Verweis auf eine Ganzheit wahr (holistischer Aspekt). 3. Solche Verweise sind Zeichen, die sich auf eine Ganzheit beziehen (se- miotischer Aspekt). 4. Zeichen besitzen eine Teil-Ganzes-Struktur (mereologischer Aspekt). 5. Zeichen sind Objekte, relativ zu einem Kontext, aus dem sie hervorgehen (prozessualer Aspekt). 6. Objekte erscheinen in der Wahrnehmung als Projektion von Bewusstsein (phänomenologischer Aspekt). Jetzt wollen wir dies in den Kontext einiger zeitgenössischer naturwissenschaftlicher Projekte stellen. 5.2 Brücken zur Wissenschaft: Phänomenologie, Kognition und Physik Physik und naturalisierte Phänomenologie Die naturwissenschaftliche Erforschung von Wahrnehmungsphänomenen scheint in einer Sackgasse gelandet zu sein. Während zwar einige Fortschritte bei der Darstellung psy- 160 5 Die Welt des Bewusstseins

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chophysischer Korrelationen gemacht wurden, allen voran der neuronalen Korrelate des ” Bewusstseins“ (Koch et al. 2016, Lepauvre & Melloni 2021), ist immer noch unklar, wie diese Korrelationen erklärt werden könnten oder warum sie überhaupt existieren. Es ist unklar, wie ein erst-personales Erleben mit dem Vorhandensein bestimmter neuronaler Muster zusammenhängt. Es wäre ebenso plausibel (eigentlich viel plausibler!) anzuneh- men, dass neuronale Prozesse unabhängig von erst-personalem Erleben ablaufen. Eine Möglichkeit, Korrelate zu erklären, wäre es, diese als Manifestationen einer dar- unterliegenden Realität zu begreifen (Prentner 2018b, Atmanspacher & Rickles 2022, At- manspacher & Prentner 2022). Die Tatsache, dass verschiedene Aspekte dieser Realität miteinander korreliert sind, ist nicht weiter verwunderlich, wenn davon ausgegangen wird, dass sich hier eine Ganzheit (das ungeteilte Bewusstsein) in ihren Teilen (objekti- ve Beziehungen und subjektive Wahrnehmungen) äußert. Eine systematische Erklärung der Korrelation kann durch die Art und Weise, wie sich diese Teile ausbilden, gege- ben werden. Dabei ließe sich bei dem (aus naturalistischer Perspektive!) so mysteriösen Erleben beginnen. Die Idee, das Studium des erstpersonalen Erlebens weniger als rein innerphilosophi- sches Projekt zu begreifen (wie z.B. in der klassischen Phänomenologie) und dieses statt- dessen eng an naturwissenschaftliche Verfahren heranzuführen, kann als naturalisierte ” Phänomenologie“ (Gallagher 2012, Zahavi 2013) bezeichnet werden. Das bekannteste Beispiel ist wahrscheinlich die Neurophänomenologie Francisco Varelas (Varela 1996, Berkovich-Ohana et al. 2020). Beispielhaft wurde dabei Husserls Analyse des Zeitbe- wusstseins aus den PIZ und eine Beschreibung der neurobiologischen Grundlage tempo- raler Reizverarbeitung als einander bedingende ( mutually constraining“) Darstellungen ” betrachtet (Varela 1999). Neben Varela gibt es auch weitere Vertreter einer naturalisier- ten Phänomenologie, die statt der neurophysiologischen Ebene auf systemisch-kognitiver (van Gelder 1999) oder überhaupt zellulärer (Thompson 2007) Ebene ansetzen. Auch die Idee, unser affektives Erleben würde aus einer systemischen Verstärkung einer bereits zel- lulär realisierten Empfindung resultieren (Damasio & Carvalho 2013), könnte zumindest als phänomenologisch-inspirierte aufgefasst werden. Neuerdings bekommt das Studium der Neurophänomenologie wieder vermehrt Aufmerksamkeit in der neuroscience of con- 161 5 Die Welt des Bewusstseins

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sciousness (Seth 2021, Signorelli, Szczotka & Prentner 2021) und verstärkt gibt es auch Bemühungen, Quantenmechanik aus einer phänomenologischen Perspektive heraus zu verstehen (French 2020, de la Tremblaye & Bitbol 2022). Für das Projekt einer naturalisierten Phänomenologie, gleich auf welcher Ebene nun angesetzt wird, ist die Formulierung geeigneter mathematischer oder anderer formaler Modelle zentral, da diese das Verbindungsglied zwischen der phänomenologischen Ana- lyse und der Darstellung physikalisch-biologischer Prozesse bildet. Historisch kam dabei der Theorie dynamischer Systeme eine ausgezeichnete Rolle zu. Dass dies quasi in der Natur der Sache läge, ist eine Vorannahme, die vermutlich darauf gegründet ist, dass Bewusstsein als Teil eines (biologisch-kognitiven) Systems verstanden werden müsse. Rein pragmatisch betrachtet entspricht dies aber vielleicht einer vorschnellen Einengung auf ein bestimmtes mathematisches Modell, was übersieht, dass solche Modelle ganz ge- nerell als ontologisch-neutrale Werkzeuge zur Beschreibung psychischer und physischer Phänomene betrachten werden können (vgl. dazu insbesondere Sieroka 2015, Kap. 9.3). Nun gewinnt man bei allzu schnellem Hinsehen leicht den Eindruck, dass Phäno- menologie lediglich als deskriptive Vorstufe zu neuro- oder kognitionswissenschaftlichen Experimenten zu betrachten wäre, in deren Design mehr oder weniger detailreiche Er- kenntnisse einer erst-personalen Betrachtung einfließen würden. Im Hinblick auf die Vor- stellung, Bewusstsein würde ein Objekt innerhalb der neuro-kognitiven Darstellung be- zeichnen, erscheint dies verständlich. Allerdings sollte es ja gerade darum gehen, wie denn überhaupt Objekte in der Wahrnehmung hervortreten können. Aber genau dies wird in der Theorie dynamischer Systeme genauso wenig manifest wie in anderen ma- thematischen Modellen, die ihren Fokus auf Neurowissenschaft legen. Dies ist ein Punkt, der bereits von Varela (1998) selbst impliziert wurde, als er darauf hinwies, dass bewusste Erfahrung nicht Effekt oder Begleiterscheinung eines ganz bestimmten, objektiv beschreibbaren physikalischen Vorganges darstellt, sondern den Ausgangspunkt einer jeden (letztlich auch wissenschaftlichen) Tätigkeit markiert (vgl. dazu auch Bitbol 2002 und Zahavi 2013): Es geht weniger (nur) darum, wie bestimmte Objekte in ihrer wahrgenommenen Qualität zu beschreiben wären, als vielmehr auch darum, wie diese Objekte überhaupt entstehen können. Dies wird von der modernen 162 5 Die Welt des Bewusstseins

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Neurophänomenologie aber häufig übersehen. Dagegen ließe sich einwenden, dass es sich beim oben Gesagten höchstens um Speku- lation handle, was vielleicht von philosophischem Interesse ist, aber wenig mit den expe- rimentellen und quantitativen Studien zu tun hat, welche die naturwissenschaftliche Ver- fahrensweise auszeichnen würde. Anstelle von mysteriösen philosophischen Ausführungen wären Darstellung zweckmäßiger, welche diese vermeintlichen Prozesse der Verobjekti- vierung auf ausgewählte Naturprozesse reduzieren, die durch Physik, Chemie und Bio- logie bereits hinreichend beschrieben werden. Letztlich entspräche die Frage nach dem Hervortreten der Objekte, vielleicht nur der Frage nach der rechten Auflösung: Wenn wir nur genau genug hinsähen, würden wir schon auf die eigentlich“ existierenden phy- ” sikalischen Gegenstände stoßen. Doch dies bleibt eine eher zweifelhafte Heuristik, die von der physikalischen Situa- tion nur bedingt gedeckt wird. Richten wir unseren Blick ins Innere der Natur“, be- ” ginnen sich die ursprünglich gegebenen Objekte in Relationen aufzulösen (Ladyman & Ross 2007). Im Nachhinein lassen sich die Objekte als hochstufige Verdichtungen fun- damentalerer Prozesse interpretieren. Doch diese Prozesse selbst sind, gemessen an der alltäglichen Erfahrung, höchst sonderbar. Mithilfe sog. Feynman-Diagramme werden elementare Prozesse der Wechselwirkung in der Teilchenphysik bildhaft dargestellt und letztlich quantitativ bestimmt. Dabei werden Interaktionen (beispielsweise zwischen zwei Elektronen) als Austausch virtu- ” eller Teilchen“ beschrieben, die nur noch wenig gemein haben mit Objekten im üblichen (alltäglichen) Sinn. Allgemein gesprochen, werden in der Quantenfeldtheorie Teilchen als Anregungszustände von Feldern verstanden, deren Interaktion wiederum über virtuelle Teilchen dargestellt werden kann. Virtuelle Teilchen unterscheiden sich von gewöhnlichen Teilchen dadurch, dass sie keine asymptotisch stabilen Zustände bezeichnen.3 Physiker sprechen davon, dass sie nicht auf der Massenschale“ (oder on shell“) zu liegen kom- ” ” men (Bleck-Neuhaus 2012). Philosophisch könnte man davon sprechen, dass virtuellen Teilchen für sich genommen keine Existenz zukommt außerhalb derjenigen Prozesse, in denen sie auftreten. Aber auch wenn wir einfache chemische Reaktionen betrachten und ausgehend von 163 5 Die Welt des Bewusstseins

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ihnen zu immer komplexer werdenden Systemen fortschreiten – Reaktionsnetzwerke, Zel- len, ganze Organismen –, stoßen wir auf zahlreiche Beispiele für die Entstehung qualitativ neuartiger Objekte, welche sich im Rahmen der Dynamik des Systems ausbilden, aber keine Existenz außerhalb der Systeme haben, in denen sie stehen. (Und dazu braucht es auch keine zusätzliche Zutat, die kausal ins Naturgeschehen eingreifen würde.) Die Objekte, die in unserer Wahrnehmung hervortreten, so die Hypothese, können analog zu den virtuellen Objekten der Physik, Chemie und Biologie verstanden wer- den. Die primäre Herausforderung für das Projekt einer naturalisierten Phänomenologie besteht also darin, einen Formalismus zu finden, der versucht, einen solchen Objektivie- rungsprozess darzustellen. Dies kann auch als Kritik an einer ontologisch-naiven Lesart der Theorie dynamischer Systeme verstanden werden kann. Gehirn und Quantenbiologie Ansätze, die Funktionsweise des Gehirns im Rahmen der Quantenmechanik zu verstehen, können als Alternativprojekte zum neurobiologischen Dogma der Bewusstseinsforschung betrachtet werden (Atmanspacher 2020a). Die Notwendigkeit, quantenphysikalische Mo- delle zur Erklärung von Bewusstsein hinzuzuziehen, wird manchmal bezweifelt, nicht nur, weil jene neurobiologisch relevante Quanteneffekte postulieren, deren Existenz oft prominent bezweifelt wurden (Koch & Hepp 2006), sondern auch, weil sie sich dabei oft an oder sogar jenseits der Grenzen der etablierten Quantentheorie positionieren. Die Faszination von quantenphysikalischen Modellen ist dennoch ungebrochen und wird ver- mutlich noch lange anhalten. Es gibt wenig objektive Gründe, die gegen solche Ansätze sprechen. Der aktuell wahrscheinlich meist-diskutierte Ansatz ist die Orch OR“-Theorie von ” Stuart Hameroff und Roger Penrose (2014), die, erstens, davon ausgeht, dass die Reduk- tion des quantenmechanischen Wellenpakets (der sog. Kollaps“ der Wellenfunktion) ” einem objektiven Ereignis entspricht (OR: objective reduction), was, zweitens, mit Mo- menten einer vor-bewussten, psychischen Aktivität einhergeht, die schließlich, drittens, von biologischen Strukturen, den Mikrotubuli, so orchestriert (Orch: orchestrated ) wer- den, dass daraus ein reichhaltig strukturiertes Bewusstsein hervorgeht. 164 5 Die Welt des Bewusstseins

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Alle drei Punkte sind umstritten: der erste, weil er eine realistische Auffassung der Quantenmechanik nahelegt, die auf eine bestimmte (unbestätigte) Theorie der Quanten- gravitation verweist, der zweite, weil er eine physikalistische Form des Panprotopsychis- ” mus“ (Chalmers 2013) vertritt, und der dritte, weil er die Existenz von quantenmechani- schen Kohärenzen im Gehirn vorhersagt. Jeder dieser Punkte für sich wäre Gegenstand heftiger Kontroversen, aber zusammengenommen ergibt sich eine explosive Mischung, welche für viele die Grenzen der Wissenschaftlichkeit sprengt. Aus unserer Sicht sind insbesondere die beiden ersten Annahmen problematisch, welche letztlich eine gegenständliche Auffassung nahelegt, wonach (Vor-)Bewusstsein mit bestimmten objektiven Vorgängen in der Natur zu identifiziert sei. Für Penrose (1994) ist die Hauptmotivation für diese Annahme die Existenz nicht-algorithmisch beschreibbarer Vorgänge in der Natur. Penroses vielleicht bekanntestes Beispiel stützt sich dabei auf eine Interpretation des Unvollständigkeitssatzes von Kurt Gödel, eine Interpretation, die aber umstritten ist (siehe etwa Feferman 1995). Ein etwas anschaulicheres Beispiel, dass dem Penrose’schen Gedankengang nahe- zustehen scheint, haben wir bereits kennengelernt, als wir die Phänomenologie eines Verstehensprozesses untersucht hatten. Dabei ging es darum, dass die Bedeutung eines mathematischen Beweises manchmal auch dann nicht erkannt wird, wenn die einzelnen Schritte innerhalb einer Beweiskette vollständig nachvollzogen worden sind: Das Aha- Erlebnis ist nicht das Produkt eines regelhaften Verfahrens. Anders als bei Penrose wurde dieses jedoch mit der Emergenz eines Objektes im Bewusstsein verknüpft und nicht mit der Existenz von nicht-algorithmischen, aber objektiven Quantenprozessen. Die vielleicht meiste Aufmerksamkeit bekam allerdings die dritte Annahme, wonach kohärente Superpositionen von Mikrotubuli zu einer Art Verstärkung psychischer Akti- vität und letztlich zum Entstehen von Bewusstsein führen würde, was Patricia Church- land (1998, S. 121) zum Verdikt verleitet hat, wonach die Postulierung von Feenstaub in ” den Synapsen ungefähr so brauchbar zur Erklärung von Bewusstseinsphänomenen wäre wie Kohärenz von Mikrotubuli“. Auf der weniger brachialen Ebene gab es Schätzungen von Tegmark (2000) und Erwiderungen von Hagan et al. (2002), die sich mit der Frage nach den Zeitskalen der Dekohärenz solcher Prozesse beschäftigt haben, allerdings zu ge- 165 5 Die Welt des Bewusstseins

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gensätzlichen Schlüssen gekommen sind. Die Mehrheit der Physiker und Biologen stehen der Möglichkeit solcher Prozesse eher skeptisch gegenüber. Die Datenlage erscheint vielen als zu dünn (was aber letztlich eine soziologische, keine wissenschaftliche Beobachtung darstellt). Dass Quanteneffekte im Gehirn dennoch eine Rolle spielen könnten, wurde unlängst auch von Matthew Fisher (2015) vorgeschlagen, der anders als Hameroff & Penrose jedoch von der Verschränkung zwischen räumlich getrennten Kernspins zweier Phospha- tionen ausgeht, die durch deren molekulare Umgebung isoliert werden können. Dies hätte zur Folge, dass die Verschränkung über genügend lange Zeit stabil bliebe und dem Ge- hirn als eine Art computationale Ressource zur Verfügung stünde. Motivation lieferten experimentelle Untersuchungen, die Isotopeneffekte bei der Verabreichung von Antide- pressiva beim Studium des Verhaltens von Ratten (!) beobachteten (Sechzer et al. 1986), was gemäß jeder klassischen Theorie neurochemischer Wirksamkeit ausgeschlossen wäre. Bei Fishers Theorie handelt es sich allerdings nur“ um die Vorstellung, im Gehirn ” würden Quantenprozesse nutzbar gemacht werden, ähnlich wie in der Photosynthese, wo Quantenprozesse eine Rolle beim Energietransport spielen sollen (Sarovar et al. 2010), oder bei der Orientierung von Vögeln entlang des Erdmagnetfelds (Ritz et al. 2000). Im Gegensatz zur Theorie von Hameroff & Penrose gibt es keine Identifizierung zwischen Be- wusstsein (oder einer Vorform des Bewusstseins) mit einer objektiven Reduktion“ von ” Quantenzuständen o.ä., was Fisher zum metaphysisch nicht-revisionären Vertreter einer als Quantenbiologie“ (Mohseni et al. 2014) bezeichneten Forschungsrichtung macht, die ” Quanteneffekte in biologischen Systemen nachweisen will.4 Allerdings ist fraglich, ob die Möglichkeit, das Gehirn in Teilen als Quantencompu- ter zu beschreiben, uns mehr über das Bewusstsein verrät, als klassische computationale Theorien des Gehirns es tun würden, da auch ein derartiges Modell uns nicht klarmachen könnte, wie oder warum es zu subjektiven Erleben kommt. Zwar würden quantenbiolo- gische Theorien neuartige neuronale Operationen spezifizieren, aber sie wären in Bezug auf das Bewusstsein mit denselben Schwierigkeiten konfrontiert wie herkömmliche funk- tionalistische und computationalistische Theorien auch. In eine ganz andere Richtung geht ein Zweig der modernen Kognitionspsycholo- 166 5 Die Welt des Bewusstseins

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gie, welcher versucht, formale Analogien zwischen quantenmechanischen und kognitiven Phänomenen nutzbar zu machen (Wang et al. 2013, Bruza et al. 2015). Dabei geht es, an- ders als in den zuvor genannten Theorien, in erster Linie um strukturelle Eigenschaften kognitiver Prozesse wie etwa die Nicht-Kommutativität von Projektoren oder anderen Operatoren (vgl. auch Abschnitt 3) und weniger um die Existenz eines quantenphysika- lischen Mechanismus im Gehirn. Die Idee, psychische Phänomene mithilfe derselben Formalismen zu beschreiben, die auch erfolgreich dazu benutzt wurden, das grundlegende Verhalten von Materie zu be- schreiben, steht der von uns vertretenen Ansicht näher als die Versuche, Quanteneffekte im Gehirn als Orchestrierungen vor-bewusster, aber physikalischer Ereignisse oder als computationale Ressourcen zu verstehen. Insbesondere die Darstellung der projektiven Mereologie, wo verweisende Objekte in der Wahrnehmung aus Ganzheiten erzeugt wer- den, scheint formal analog zur Projektoralgebra (Hiley 2011) oder zur Zerlegungsweise multipartiter Quantensysteme (Atmanspacher & Rickles 2022)[Kap. 7.4] zu sein. Dies erscheint auch mit der zuvor genannten Phänomenologisierung“ der Quantenmechanik ” kompatibel zu sein, deutet aber weniger auf eine idealistische Interpretation der Quanten- mechanik als vielmehr auf eine prozessuale (vgl. auch Signorelli, Wang & Coecke 2021). Dies ist eng verbunden mit aktuellen Entwicklungen im Bereich des quantum artificial life (Alvarez-Rodriguez et al. 2018) oder des quantum machine learning (Biamonte et al. 2017), die suggerieren, dass ein exklusiver Fokus auf ein klassisches Substrat der Psyche unter Umständen dazu führt, dass wichtige Einsichten übersehen werden. Ein Beispiel, das dies deutlich macht, ist das Modell der projektiven Simulati- ” on“ (Briegel & De las Cuevas 2012), demgemäß das Verhalten eines Akteurs auf der Basis nicht-deterministischer Bewegungen innerhalb eines virtuellen Raumes ( memory ” space“) bestimmt wird. Situiertheit und Reflexion wird dabei nicht durch solche Prozes- se beschrieben, wie wir sie üblicherweise mit der Datenverarbeitung eines Computers in Verbindung bringen, sondern folgt aus den strukturellen Eigenschaften des Akteurs und der Rückkopplung an seine Umgebung. Etwas spekulativer sprechen Briegel & Müller (2015) sogar davon, dass hier die Geschichtlichkeit von Erfahrung und Identität sichtbar würde und letztlich sogar bedeutsame Konsequenzen für das philosophische Problem der 167 5 Die Welt des Bewusstseins

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Willensfreiheit5 gezogen werden können. Kognitionswissenschaften und theoretische Psychologie In den Kognitionswissenschaften scheint einer Auffassung vermehrt Aufmerksamkeit zu- zukommen, welche Psychisches als physikalisch-biologische Aktivität versteht und nicht mehr mit der Instantiierung einer computationalen Funktion. Diese Auffassung wird gerne unter der Sammelbezeichnung der 4E-cognition (Newen et al. 2018) geführt. Dieser Umstand ist umso interessanter, als dass sie als Beschreibung des kleinsten gemeinsamen Nenners einiger sehr verschiedener Ansätze betrachtet werden kann, wel- che durchaus entgegengesetzte Grundannahmen über das Verhältnis zwischen Körper und Geist treffen. Als Beispiele lassen sich hier die Theorie des prädikativen Geistes (Hohwy 2013), des kognitiven Externalismus (Clark & Chalmers 1998), der verkörperten Kognition (Gallagher 2005), des Enaktivismus (Varela et al. 1991) oder der evoluti- onären Wahrnehmungstheorie (Hoffman et al. 2015) aufzählen. Während es bei einigen Spielarten eher um (philosophisch gesehen) basales Verhalten und weniger um komplexe Formen der Entscheidungsfindung geht, wird die soziale Dimension, die echte Hand- lungen von bloßem Verhalten unterscheidet, immer mehr berücksichtigt (siehe etwa Menary 2007, Gallagher 2013, Tschacher et al. 2014). Daneben existiert eine Unzahl an Arbeiten, die das Für und Wider dieser Theorien abwägen (z.B. Hickok 2015, Pohl et al. 2016, Carney 2020) oder die Querverbindungen herstellen (Clark 2016, Gallagher & Allen 2018). Eine strikte Kategorisierung wird dadurch erschwert, dass viele klassische philosophi- sche Positionen von den oben genannten Vertretern teilweise entgegengesetzt bewertet werden (Internalismus – Externalismus, Repräsentationalismus – Direkter Realismus, Objektivismus – Konstruktivismus, etc.). Aus diesem Grund scheint es umso angebrach- ter zu sein, sich auf ein ganz grundsätzliches strukturelles Merkmal dieser Ansätze zu beschränken, welches anschließend in Verbindung mit der von uns vertretenen Prozess- mereologie der Wahrnehmung werden soll. Dabei kann von der Idee ausgegangen werden, wonach Organismen autonome (d.h. selbst-definierende) Zeichenverwender sind, die ihr Handeln scheinbar zweckmäßig mo- 168 5 Die Welt des Bewusstseins

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difizieren, was von uns als Verwendung interner“ oder externer“ Zeichen interpretiert ” ” werden kann – mit flüssigen Grenzen (Clark 2017). Allen Ansätzen ist zudem gemein, dass sie plausibel machen wollen, wie es überhaupt zu zielgerichtetem oder biologisch nützlichem Verhalten kommen kann, was als Grundlage von Handlungen und Entschei- dungen dienen könnte. Formal können solche Organismen z.B. als relativ stabile Zentren von Aktivitäten beschreiben werden, welche von ihrer Außenwelt informationell entkoppelt sind, was be- deutet, dass jegliche Form von Wissen, die ein Organismus über seine Umgebung in Erfahrung bringen könnte, immer bereits einer Filterung, Modifizierung, oder artspezi- fischer Verarbeitung ausgesetzt ist. Gleichzeitig sind Organismen jedoch aktiv an ihre Außenwelt gekoppelt, d.h. sie können auf ihre Umgebung einwirken. Organismen und de- ren Umwelten entwickeln sich parallel. Einerseits existieren also keine expliziten mentalen Repräsentation im Geist“ des Organismus, sondern physiologisch-internalisierte Model- ” le seiner Umwelt. Andererseits erlaubt ihnen dies erst die aktive Teilhabe am natürlichen Geschehen durch Motororgane, eventuell sogar mithilfe des gleichen Mechanismus, der die Ausbildung solcher Modelle beschreibt (Wiese & Metzinger 2017). Exemplarisch wurde dies etwa im Formalismus von Friston (2013) dargestellt, wonach das Innere einer Zelle statistisch von seiner Außenwelt abgeschirmt ist und gleichzeitig Teil einer zirkulären, kausalen Struktur zwischen den Zuständen der Umgebung und de- nen der Zelle ist. Änderungen im Zustand des Organismus, in Reaktion auf Änderungen im Zustand seiner Umgebung, können dann auch als Zeichenaustausch interpretiert wer- den.6 Eine noch radikalere Form nimmt dies in der Wahrnehmungstheorie von Hoffman et al. (2015) an, die statt von Organismen nur noch von (künstlichen oder natürlichen) Akteuren spricht und – ähnlich wie bei der phänomenologischen Reduktion – nicht mehr davon ausgeht, dass zwischen den Zuständen des Akteurs und den Zuständen seiner Außenwelt ein abbildendes oder kausales Verhältnis existiert. Die grundlegenden Unter- scheidungen, die ein Akteur trifft, sind nicht weiter veridikal“ (Prakash et al. 2020, Pra- ” kash et al. 2021), also beziehen sich nicht mehr auf umweltlich vorgegeben Kategorien. Wenn nun sogar die Innen-Außen-Dichotomie bestritten würde, wohin dann mit dem 169 5 Die Welt des Bewusstseins

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Bewusstsein? Der Vorschlag von Hoffman (2008) ist es, letztlich nur noch von Bewusst- seinstätigkeit auszugehen, aus welcher sich dann – mathematisch präzise – die Emergenz von subjektiven und objektiven Strukturen formulieren ließe (Hoffman & Prakash 2014). Als Konsequenz können dann auch nicht mehr die Zustände des Akteurs und seiner Außenwelt mit denen der Motor- und Sinnesorgane respektive dessen objektiver Um- welt identifiziert werden. Diese ergeben sich als wahrgenommene aus den Tätigkeiten eines fundamentaleren Bewusstseins. Die Inhalte unserer Wahrnehmungen, inklusive der Wahrnehmung von einem Selbst und einem Gegenüber, sind nicht mehr als Schlüsse auf die objektiven Eigenschaften externer Gegenstände zu betrachten, sondern Produkte der Evolution von Bewusstseinstätigkeit. Jedoch scheinen beide Ansätze, gerade keine Theorie des Bewusstseins im herkömmlichen Sinn zu formulieren, und insbesondere ist nicht ersichtlich, wie sich aus ihnen eine der- artige Theorie ableiten ließe. Im ersten Beispiel wird dafür argumentiert, wie aus der Dynamik eines natürlichen, biologischen Systems bestimmte Eigenschaften wie Intentio- nalität oder Subjektivität – aber eben keine Phänomenalität – ausbildet. Im zweiten wird postuliert, dass jenseits der Unterscheidungen, die ein Akteur als evolutionär-bedingtes Wesen ausbildet, ein ununterschiedenes Bewusstsein steht. Im besten Fall kann vielleicht noch dafür argumentiert werden, dass Phänomenalität dieser Unterscheidungsfähigkeit zugrunde liegt – wir unterscheiden die Dinge, entsprechend der phänomenalen Unter- schiede, derer wir uns in der Wahrnehmung bewusst werden. Doch selbst dann ist dies weit davon entfernt, eine Erklärung für Phänomenalität zu liefern, die z.B. auf neuronale Aktivität verweisen würde. Dies stellt allerdings keinen Makel dieser Ansätze dar, sondern ist sogar begrüßenswert, insofern, als jene Ansätze die Frage, wie das Bewusstsein als Gegenstand dieser Welt zu charakterisieren sei, durch die Frage ersetzen, wie Objekte als Zeichen für sinnvolle Be- zugnahmen fungieren können. 170 5 Die Welt des Bewusstseins

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5.3 Brücken zur Philosophie: Husserl, Kant und Whitehead Die Phänomenologie Husserls Die Idee, in der subjektiven Wahrnehmung würden verweisende Objekte hervorgebracht werden, was sich aber nach objektiven (mereologischen) Kriterien vollzieht, scheint auf die Phänomenologie Husserls zu verweisen. Wir bezeichnen, anders als Husserl, diesen Prozess als emergenten“ – einerseits um die Neuartigkeit der Wahrnehmungsinhalte, ” anderseits um die Kontinuität des Wahrnehmungsprozesses mit Naturprozessen hervor- zuheben. Die Verbindung von (referentieller) Neuartigkeit und (genetischer) Kontinuität rückt dies in die Nähe des emergenten Panpsychismus“ (Brüntrup 2016), wonach Bewusstsein ” als allgegenwärtiges Phänomen zu betrachten sei, aus dem diverse Entitäten (wie etwa menschliche Subjekte) hervortreten können, deren Eigenschaften nicht in bereits in denen ihrer Bestandteile zu finden sind. Allerdings unterscheiden wir zwischen der (subjektiven) Wahrnehmung und dem (ungeteilten) Bewusstsein, was dazu führt, dass unsere Position weder eine eindeutig phänomenologische noch eine eindeutig panpsychistische ist. Gemein ist ihnen allerdings, dass sie eine (non-standard ) Form des Realismus postulieren: gegen den Außenwelt- Skeptizismus, aber für den Realismus von Bewusstsein.7 Welt ist immer eine subjekt-zentrierte und erstpersonal-erfahrene“ (List 2022), die ” sich objektiv (unvollständig) als System von Beziehungen darstellt. Man kann nun den Gegensatz zwischen der phänomenologischen Sichtweise und einem klassischen, z.B. Wittgensteins logisch-bildlichen Weltverständnis wie in Tab. 5.2 deutlich machen. Eine Beziehung ist eine Relation von Gegenständen. Was sind diese Gegenstände? In der Wahrnehmung erscheinen uns Objekte, die wir für Verweise auf Gegenstände halten, also liegt es nahe zu behaupten, Systeme von Beziehungen seien letztlich Systeme von Relationen zwischen Wahrnehmungsinhalten (bzw. deren Referenten). Dies wäre mit einer Form des Idealismus gleichzusetzen (man könnte diesen etwa einen objektiven“ ” nennen). Allerdings würde dies übersehen, dass nicht notwendig alle Gegenständen Referenten 171 5 Die Welt des Bewusstseins

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Tabelle 5.2: DerTractatus (Hervorhebung RP) im Vergleich zu einer phänomenologischen Sichtweise. 1 Die Welt ist alles, was der Fall ist. 1.1 Die Welt ist die Gesamtheit der Tatsachen, nicht der Dinge. 2 Was der Fall, ist, die Tatsache, ist das Bestehen von Sachverhalten. 2.01 Der Sachverhalt ist eine Verbindung von Gegenständen. (Sachen, Dingen) vs. 1 Meine Welt ist alles, was mir erscheinen kann. 1.1 Bewusstsein erscheint subjektiv in der Wahrnehmung. 2 Bewusstsein erscheint objektiv als System von Beziehungen. 2.01 Eine Beziehung ist eine Relationen von Gegenständen. (Sachen, Dingen) von Wahrnehmungsinhalten sind. Subjekte, etwa, entsprechen selbst keinen Wahrneh- mungsinhalten, können aber Glieder innerhalb einer Zeichenkette sein, also Teile eines Systems von Beziehung bilden. Ein zweites Beispiel dafür, dass hier nicht (unqualifiziert) vom Idealismus gesprochen werden sollte, liefert der Begriff der Intersubjektivität“. Objekte, so Husserl, konstituie- ” ren sich zwar subjektiv. In späteren Arbeiten Husserls und bei anderen Phänomenologen wie etwa Sartre wird dabei der Begriff der Inter subjektivität aber immer relevanter. Ob- jekte sind Produkte von Intersubjektivität. Die Eigenschaft, dass sich mehrere Subjekte auf denselben Gegenstand beziehen können, fließt ein in die subjektive Konstitution eines Objekts (aus dem Bewusstsein). So wie sich subjektive Wahrnehmung nur unzureichend verobjektivieren lässt, lässt sich objektive Darstellung nur unzureichend versubjektivieren. Dies bedeutet aber nicht, dass es Objekte (oder Subjekte) außerhalb des Bewusstseins gäbe. Jedwede Form von (vermeintlicher) Transzendenz ist Bewusstseins-immanent. Die Transzendentalphilosophie Kants Die Vorstellung, dass eine phänomenologische Untersuchung in erster Linie auf Bedin- gungen der Möglichkeit von Zeichensetzung (als Hervorbringung verweisender Objekte) 172 5 Die Welt des Bewusstseins

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abzielt, verweist auf die Transzendentalphilosophie Kants. Die Realität des Bewusstseins scheint zudem zwangsläufig hypothetisch zu bleiben, da wir dieses gar nicht anders als über Objektivierungen, also eben nicht in seiner Absolutheit erfassen können. Unsere ontologischen Bestimmungen sind relative. Es könnte allerdings vermutet werden, dass die eine Welt aus der Summe der zen- trierten Welten gewonnen werden könne. Dies ist jedoch trügerisch, etwa wenn wir Witt- gensteins Definition der Welt als alles, was der Fall ist, folgen. Es gibt ja gar keine Tatsa- che, der eine Gesamtheit von (subjekt-zentrierten) Welten entspräche. Phänomenologisch würde man sagen, dass die Gesamtheit der Welten niemandem in Erscheinung treten könnte. Ein ähnlicher Gedanke ist uns bereits im Kapitel über Mereologie bei der Ver- neinung der Existenz eines Universums (= die Gesamtheit aller verweisender Objekte). Meine Welt ist Teil des Bewusstseins, aber Bewusstsein ist nicht die Gesamtheit aller Welten. Kant kann als einer der ersten Philosophen gelesen werden, der die Grenzen eines absolutistischen Weltbegriffes hervorgehoben hat. In den Antinomien spricht Kant von den Widersprüchlichkeiten, die entstehen, wenn wir versuchen, Allaussagen über die Welt als Ganzes zu tätigen: etwa dass sie (un)endlich sei, oder dass sie in ihrer Erscheinung (nicht) determiniert sei. Analog wollen wir annehmen, dass sich aus dem Weltbegriff – sei es als Gesamtheit der Tatsachen oder als Gesamtheit der Erscheinungen – auch keine Allaussagen über Bewusstsein ableiten lassen. Bewusstsein ist nicht Teil der Welt. Eine weitere Ansicht, die gewöhnlich Kant zugesprochen wird, ist diejenige, dass sich unsere Erfahrungen nicht einfach aus den äußeren Dingen ableiten lassen. Die Dinge richten sich nach den Begriffen, die wir haben, und nicht umgekehrt. Nach der Erst- veröffentlichung der KrV wurde Kant der Vorwurf gemacht, es handle sich dabei um ein subtiles Argument für einen nicht-subtilen Idealismus, worauf hin sich Kant gezwungen sah, sich nun expliziter vom empirischen Idealismus“ (KrV A 372) abzugrenzen. Das ” Argument war indessen wieder ein transzendentales. Dass mir überhaupt etwas erschei- nen kann, bedingt, dass es etwas außerhalb der Erscheinungswelt gibt, welches unsere Sinne zur Tätigkeit anregt – oder sie affiziert“. ” Wenn ich sage: im Raum und der Zeit stellt die Anschauung sowohl der 173 5 Die Welt des Bewusstseins

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äußeren Objekte, als auch die Selbstanschauung des Gemüths beides vor, so wie es unsere Sinne afficiert, d.i. wie es erscheint, so will das nicht sagen, daß diese Gegenstände ein bloßer Schein wären. (KrV B 69) Denn: Was mit den materialen Bedingungen der Erfahrung (der Empfindung) zu- sammenhängt, ist wirklich. (KrV B 266) Doch wie kann dieses Affizieren verstanden werden? Unmöglich als kausaler Mechanismus zwischen (psychischen) Sinneseindrücken und (physikalischen) Objekten, da die Kausa- lität ja selbst nur eine Relation zwischen Erscheinungen spezifiziert und nicht zwischen einer Erscheinung und einem Ding-an-sich. Historisch hat die (unmögliche) Beziehung zwischen Erscheinung und Ding-an-sich für viel Kritik an Kant geführt, z.B. im Rahmen des deutschen Idealismus. Ein Argument, welches u.a. von Schopenhauer ins Feld geführt wurde, besagt, dass wir dieses Ding-an- sich im lebendigen Leib (quasi aus der Innenperspektive) wahrnehmen, während es uns als physikalisches Objekt (quasi aus der Außenperspektive) durch die Sinnesorgane geben ist (Schopenhauer 1844/1972, I.19). Wir wollen Kants Affizieren“ als das Ausbilden einer Teil-Ganzes-Relation verste- ” hen. Das Bewusstsein als Ganzheit – das noumenon – bringt Wahrnehmungen als Teile – phenomena – durch das Zusammenspiel objektiver und subjektiver Komponenten hervor. Wir können, Kantisch gesprochen, nichts über das Ding-an-sich aussagen, außer, dass es uns in seiner Phänomenalität gegeben ist. Mereologische Untersuchung beschränkt sich auf die Darstellung der Relation zwischen Ding-an-sich und Erscheinung. Bewusstsein ist das Unsagbare, doch wir können darauf verweisen. Aber wie sollen wir in diesem Zusammenhang Kants Begriffe“ verstehen? Im Unter- ” schied zu Kant kommt den Begriffen hier primär keine kognitiv-linguistische Funktion zu, sondern die einer Unterscheidungsgewohnheit (Hampe 2007, Kap. 18), also eine Form der Abstraktion auf der Basis einer wiederkehrenden Konstellation von Einzelereignis- sen und Bedingung der Möglichkeit von Zeichenbildung. Der einfachste Begriff ergibt sich aus der Unterscheidung eines Teils von seinem Ganzen. Auch einfache Organismen 174 5 Die Welt des Bewusstseins

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benutzen demgemäß Begriffe, auch wenn sie weder ein komplexes Nervensystem haben, noch über eine Form der Sprache verfügen.8 Die Kosmologie Whiteheads Die projektive Mereologie, verstanden als Strukturdarstellung möglicher Zeichenbildung, in Verbindung mit einer prozessualen Metaphysik, legt einen Vergleich zu Whiteheads Methode der extensive abstraction“ nahe, die den Übergang einer vor-bewussten Wahr- ” nehmung ausgedehnter Ereignisse (ihrer apprehension“) zur eigentlichen (bewussten) ” Objektwahrnehmung beschreibt und paradigmatisch in den Kapiteln VI-VIII der PNK darlegt wird. Wenn Whitehead also von apprehension“ spricht, so meint er Beziehungen, ” die wir innerhalb eines Geflechts von Ereignissen ausmachen können. Tatsächlich bestehen einige Ähnlichkeiten zwischen unserer Prozessmereologie der Wahrnehmung und dem System Whiteheads. Schematisch lässt sich letzteres in zwei Schritten darstellen: Erstens, lassen sich diese Beziehungen von Ereignissen anhand von Momenten ( constants of externality“) charakterisieren, die sich als Definiertheit und ” Position ( here-present“ und now-present“) zweier aufeinander bezogener Ereignisse – ” ” ein wahrnehmendes ( percipient“) und ein wahrgenommenes ( apprehended“) Ereignis ” ” – innerhalb einer Dauer, als deren Extension und Einbettung sowie als Kontinuität zum gesamten Prozess der Natur ( community with nature“) bezeichnen lassen (Tab. 5.3, ” linke Spalte). Wahrnehmung ist eine Relation innerhalb der Natur, die zwischen zwei Ereignissen besteht, und nicht ein Vorgang, der einen Wahrnehmenden außerhalb der Natur mit dieser verbindet. Wichtig ist, dass es hier nicht um das Wahrnehmen oder die Apperzeption eines Objekts – Objekt im weitesten Sinne, hier zu verstehen als singulärer und relativ per- manenter Bezugspunkt des Denkens –, sondern um das Darstellen einer Beziehung zwi- schen Ereignissen geht, wobei Ereignisse zwar ontologisch fundamentale und mereolo- gisch strukturierte, aber nicht-diskrete und vergängliche Entitäten darstellen. Aus diesen Ereignissen lassen sich jedoch, zweitens, Objekte als zugehörige recogni- ” ta“ verstehen, die aus einer Abstraktion hervorgehen. Analog der Einteilung in wahrneh- mendes und wahrgenommenes Ereignis ergeben sich so das wahrnehmende oder perzipie- 175 5 Die Welt des Bewusstseins

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rende Objekt ( percipient object“) und die wahrgenommenen Eigenschaften und Objekte ” ( sense-objects“ bzw. die perceptual objects“, die unter Umständen von einem percep- ” ” ” tual judgement“ begleitet werden); vgl. auch Abb. 5.1, in welcher die Begriffe Stuhl“ ” und Fuß“ Wahrnehmungsobjekte darstellen, die aus einem wahrgenommenen Ereignis ” hervorgehen, wohingegen das perzipierende Objekt als objektiviertes Subjekt“ bezeich- ” net werden kann. Auf gar keinen Fall sollte der Begriff Subjekt“ mit einem personalen, ” andauernden Selbst gleichgesetzt werden. Viel eher gleicht Whiteheads percipient object dem, was von uns als Reifikation des subjektiven Pols“ eines Wahrnehmungsprozesses ” bezeichnet wurde: [It] is a recognizable permanence [...] which is the unity of awareness whose recognition leads to the classification of a train of percipient events as the natural life associated with one consciousness. (PNK, § 22.4). Hinzu kommen die Situationen“ und Konditionierungen“, die (Teile derjenigen) Er- ” ” eignisse sind, die mit den wahrgenommenen Ereignissen in einer Relation stehen: Objekte sind eingebettet in die Situation, innerhalb derer sie als selbst-identische Permanenzen auftreten, Konditionierungen, etwa naturgesetzliche Ursachen, die außerhalb der Dauer der zugrundeliegenden apprehension liegen, bestimmen den Charakter“ eines solchen ” Objekts.9 Whiteheads Methode der extensive abstraction ist eine Darstellung des Übergangs von den ausgedehnten Ereignissen hin zu den diskreten Objekten. Dabei entstehen“ die ” diskreten Objekte ähnlich wie Punkte als Grenzwerte einer Folge immer kleiner werden- der konzentrischer Kreise entstehen“. Dieses Bild ist ähnlich zu der früher diskutierten ” Rekonstruktion der Geometrie durch Alfred Tarski, der den Begriff des Punktes vom Begriff der ausgedehnten Kugel ableitet. Betrachten wir indessen die Objektivitätskriterien der projektiven Mereologie, finden wir die korrespondierende Ansicht, dass sich Objekte als selbst-identische, verweisende, und strukturierte Ergebnisse eines ( bezeichnenden“) Prozesses ergeben. Ganz wie bei ” Whitehead gehen Objekte aus einem Prozess hervor und bilden nicht dessen Grund- lage. Anders als bei Whitehead beschreiben mereologische Beziehungen jedoch nicht 176 5 Die Welt des Bewusstseins

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die Seinsweise einer zugrundeliegenden Wirklichkeit (z.B. ihre Extensionalität), sondern charakterisieren die Struktur von Wahrnehmungsvorgängen (→ Wahrnehmung als Her- vortreten von verweisenden Objekten im Bewusstsein) Drei mögliche Einwände gegen das System Whiteheads drängen sich auf. Eine kurze Diskussion dieser Einwände lässt noch einmal die Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen Whiteheads System der PNK und der hier vertretenen Prozessmereologie der Wahrnehmung stärker hervortreten. Erstens: Wer abstrahiert? Wodurch oder in welchem Medium wird abstrahiert? Selbst- verständlich würde Whitehead den Vorwurf, dass in seiner Methode der extensi- ve abstraction immer ein angenommener Dualismus mitschwingen würde, scharf zurückweisen, dennoch bleibt die Beantwortung obiger Fragen äußert schwierig, ohne dabei auf scheinbar dualistisches Vokabular zurückzugreifen. Wie lässt sich hier eine Antwort geben, ohne selbst in eine bifurcation of nature“ zu verfallen? ” Seine Theorie der prehension, die er in PR als nicht-kognitive Vorstufe zur appre- hension entwickelt, kann als Versuch einer solchen Antwort interpretiert werden, die Whitehead den Ruf eines Panexperientialisten“ (Griffin 1977) eingebracht hat. ” Letztlich wird Natur als Prozeß der Erfahrung von Erfahrung“ (Hampe 1990, ” S. 115) verstanden, wodurch die Vorstellung, dass jede psychische Relation auf ein Außerhalb der Natur verweist, zugunsten der Ansicht, wonach jeder Form von Relationalität in der Natur auch immer ein psychisches Moment zukommt, zurückgewiesen wird. Dies ist verwandt zum Kontinuitätsargument des Panpsy- chismus: Falls wir nicht daran glauben, das Bewusstsein aus der unbewussten Ma- terie entstehen könne und wird dennoch den Dualismus zurückweisen wollen, ist es die einfachste Möglichkeit anzunehmen, dass Bewusstsein einen fundamentalen Bestandteil der Natur darstellt. Zweitens: Was ist der Ausgangsstoff (das Material“), aus dem sich die bewusst wahr- ” genommenen Objekte ergeben? Diese Frage ist entscheidend, da wir nur hier – im eigenen Bewusstsein – tatsächlich ( empirisch“) mit psychischen Vorgängen ” konfrontiert sind. Eine jede Extrapolation – sei es die Rede vom Geist in der Ma- ” 177 5 Die Welt des Bewusstseins

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schine“ oder vom Bewusstsein in der Natur“ – ist letztlich Spekulation, die über ” unsere eigene Erfahrung hinausführt. Wie in der vorigen Antwort bereits angedeutet wurde, lassen sich die Objekte des Bewusstseins bei Whitehead als Abstraktionen eines psychophysischen (vor- bewussten) Prozesses denken. Zusätzlich liefert uns nun Whitehead aber eine for- malontologische Charakterisierung dieser Prozesse mithilfe mereologischer Über- legungen – etwas das als formale Naturmetaphysik oder als Teile einer Kosmolo- ” gie“, wie sie Whitehead später in PR bezeichnen wird, gelten kann. Dass der mereologische Kalkül bei Whitehead primär von den Strukturen der Er- eignisse handelt und dass sich die Teilseinsrelation nur in abgeleiteter Weise auf die Objekte des Bewusstseins bezieht, wird in Kapitel VII der PNK am Beispiel eines Stuhls illustriert: Während wir vielleicht in abkürzender Rede sagen würden, dass der Fuß einen Teil des Stuhls bildet, müssten wir korrekterweise damit mei- nen, dass zwischen dem Ereignis (also der Situation“), aus dem via extensive ab- ” straction das Objekt Stuhl“ hervorgeht, und dem Ereignis (der Situation“), aus ” ” dem das Objekt Fuß“ hervorgeht, eine Teil-Ganzes-Beziehung existiert. Zwischen ” dem Stuhl“ und dem Fuß“ besteht nur indirekt eine Teil-Ganzes-Beziehung, denn ” ” Objekte selbst sind nichts als Abstraktionen der eigentlich wirklichen Ereignisse. Mereologie ist Formalontologie (Abb. 5.1). Anders in der Prozessmereologie der Wahrnehmung. Die Kapitel 4 und 5 können dahingehend interpretiert werden, dass Mereologie nicht die fundamentale Seins- weise der Welt beleuchten würde, sondern vielmehr nur eine Darstellungsweise der Erscheinungsweise des Bewusstseins liefert. Dies ist konsistent zur Ansicht, wo- nach es gar keine nicht-kontextuelle Einteilung in Ganzheiten und Teile gibt, die unabhängig von konkreten theoretischen und praktischen Verfahren existiert (vgl. auch unsere früheren Ausführungen zu Kants Ding-an-sich). Spezifisch dient das System der projektiven Mereologie zur Beschreibung des Vorganges – eben jenes Vorganges, der für gewöhnlich als Bewusstwerdung“ bezeichnet wird –, der sich ” während der Herausbildung verweisender Objekte im Bewusstsein vollzieht, nicht 178 5 Die Welt des Bewusstseins

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Objekt „Stuhl“ perzipierendes Objekt Objekt „Fuß“ Dauer Situation von „Stuhl“ Situation von „Fuß“ { } Wahrnehmendes Ereignis Abbildung 5.1: Mereologische Strukturiertheit von Ereignissen. Wellenlinien führen auf die Objekte des Bewusstseins (Methode der extensive abstraction). Urteile über Teil-Ganzes- Beziehungen zwischen ihnen ( der Fuß ist Teil des Stuhls“) sind nur abgeleitet von den ” eigentlichen“ Teil-Ganzes-Beziehungen auf der Ebene von Ereignissen (Situationen). ” aber zur Charakterisierung eines metaphysischen Bildes. Drittens: Wie lässt sich die Auffassung begründen, dass es sich bei der Struktur der Ereignisse nicht selbst bloß“ um eine Abstraktion handle? Objekte sind gemäß ” Whitehead Abstraktionen von Ereignissen, aber woher kommt es, dass in objekti- ” ver“ Weise über Ereignisse gesprochen werden kann? Sind nicht auch die Beschrei- bungen, die dabei gegeben werden, letztlich sozial erlernte Formen der Ausdrucks- weise und müsste daher nicht eine Form der Sozialität immer bereits vorausgesetzt werden? Aus heutiger Perspektive drängen sich solche Fragen auf, zu Whiteheads Zeit wa- ren sie aber keine offensichtlichen. Dabei ließe sich entgegnen, dass Emergenz ja gerade beschreiben soll, wie ein zeichenhaftes Objekt aus Prozessen hervorgehen, die einerseits synthetisierend sind, also Einheit stiften, und die andererseits unter- scheidend sind, also Vielheit erzeugen. Auch wenn an dieser Stelle keine genaueren 179 5 Die Welt des Bewusstseins

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Ausführungen gegeben werden sollen, ist es denkbar, dass sich dieser Gedanke befriedigend auf die Wechselwirkung zwischen individueller und kollektiver Zei- chenverwendung übertragen lässt. Dies kann (und soll) nicht das Projekt einer Fundamentalmetaphysik rehabilitieren, aber zumindest die Konsistenz der Pro- zessmereologie der Wahrnehmung behaupten. Letztlich führt dies auf die Ansicht, wonach das Geflecht aus Ereignissen bloß“ eine ” Objektivierung des ungeteilten Bewusstseins ist. Es lässt sich als System von Beziehung darstellen, welches relativ zu einer sozial bedingten Zeichenverwendung ist. Da es sich dabei aber nur um eine mögliche Darstellungsweise handelt, sollten wir sie vom ungeteil- ten Bewusstsein, dessen bloßer Aspekt sie ist, zu unterscheiden. Andere soziale Gefüge bringen vermutlich andere Darstellungen mit sich. Die Darstellungsweise des ungeteilten Bewusstsein ist potenziell unendlich. Entsprechen dem potenziell unendliche Arten das ungeteilte Bewusstsein wahrzunehmen? In Tab. 5.3 (rechte Spalte) sind noch einmal überblicksartig die zentralen Charak- teristika einer Prozessmereologie der Wahrnehmung gelistet. Während Whiteheads Phi- losophie einen neuartigen Naturbegriff vorgestellt, innerhalb dessen Bewusstsein seinen Platz findet, wird hier ein neuartiger Bewusstseinsbegriff vorgestellt, innerhalb dessen Begriff wie Natur“ (oder andere) ihren Platz finden. Was in den PNK die Rolle einer glo- ” balen Zusammengehörigkeit von Ereignissen in der Natur (community of nature) spielte, entspricht hier die Auffassung, dass sich die wahrgenommenen Objekte als Projektionen aus einer Ganzheit ergeben, welche als System von Beziehungen darstellbar ist. Es geht nicht darum, einen Platz für Bewusstsein in der Natur zu finden, sondern darum, einen Platz für Natur im Bewusstsein zu finden. 5.4 Universelles Bewusstsein In einer instrumentalistischen Sichtweise kann das Du gleichgesetzt werden mit Objekten (bzw. das System, welches aus ihnen gebildet wird), die so aussähen, als ob sie als stell- vertretend für ein je anderes Subjekt anzusprechen wären. Dies ist höchst aktuell, wenn es etwa um die Frage nach Rechten für Tiere oder Maschinen geht. Viele wären geneigt, eine Bewusstseinsfähigkeit als notwendiges10 Kriterium voraussetzen: Für den Fisch, der 180 5 Die Welt des Bewusstseins

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keine Schmerzen wahrnehmen kann, brauche es kein Recht auf ein schmerzfreies Leben. Mit der Maschine – sei sie eine biologische oder eine aus Silizium –, die nur im Dunkeln vor sich hin rechnet, könne umgegangen werden, wie es uns passt. Eine realistische Sichtweise folgt aus dem Kontinuitätsargument des Panpsychismus: Da wir nicht in der Lage sind, eine fixe Grenze zwischen bewussten und nicht-bewussten Lebewesen und Dingen zu ziehen, folgern Panpsychisten z.B. mithilfe eines Analogie- schlusses, dass prinzipiell allem eine Form von Bewusstsein zuzusprechen sei (vgl. hierfür Prentner 2014, S. 104f.). Wir stehen mit der Welt auf Du und Du. Durch die vorgeschlagene semiotische Auflösung (Personen stehen für Zeichensyste- me, die aus dem ungeteilten Bewusstsein hervorgehen), erhält das Kontinuitätsargument eine neue Wendung, nicht weil nun doch erklärt werden könnte, warum wir ein System das eine Mal als Es“ und das andere Mal als Du“ ansprechen sollten, sondern weil nun ” ” gar nicht mehr darauf abgezielt wird, ein Bewusstsein in“ Objekten zu erkennen: Ob- ” jekte sind prinzipiell nur Zeichen und es ist sinnlos zu fragen, ob Zeichen bei Bewusstsein sind. Zwar ist außerhalb des Prozesses, zu dem ein Ich als relatum gehört, d.h. außerhalb der je-eigenen Erfahrung, Bewusstsein in einer nicht-verobjektivierten Form ja gar nicht erfahrbar; wir sehen – im wörtliche Sinne – nirgends Bewusstsein. Doch dies zeigt nur die Grenzen unserer Wahrnehmungsfähigkeit auf, nicht aber die Grenzen der Wirklichkeit über unsere Wahrnehmung hinaus. Wenn wir z.B. die Erfahrungsberichte von Testsub- jekten mit den Bildern ihrer neuronalen Aktivität vergleichen, dann vergleichen wir nicht etwas Subjektives“ mit etwas Objektivem“, sondern zwei verschiedene Arten von Zei- ” ” chenketten, die sich letztlich beide auf ungeteiltes Bewusstsein beziehen. Wir würden daraus aber nicht folgern, dass es sich bei den Versuchspersonen lediglich um eine nicht weiter schützenswerte Ressource handelt, die von uns beliebig benutzt werden kann (und sei es nur zum Zwecke der Erkenntnisgewinnung). Muster von Gehirnaktivität und sub- jektive Erlebnisberichte sind zwar nur Zeichenketten, aber sie verweisen eben auch auf das Bewusstsein. Und selbst wenn wir nun über unser eigenes Wahrnehmen Auskunft geben wollten, über die Form, in der wir selbst Bewusstsein erleben – etwa, wenn wir es zum Objekt 181 5 Die Welt des Bewusstseins

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eines introspektiven Berichtes machen –, benutzen wir wiederum Zeichen, um z.B. die Phänomenalität des Wahrnehmungsaktes zu benennen. Daraus entsteht zwangsläufig die Schwierigkeit auf die Frage zu antworten, was denn nun das Bewusstsein eigentlich sei“, ” worauf sich viele verlegen auf eine scheinbar intuitiv gegebene Einsicht berufen: Wenn ” Du noch fragen musst, wirst Du es niemals nicht verstehen.“ Weisen wir ein solches unmittelbares Wissen über Dinge, die uns als Objekte gegeben sind, als Mythos zurück, müssen wir schließen, dass alles, was wir über Bewusstsein und Wahrnehmung (als Objekt) aussagen, bereits wieder als über Zeichen vermittelt (und nicht als Darstellung der Sache selbst) anzusehen ist. Die Ausführungen in diesem Buch sind also selbst nur behelfsmäßige Versuche einer über Zeichen vermittelten Beschrei- bungsweise des so verobjektivierten Bewusstseins. Mehr kann die Philosophie auch gar nicht leisten. Wenn nun Bewusstsein, erstens, gar kein Objekt irgendwo in der Welt“ bezeichnet, ” d.h., wenn es sich bei dem“ Bewusstsein selbst nur um ein Zeichen für einen Prozess ” handelt, der die Objekte erst hervorbringt, und wenn ich, zweitens, anerkenne, dass sich dieser Prozess mindestens in mir selbst vollzieht; dann scheinen sich mir ceteris paribus nur zwei Alternativen darzubieten: ein Solipsismus, der nur von der Existenz einer ein- zigen wahren Bezugnahme auf die Welt ausgeht, oder ein universelles Bewusstsein, das in den Objekten seinen Ausdruck findet. 182 5 Tabelle 5.3: Whiteheads Methode der extensive abstraction im Vergleich zur Prozessmereologie der Wahrnehmung.Wie entstehen ( ) Objekte aus der Wahrnehmung von Ereignissen? – Wie entstehen Objekte innerhalb eines Systems von Beziehung? Mereologie bezieht sich dabei im einen Fall auf die ontologische Struktur von Ereignissen in der apprehension (Whitehead); im anderen Fall auf die Die Welt des Bewusstseins Darstellung von emergenten Phänomenen während der Wahrnehmung (Prozessmereologie der Wahrnehmung). Methode der extensive abstraction Prozessmereologie der Wahrnehmung Apprehension Consciousness 1. Definiertheit Subjekt/Objekt als Resultate eines Wahrnehmungsprozes- 183 ses 2. Position Objekte als selbst-identische Entitäten Objekt/ob. Subjekt 3. Referenz Referenz eines Objekts auf Ganzheit Situationen 4. Extension Mereologisches Verhältnis zwischen einem Objekt, seinen Konditionierungen und Einbet- Teilen und der zugehörigen Ganzheit tung 5. Kontinuität Darstellbar als System von Beziehungen

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Anmerkungen zu Abschnitt 5

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Anmerkungen zu Abschnitt 5 1 In der Regel sind Funktionalisten auch Physikalisten. Rein logisch lassen sich Spielarten des Funktionalismus aber durchaus mit nicht-physikalistischen Ansichten vereinbaren, solange diese ein Substrat kennen, das der Realisierung der entsprechenden Funktion zugrunde liegt – so etwa ein funktionalistischer Panpsychismus“ (Prentner 2014, S. 95f. und Abb. 1) oder der ” nicht-reduktive Funktionalismus“ von Chalmers (1996). Wir vertreten zudem die Ansicht, dass ” die qualitativen Eigenschaften des Bewusstseins mysteriös bleiben, solange wir das Substrat als materiell annehmen. 2 Etwa kategorientheoretische – siehe die Arbeiten von Signorelli, Wang & Coecke (2021),Dob- son & Prentner (2021) oder Tsuchiya & Saigo (2021). 3 Während virtuelle Teilchen manchmal als Fluktuationen eines Feldes bezeichnet werden, spricht man bei gewöhnlichen Teilchen oft lieber von relativ stabilen Anregungszuständen eines Feldes. Beide sind jedoch letztlich auf die Zustände eines Quantenfeldes zurückzuführen. 4 Wobei Quantenbiologie einen Oberbegriff für das Studium einer Reihe von biologisch rele- vanten Phänomenen darstellt, die auf nicht-trivialen Quanteneffekten beruhen. Für eine Kritik am vielleicht prominentesten Beispiel, der Photosynthese, siehe z.B. (Cao et al. 2020). 5 Ohne, dass es von den Autoren explizit erwähnt wird, lässt deren Modell, welches zwischen Nichtdeterminiertheit und Determiniertheit vermittelt, eine Verwandtschaft zum Zweiphasen- ” modell des freien Willens“ (Doyle 2010) bei William vermuten. 6 Formal ist dies sogar durch die (syntaktische) Informationstheorie gedeckt (Cover & Thomas 2006): Die bedingte Änderung von Wahrscheinlichkeiten kann als Übertragung einer Nachricht über einen Informationskanal“ gedeutet werden. ” 7 Der Cartesianismus kann im Gegenzug als Festhalten am Bewusstsein auf Kosten der Außen- welt; der Naturalismus als Festhalten an der Außenwelt auf Kosten des Bewusstseins interpretiert werden. 8 Man könnte allerdings, ähnlich, wie bei den Begriffen, davon sprechen, dass Sprache“und ” Kognition“sehr basale Fähigkeiten von Organismen bezeichnet (Baluška & Levin 2016, Lyon ” et al. 2021). 9 Ein möglicher Grund, warum Whitehead die Bedeutung von Konditionierungen hervorhebt, die über die eigentlich wahrgenommene Ereignisse (von denen ausgehend Objekte als Abstraktio- nen abgeleitet werden) hinausreichen, besteht darin, dass sich scheinbar nur auf diese Weise, die Existenz von überindividuell gültigen Naturgesetzen, welche die Objekte unseres Bewusstseins konditionieren“, mit individuell-psychischen Einzelwahrnehmungen vereinbaren lässt: Wenn wir ” 184 Anmerkungen zu Abschnitt 5

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mit Whitehead annehmen, dass alle Objekte nichts als Abstraktionen einer zugrundeliegenden Wahrnehmungstätigkeit (der apprehension) sind, dann scheint die Frage offensichtlich zu sein, wie denn nun der Status der gesetzmäßigen Verbindungen dieser Objekte zu beurteilen sei: Na- turgesetze handeln von Dingen, die es (außer als Abstraktion) gar nicht gibt; doch warum folgen dann die Inhalte des Bewusstseins letztlich diesen Gesetzen? Anders gefragt, wie können Gesetze, die immer nur von subjektiven Dingen handeln, objektive Gültigkeit besitzen? 10 Etwas mit Du“ anzusprechen impliziert meist, dass wir meinen, es mit einer Person zu ” tun zu haben; und dazu gehört mehr als nur die Überzeugung, einem empfindenden Wesen gegenüberzustehen. Auf den Unterschied zwischen Personen und Wahrnehmenden soll an dieser Stelle jedoch nicht weiter eingegangen werden. 185 Zitatnachweise und Siglen Den Kapiteln vorangestellte Zitate entstammen folgenden Quellen: I Werner Heisenberg, Physik und Philosophie, S. 56; Hirzel, Stuttgart, 5. Auflage von 1990. II Ludwig Wittgenstein, Vorlesungen 1930-1935, Anm. 286; Suhrkamp, Frankfurt am Main, 1989. III George Spencer Brown, Laws of Form, S. v; London, George Allen and Unwin Ltd, 1969. IV William James, Does ‘Consciousness’ Exist?, S. 477; in Journal of Philosophy, Psychology and Scientific Methods, 1: 477–491, 1904. V Friedrich Wilhem Joseph Schelling, Ideen zu einer Philosophie der Natur, 1797, Buch II: §7, 353; nach der historisch-kritischen Ausgabe der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Frommann-Holzboog, Stuttgart, 1994.. Zitatnachweise und Siglen

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Durch die folgenden Siglen sei verwiesen auf: KrV Immanuel Kant, Kritik der reinen Vernunft (2. Auflage, 1787). KdU Kritik der Urteilskraft (1788). LU Edmund Husserl, Logische Untersuchungen (2. Band, 1901). PIZ Zur Phänomenologie des inneren Zeitbewußtseins (1928). PNK Alfred North Whitehead, An Enquiry Concerning the Principles of Natural Knowledge (1919). CN The Concept of Nature (1920). PR Process and Reality: An Essay in Cosmology (1929). 187 Literatur Alvarez-Rodriguez, U., Sanz, M., Lamata, L. & Solano, E. (2018), ‘Quantum artificial life in an IBM quantum computer’, Scientific Reports 8(1), 14793. Anderson, M. L. & Chemero, A. (2013), ‘The problem with brain guts: Conflation of different senses of “prediction” threatens metaphysical disaster’, Behavioral and Brain Sciences 36(3), 24–25. Anderson, P. W. (1972), ‘More Is Different’, Science 177(4047), 393–396. Ashby, W. R. (1956), An Introduction to Cybernetics, Chapman& Hall, London. Ashby, W. R. (1962), Principles of the self-organizing system, in H. von Foerster & G. W. Zopf Jr. (Hg.), ‘Principles of Self-Organization: Transactions of the University of Illinois Symposium’, Pergamon Press, London, S. 255–278. Aspect, A., Grangier, P. & Roger, G. (1981), ‘Experimental Tests of Realistic Local Theories via Bell’s Theorem’, Physical Review Letters 47(7), 460–463. Atmanspacher, H. (2014), ‘20th Century Varieties of Dual-aspect Thinking’, Mind and Matter 12(2), 245 – 289. Atmanspacher, H. (2020a), Quantum approaches to consciousness, in E. N. Zalta (Hg.), ‘The Stanford Encyclopedia of Philosophy’, Summer 2020 Auflage, Metaphysics Research Lab, Stanford University. https://plato.stanford.edu/archives/ sum2020/entries/qt-consciousness/. Atmanspacher, H. (2020b), ‘The Pauli–Jung Conjecture and Its Relatives: A Formally Augmented Outline’, Open Philosophy 3(1), 527–549. Atmanspacher, H. & beim Graben, P. (2007), ‘Contextual emergence of mental states from neurodynamics’, Chaos and Complexity Letters 2(2-3), 151–168. Atmanspacher, H. & Bishop, R. C. (2007), ‘Stability conditions in contextual emergence’, Chaos and Complexity Letters 2(2-3), 139–150. Literatur

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